Digitalisierung in Gesundheitswesen als Gesamtprojekt

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Autor: Scho

Ohne gesamtheitliche Konzepte, dem Aufbrechen von Datensilos und dem Sammeln und Auswerten jeweils aktueller Daten wird eine Weiterentwicklung samt Digitalisierung des Gesundheitswesens kaum möglich sein. Dies erklärten Experten am Donnerstag beim 6. Digital Health Symposium der Praevenire-Gesundheitsinitiative in Wien.

Das größte Problem sind offenbar auch international die vielen verschiedenen Datensilos in Krankenhäusern, Ambulanzen, in der niedergelassenen Medizin und im Pflegebereich. Silvio Frey (Digital Health Transformation; Detecon AG/Schweiz) brachte dazu Informationen aus der geplanten umfassenden Digitalisierungsinitiative für die Universitätsklinik in Basel: „Die Klinik hat derzeit rund 250 Informationssysteme, die miteinander ’sprechen‘ sollten. Jedes ist ein Silo. Die Interoperabilität erfolgt mit ‚Copy-Paste‘ von Word-Dokumenten in PDF-Dateien.“

Diese uralten Quasi-Papierlösungen seien der größte Hemmschuh. Man müsse zunächst alle Beteiligten, Bereiche und Institutionen zusammenbringen und eine neue Organisation mit Überwindung der „Mauern“ dazwischen schaffen. „Datengewinnung, -Verteilung und -Speicherung sind nicht das Problem. Wir haben ‚oben‘ viele Daten, von denen ‚unten‘ nur wenige genutzt werden. Und wo ‚oben‘ Mist hineinkommt, kann ‚unten‘ nur Mist herauskommen“, erklärte Frey. Allerdings, derzeit krankt das Projekt einfach daran, dass die Ausschreibung für die Abwicklung abgebrochen werden musste.

In Wien ist der Zug in Richtung Primärversorgungseinheiten in der niedergelassenen Medizin längst abgefahren, sagte Naghme Kamaleyan-Schmied, zweite Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer, die als Allgemeinmedizinerin gerade selbst mit einer PVE in der Gründungsphase ist: „Wir haben in Wien derzeit 15 allgemeinmedizinische PVE, 17 weitere befinden sich in Umsetzung. Wir haben derzeit 15 Kinder-Primärversorgungseinheiten, vier weitere sind in Umsetzung.“

Bei der regionalen Verteilung offenbart sich allerdings eine Schwäche, was die grundlegenden Daten betrifft. Hier ist das Gesundheitswesen in Österreich offenbar bei weitem nicht auf dem aktuellen Stand. Die Kammerfunktionärin: „Wir planen da mit den Daten von 2015.“ Sinnvoll wäre auf jeden Fall eine Versorgungsplanung auf der Basis der jeweils aktuellen und in nächster Zukunft zu erwartenden regionalen Bevölkerungsentwicklung.

Digitalisierung, das kann auch mit einer stärkeren Verlagerung von Gesundheitsleistungen vom stationären in den ambulanten und niedergelassenen Bereich sowie in die Telemedizin einher gehen. „1450 first“, nannte der Direktor-Stellvertreter der Wirtschaftskammer Wien und zukünftiger Generaldirektor der SVS, Alexander Biach, einen Grundsatz für das österreichische Gesundheitswesen der Zukunft. Beratung am Telefon sollte am Beginn der Versorgung stehen. Dabei könnten bald auch gleich Arzttermine etc. vermittelt werden. Wenn Patienten diesen Weg statt den Gang in die Notfallambulanz wählten, könnte man ihnen beispielsweise die Rezeptgebühr erlassen.

Offene Baustellen in der Digitalisierung

Die Zahlen sprechen eindeutig für eine Verlagerung von medizinischen Leistungen vom stationären in den niedergelassenen Bereich. Biach: „Eine einzige Behandlung im Spital kostet (im Durchschnitt; Anm.) rund 6.500 Euro. Eine Behandlung im ambulanten Spitalsbereich kostet rund 430 Euro, eine Behandlung beim niedergelassenen Arzt rund hundert Euro.“

Der Finanzausgleich 2023 hätte im Gesundheitswesen vor allem eine Entlastung der Krankenhäuser im Auge gehabt, dorthin flössen auch 700 Millionen Euro an Finanzmitteln bei nur 300 Millionen an die Krankenkassen, betonte Andreas Huss, stellvertretender Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse. Jedenfalls sei man dabei, offene Baustellen in der Digitalisierung anzugehen.

So werde im Jahr 2026 erstmals die flächendeckende Diagnosecodierung bei den niedergelassenen Ärzten kommen. Bisher wisse man ja in Österreich nicht aktuell, an welchen Krankheiten die Menschen leiden und vor allem auch, wie die die regionalen Frequenzen ausfielen. Auch die Wahlärzte werden an ELGA angebunden, Radiologie- und Laborbefunde würden in Zukunft unter den herrschenden strengen Datenschutzregelungen für Berechtigte digital zugänglich werden. „Wir müssen aufhören, die Patienten mit dem Stoffsackerl (mit deren Befunden; Anm.) herumzuschicken.“ Für die Zukunft plane man auch eine Telemedizin-Praxis, die österreichweit für Patienten 24 Stunden am Tag erreichbar sein soll.

(APA/red.)

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