Qualität der Arzneimitteltherapie – der blinde Fleck im Krankenhaus

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Autor: W. Hilbe, J. Gampenrieder Satory, O. Assadian, M. Jeske

Jede Komplikation wird gezählt, jeder Cent verglichen – nur die häufigste Intervention im Spital bleibt unvermessen – die Wirksamkeit der Arzneimitteltherapie. In Österreich fehlen bislang gesetzlich verankerte Qualitätskriterien.

In modernen Krankenhäusern wird Qualität präzise gemessen. Mortalitätsraten, Komplikationen, Liegedauern, Infektionsraten und Kostenstrukturen werden systematisch analysiert, verglichen und berichtet. Kaum ein Bereich der Medizin bleibt inzwischen ohne Kennzahlen.

Eine der häufigsten medizinischen Interventionen im Krankenhaus bleibt jedoch erstaunlich unsichtbar in der Qualitätssteuerung: die Arzneimitteltherapie. In einem großen Akutkrankenhaus werden täglich tausende Medikamentenentscheidungen getroffen. Jede Verordnung, jede Dosisanpassung, jede Therapieumstellung ist Teil eines komplexen klinischen Entscheidungsprozesses. Gleichzeitig zählt die Arzneimitteltherapie zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Patientenschäden. Trotzdem wird ihre Qualität in vielen Qualitätssystemen nur am Rand betrachtet. Dieses Paradoxon wird besonders deutlich in einem alltäglichen Moment des Krankenhausmanagements: dem Budgetgespräch.

Für mich (Co-Autor Wolfgang Hilbe, Red.) als Abteilungsleiter einer großen internistischen Abteilung mit onkologischem Schwerpunkt sind Budgetgespräche mit der Krankenhausverwaltung ein vertrautes Ritual. Mit großer Präzision werden Arzneimittelausgaben analysiert, LKF-Diagnosen gegenübergestellt und Abweichungen zu Vergleichsperioden hinterfragt. Diese Gespräche verlaufen meist konstruktiv. Am Ende steht häufig die beruhigende Feststellung, dass sich die Ausgaben und Erlöse in einer akzeptablen Balance befinden. Wenn die Kennzahlen stimmen und Kodierungsfehler korrigiert sind, gilt die Aufgabe als erfüllt. Doch die entscheidende Frage nach der Treffsicherheit getätigter Maßnahmen bleibt in diesen Gesprächen oft unbeantwortet.

Die Qual des Überflusse
Die Qualität der Arzneimitteltherapie wird in den heimischen Kliniken eher vermutet als vermessen. Zielgerichtete Fortbildung muss den Qualitätskriterien zu mehr Nachdruck verhelfen.

Messen wir eigentlich das Richtige?

Denn während Kosten, Mengen und Diagnosen bis ins Detail analysiert werden, bleibt ein zentraler Aspekt der medizinischen Versorgung erstaunlich unsichtbar: die Qualität der Arzneimitteltherapie. Ist das die ganze Wahrheit? Warum reden wir nicht darüber, dass 40% der Arzneimittel bei geriatrischen Patient:innen reduziert werden könnten (Stichwort „Deprescribing“), dass wir viele Therapien applizieren, nur um unerwünschte Arzneimittelereignisse zu kompensieren (Stichwort „Arzneimittelkaskade“), dass viele Behandlungen in einem Gesamtkontext des individuellen Patienten den intendierten Nutzen gar nie entfalten können und nur toxisch wirken (Stichwort „Indikationsqualität“)? Warum werden regelmäßig Nieren durch Arzneistoffe geschädigt, Stürze durch „drop-inducing drugs“ ausgelöst und vieles mehr?

Es gibt tatsächlich eine andere Wahrheit. Am 19.12.2025 hat der Vorstand der ASQS (Austrian Society for Quality & Safety in Healthcare) Empfehlungen zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für Akutversorgungseinrichtungen und stationäre Langzeitpflege freigegeben und beschlossen. Das Dokument umfasst 36 Seiten und ist sehr zu empfehlen. Trotz eines von der WHO ausgerufenen globalen Aktionsplans für Patient:innensicherheit 2021 – 2030 gibt es in Österreich bislang keine gesetzliche Verankerung entsprechender Qualitätskriterien oder Indikatoren zur Anhebung der AMTS in Spitälern. Die 3. Globale WHO- Kampagne „Medikation ohne Schaden“ setzt den Fokus v.a. auf frühzeitige Maßnahmen bei den Themen Polypharmazie, Hochrisiko-Medikamente und Schnittstellenmanagement/Übergänge in der Versorgung. Phasen des Medikationsprozesses in denen die meisten medikamentenbedingten Schäden auftreten sind Verordnung (47%), Transkribieren und Verifizieren (5,63%), Verabreichen (22,14%), Überwachung (39,66%) und Dispensieren (4,3%) (WHO, 2024).

Die Empfehlungen orientieren sich deshalb an den fünf Schlüsselelementen zur Gewährleistung von Arzneimitteltherapiesicherheit (WHO, 2019):

  1. Angemessene Verschreibung und Risikobewertung
  2. Medikationsanalyse
  3. Dispensieren, Zubereitung und Verabreichung
  4. Kommunikation und Einbindung der Patient:innen
  5. Medication Reconciliation: Sicherstellung der richtigen Medikation bei Übergängen im Behandlungsprozess an Versorgungsübergängen/Nahtstellen

Bei Punkt 1 treten die meisten medikamentenbedingten Schäden auf: die Verordnung und ihre deshalb notwendige regelmäßige Risikobewertung und Evaluierung v.a. bei Hochrisiko- und Polypharmaziepatientinnen und an den Schnittstellen der Versorgung (siehe Infobox unten).

Angemessene Verschreibung und Risikobewertung geht Hand in Hand mit der zweiten Empfehlung: Bei Polypharmazie- und Hochrisiko-Patient:innen erfolgt die Überprüfung der Arzneimittelverordnung initial und bei Pflegeübergängen mittels Medikationsanalyse – „7 Schritte zur angemessenen Polypharmazie“, wobei allen Ärzt:innen die Expertise der klinischen Pharmazie patient:innen-bezogen zugänglich sein sollte.

Alle diese Punkte sind relevant, alle diese Punkte werden bereits über viele Stakeholder eingemahnt, sie werden grundsätzlich von allen Seiten befürwortet.

Warum ändert sich im klinischen Alltag nichts?

Das Prinzip „You get what you measure“ besagt, dass Menschen ihr Verhalten an Kennzahlen ausrichten, nach denen sie bewertet werden. Messgrößen wirken wie ein Navigationssystem für Mitarbeiter:innen, und sie sind wichtig für die Prozessoptimierung. Aber welche Kennzahlen (KPIs – key performance indices) könnte man für das AMTS nutzen, um den Faktor „Arzneimittelsicherheit“ zu erfassen?

Folgende Faktoren könnten verwendet werden:

  1. Outcome Indikatoren: UAE Rate (unerwünschte Arzneimittelwirkungen), Messung medikamentenbedingter Schäden bei Übergängen in der Versorgung, Rate an Medikationsfehlern, Rate schwerwiegender Wechselwirkungen, Re-Hospitalisierungsrate
  2. Prozesskennzahlen: Medikationsplan-Quote (Prozentsatz der Patienten, die bei der Entlassung einen Medikationsplan erhalten); Anteil Patientinnen, die einen Medikationsabgleich/Medication Reconciliation bei Aufnahme und Entlassung erhalten, Anteil patientenzentrierte Maßnahmen (Patientenkommunikation), Anteil Patienten mit mindestens einer ungeklärten Diskrepanz in der Medikation, Anteil an Hochrisiko- und Polypharmaziepatientinnen die eine patientenzentrierte Medikationsanalyse erhalten, Anteil an klinischen Pharmazeut:innen/100 Betten u.a.
  3. Präventionskennzahlen: CIRS-Meldungen (AMTS), Schulungsquote u.a.
  4. Strategische Steuerung: Meldekultur, Reporting System.

Die meisten dieser oben genannten KPIs sind nicht niederschwellig auf „Knopfdruck“ (Bsp. Rate an Wechselwirkungen) oder auch nicht in entsprechender Frequenz (Bsp. CIRS-Meldungen) verfügbar und werden daher im laufenden Betrieb nicht als Steuerungselemente verwendet. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, diese Kennzahlen im Rahmen von Audits in regelmäßigen Abständen zu erfassen.

Das A-IQI (Austrian Inpatient Quality Indicator) ist ein etabliertes zentrales Instrument zur Messung der Ergebnisqualität im österreichischen Krankenhauswesen. Dieses Instrument basiert primär auf LKF-Routinedaten. In diesem Kontext werden in regelmäßigen Abständen auch Audits durchgeführt. Erfahrene Primarärzt:innen analysieren retrospektiv ausgewählte anonymisierte Krankengeschichten nach definierten Kriterien wie Diagnostik, Therapie und Leitlinienkonformität. In der Folge werden Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung besprochen. Im Rahmen dieser Prozesse wird die Qualität der Arzneimitteltherapie nur marginal betrachtet, auf jeden Fall nicht mit einem klinisch-pharmazeutischen Fokus.

Unregulierte Fortbildung

Man kann auch einen anderen Ansatz verfolgen. Im QM ist die Schulung der Mitarbeiter:innen kein „nice-to-have“, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor und eine normative Anforderung. Qualifiziertes Personal erkennt Risiken frühzeitig, damit können die laufenden Prozesse verbessert werden. Bezogen auf die AMTS ist eine Ausbildung und laufende Fortbildung aller Mitarbeiter:innen, die mit Arzneimitteln arbeiten, zu fordern. Hier sind wir wieder bei der Messbarkeit: Die Aktivität der Fortbildung (DFP) ist messbar, die Qualität der verstandenen Inhalte ebenso (z.B. Prozent der richtigen Antworten).

Laut derzeitiger Rechtslage liegt die Pflicht der Fortbildung bei dem einzelnen Arzt/der einzelnen Ärztin, der/die in 5 Jahren 250 DFP-Punkte sammeln muss. Die Dauer der Fortbildung, der Nachweis und die Präsenzpflicht sind geregelt. Der Inhalt sollte der Aufrechterhaltung der fachlichen Kompetenz dienen, unterliegt jedoch weitgehend dem Interesse des Arztes/der Ärztin. Vonseiten des Krankenhausbetreibers entsteht damit ein blinder Fleck, da der Arbeitgeber nicht erfasst, ob der Mitarbeiter/die Mitarbeiterin die für einen qualitativen Betrieb notwendigen Fähigkeiten trainiert hat. Im Prinzip kann ein Internist alle DFP-Punkte mit der Echokardiographie absolvieren, auch wenn er diese Fähigkeiten auf seiner Stammabteilung gar nicht einsetzen kann.

In den chirurgischen Fächern ist es selbstverständlich, dass die Expert:innen mit nachweisbaren Operationszahlen ihre Fähigkeiten belegen. Auch bei der Reanimation ist es selbstverständlich, dass regelmäßige Trainings notwendig sind. Jeder neue ärztliche Mitarbeiter wird in der Transfusionsmedizin eingeschult, erst dann darf diese/r klinisch tätig werden.

Die 3. Global Patient Safety Challenge „Medication without Harm“ fordert konkret „Capability at point of care“. Die Arzneimitteltherapie sollte nicht der individuellen Inspiration folgen, die mit dem Hippokratischen Eid eingeimpft wurde, sondern ist eine professionelle und interdisziplinäre Expert:innenleistung. Diese Kompetenz kann nur durch konsequentes AMTS-Training erworben werden. Jeder Arbeitgeber sollte vorgeben, wieviel Fortbildung jeder Fachbereich im Segment der Arzneimitteltherapie vorweisen muss. Da die Aktivität für Fortbildungen vonseiten der Arbeitgeber im Sinne einer Dienstfreistellung unterstützt wird, ist es auch legitim, zentrale Inhalte der Fortbildung einzufordern. Es werden heute viele unterschiedliche niederschwellige und kostenlose Fortbildungsformate mit klinisch-pharmazeutischen Inhalten angeboten, wie zum Beispiel Podcasts oder das digitale fallorientierte Arzneimitteltraining MEDCH.

Was bleibt?

Die Therapie mit Arzneimitteln ist eine der häufigsten und zugleich komplexesten medizinischen Interventionen im Krankenhaus. Trotz ihrer enormen Bedeutung bleibt ihre Qualität in vielen Qualitätssystemen bislang ein blinder Fleck. Wenn Krankenhäuser die Arzneimitteltherapie nachhaltig verbessern wollen, müssen sie beginnen, ihre Qualität systematisch zu messen – durch geeignete Indikatoren, strukturierte Audits und gezielte Kompetenzentwicklung. Denn am Ende gilt auch hier ein einfaches Prinzip moderner Organisationssteuerung: You get what you measure.  

Qualitätskriterium der Verschreibung und Risikobewertung

In diesem Bereich werden 7 Handlungsfelder diskutiert, die in Summe dazu beitragen, dass die Qualität der Arzneimitteltherapie verbessert werden kann:

  1. Eine elektronische Fieberkurve unterstützt Ärzt:innen, Pflege und Krankenhausapotheker:innen durchgehend im Prozess.
  2. Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme (CDSS) sind in der elektronischen Fieberkurve etabliert, um Medikationsfehler zu reduzieren.
  3. Sicherheitsrelevante Informationen werden am Point of Care bereitgestellt.
  4. Der Einsatz von Wirkstoffverordnung kann dazu beitragen, die Medikations­sicherheit im Prozess zu erhöhen, sofern eine sichere technische Lösung möglich ist.
  5. Never Events: Verhinderung der Fehldosierung von Hochrisiko-Medikamenten.
  6. Überlegungen zur Beendigung der Medikation sollten Teil aller Medikamentenüberprüfungen sein, und der Prozess des „Deprescribing“ sollte ebenso robust sein wie jener der Verschreibung.
  7. Potenziell unangemessene Verschreibungen können zu einem ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis beitragen und den Nutzen dieser Medikamente für die Patient:innen verringern oder sogar aufheben.

Autor:innen:

Mag. pharm. Julia Gampenrieder Satory, aHPh
Onkologische Pharmazeutin (DGOP), Apotheke, Klinik Ottakring, Wien

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe
Vorstand der 1. Med. Abteilung – Zentrum für Onkologie und Hämatologie, Klinik Ottakring, Wien & CMO von MEDCH, Linz

Mag. pharm. Martina Jeske MSc, aHPh
Apothekenleitung Apotheke des A.ö. Landeskrankenhauses – Univ.-Kliniken Innsbruck

Prof. Dr. Ojan Assadian MSc, DTMH
Ärztlicher Direktor, Universitätsklinikum Wiener Neustadt-Hochegg