Alzheimer - Grazer Gehirntraining-App am Weg zum Medizinprodukt

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Scho

Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen, Rätsellösen, Wissensfragen und Singen – viele Trainings können den Krankheitsverlauf bei Alzheimer-Demenz positiv beeinflussen. In der Steiermark wird ein Gehirntraining am Tablet-Computer entwickelt, das im häuslichen Umfeld eingesetzt werden kann. Aktuelle Studienergebnisse zur App „Brainmee“ stimmen zuversichtlich, teilte die Forschungsgesellschaft Joanneum Research mit.

Alzheimer-Demenz gilt aktuell noch als unheilbar. 130.000 Personen sind österreichweit davon betroffen, bis 2050 dürfte sich der Anteil aufgrund des kontinuierlichen Altersanstiegs der Bevölkerung verdoppeln. Die Kombination von kognitiver, physischer und sozialer Aktivierung durch spielerische Ansätze scheinen erfolgversprechend und sind ein Hoffnungsträger um das Fortschreiten der Erkrankung einzubremsen.

Hier setzt die Arbeit der Forschungsgruppe von Silvia Russegger am Institut DIGITAL des Joanneum Research in Graz an. Sie engagiert sich in der Forschung im Bereich Active and Assisted Living (AAL) und Digitalisierung in der Pflege bei neurodegenerativen Erkrankungen und hat über die Jahre Kompetenzen in den Bereichen „Serious Games“ für Menschen mit Demenz aufgebaut. Jüngst wurde die von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) geförderte Studie „multimodAAL“ abgeschlossen, welches die Wirkung eines abwechslungsreichen, tablet-gestützten Trainings zur geistigen und körperlichen Aktivierung für Menschen mit Alzheimer untersucht hat.

Silvia Russegger vom Institut DIGITAL des Joanneum Research in Graz spricht von einem „eindeutigen Projekterfolg“

In der Studie wurde die Trainings-App, die auf körperliche Aktivierung, Gehirnaktivierung, Wahrnehmung, Kreativität und Spiele abzielt mit mehreren begleitenden medizinischen und pflegewissenschaftlichen Untersuchungen zusammengeführt. „Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen zum Aufwärmen werden gefolgt von Wissensfragen, Rechenaufgaben, Lückenwörtern und -texten, Puzzles, Bildpaaren, Fehlersuchbildern, Audiorätseln und mehr – so sollen unterschiedliche Gehirnregionen aktiviert werden“, schilderte Russegger gegenüber der APA. Die wissenschaftliche Basis der App bilden mehrere Forschungsprojekte der Joanneum Research, der Medizinischen Universität Graz und zahlreichen weiteren Partnern, die bereits in zahlreiche Publikationen mündeten.

Gedächtnisleistung fördern, Demenz verzögern

Die Probanden nutzten unter Anleitung von Mitarbeitern des Roten Kreuzes über sechs Monate das abwechslungsreiche tablet-gestützte Training zur körperlichen und geistigen Aktivierung. Mithilfe der neurologischen Magnetresonanztomografie und pflegewissenschaftlichen Erhebungen wurden die Auswirkungen dieser Intervention im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Training untersucht. Es habe sich deutlich gezeigt, dass die Aktivierungstrainings mittels digitaler Anwendungen die Gedächtnisleistung im Alter fördern und den Krankheitsverlauf von Demenz verzögert, fasste Russegger zusammen.

„Wir beschäftigen uns intensiv mit Technologien, die älteren oder beeinträchtigten Menschen helfen und sind stolz, dass uns im Projektkonsortium ein so eindeutiger Projekterfolg gelungen ist. Damit können wir vielen Menschen helfen, ihre Lebensqualität aufrechtzuerhalten“, resümierte Russegger weiter. Die von Joanneum Research entwickelte Lösung wird nun von ihrem Spin-off DIGITAAL life weiterentwickelt. Der Einsatz ist im Einzel- und Gruppensetting, in stationären Einrichtungen, bei mobilen Dienstleistungen und zu Hause möglich. Aktuell wird die App als Lifestyle-Produkt gehandelt, bis zum Jahresende will man die Anerkennung als zertifiziertes Medizinprodukt erreicht haben. „Zahlreiche Pflegeeinrichtungen österreichweit haben ‚Brainmee‘ schon im Einsatz“, sagte Geschäftsführerin Maria Fellner.

Die Studie wurde in der Steiermark durchgeführt und alle teilnehmenden Personen mit Alzheimer-Demenz kamen aus dem häuslichen Umfeld, dem betreuten Wohnen oder aus dem Pflegeheimbereich. Insgesamt wurden rund 30 Personen in die Studie eingeschlossen. Die neurologischen sowie neuropsychologischen Untersuchungen, die Blutabnahme, das Angehörigen-Interview und die MRT-Untersuchungen wurden von der Medizinischen Universität Graz unter Leitung der Abteilung für Neurologie durchgeführt.

Weiterführende Informationen finden Sie hier.

(APA/red.)

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