Bluttest könnte unnötige Antibiotikagabe bei Babys vermeiden

Lesedauer beträgt 2 Minuten
Autor: Scho

Ein einfacher Bluttest könnte unnötige Antibiotikatherapien bei Säuglingen verhindern helfen. Er unterscheidet zwischen viralen und bakteriellen Infektionen und wurde vor wenigen Tagen beim europäischen Notfallmedizinkongress vorgestellt.

„Fieber bei einem Säugling unter drei Monaten gilt als medizinischer Notfall, da bei sehr jungen Säuglingen mit noch nicht vollständig entwickeltem Immunsystem eine Infektion schnell lebensbedrohlich werden kann“, hieß es in einer Aussendung zum Europäischen Kongress für Notfallmedizin in Paris. Bei bakteriellen Infektionen sind Antibiotika angezeigt, bei Virusinfektionen sind sie schlichtweg unnötig. Solche Infektionen heilen von selbst wieder aus. Die Anwendung von Antibiotika ohne entsprechenden Grund kann auch die Entstehung von Resistenzen fördern.

Tommaso Bellini, Kinderarzt in der Notfallmedizin am IRCCS Istituto Giannina Gaslini in Genua: „Bei sehr jungen Säuglingen mit Fieber stellt die Unterscheidung zwischen einer schweren bakteriellen Infektion und einer selbst limitierenden Viruserkrankung eine große diagnostische Herausforderung dar. Unsere Standard-Biomarker können zwar Hinweise auf eine mögliche bakterielle Infektion liefern, führen aber auch zu falsch-positiven Ergebnissen, was eine Überbehandlung zur Folge haben kann. Dies kann unnötige Lumbalpunktionen, Antibiotikagaben und Krankenhausaufenthalte für Säuglinge bedeuten, bei denen sich letztendlich nur eine Virusinfektion herausstellt.“

Die italienischen Wissenschafter haben in einer Studie mit 60 Säuglingen einen neuen Bluttest erprobt. Bellini und seine Kollegen entnahmen allen Säuglingen Blutproben. Diese Blutproben untersuchten sie mittels sogenannter Durchflusszytometrie auf die Eigenschaften einzelner Immunzellen.

Mithilfe dieser Technik quantifizierten sie die Konzentrationen zweier Moleküle auf weißen Blutkörperchen, die bekanntermaßen bei Infektionen ansteigen. Eines dieser Zellmarker, CD64 genannt, befindet sich auf der Oberfläche von Neutrophilen, einer Art weißer Blutkörperchen, und steigt bei bakteriellen Infektionen an. Das andere, CD169 genannt, befindet sich auf der Oberfläche einer anderen Art weißer Blutkörperchen, den Monozyten, und erhöht sich bei Virusinfektionen.

Die Forscher kombinierten die Messwerte beider Moleküle zu einem Verhältniswert. Es zeigte sich, dass man damit jeweils Babys mit einer bakteriellen Infektion oder einer durch Viren bedingten fieberhaften Erkrankung unterscheiden konnte.

Hohe Sensitivität

Der Test wies eine „Sensitivität“ von hundert Prozent auf, was bedeutet, dass er alle Fälle einer bakteriellen Infektion korrekt erkannte, weiters eine „Spezifität“ von 96,6 Prozent, was bedeutet, dass die Rate der „falsch positiven“ Ergebnisse (bei denen der Test fälschlicherweise eine bakterielle Infektion bei einem Baby anzeigte) extrem niedrig war.

Bellini: „Diese beiden Markermoleküle zeigen gegensätzliche Profile – bei einer Virusinfektion ist der Wert des einen hoch, der des anderen niedrig, bei einer bakteriellen Infektion verhält es sich umgekehrt. Durch die Kombination beider Marker zu einem einzigen Verhältnis konnte in unserer ersten Kohorte von 60 Säuglingen bakterielle von nicht-bakteriellen Infektionen mit sehr hoher Genauigkeit unterschieden werden.“

Derzeit gibt es noch keinen Schnelltest für solche Untersuchungen am Krankenbett. Noch sind dafür spezialisierte Labors notwendig. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Auch eine größere Studie mit 300 bis 500 Säuglingen zur Bestätigung der ersten Forschungsergebnisse ist bereits geplant.

(APA/red.)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Forschende können auditorische Halluzinationen auslösen

Forschende können auditorische Halluzinationen auslösen

Um nicht-halluzinierende Menschen inexistente Stimmen hören zu lassen, haben die Forscherinnen und Forscher ein Experiment entworfen, um die Gehirne der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer zu verwirren.

Pandemie vernichtete laut WHO mehr als 300 Mio. Lebensjahre

Pandemie vernichtete laut WHO mehr als 300 Mio. Lebensjahre

Die WHO führt allein in den Jahren 2020/21 insgesamt rund 14,9 Millionen Todesfälle auf das Coronavirus zurück. Durchschnittlich sei jedes Mal ein Leben um etwa 22 Jahre verkürzt worden.