Digitalisierung: Mehr Mut oder mehr Vorsicht bei diesem Hochseilakt?

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Autor: Scho

Das obligatorische Sackerl mit den Röntgenbildern – ist das denn wirklich nötig? Bernhard Kadlec ist Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums St. Pölten. Und er sagt: „Wir haben sehr tolerante Patienten – in vielen Staaten der Welt würden Patienten den Zinnober, den wir in Österreich mit ihnen aufführen, ganz einfach nicht akzeptieren.“ Digitalisierung, das sei eben auch eine – wie er es nennt – „Kulturfrage“. Aber, und das ist durchaus sein Fazit: „Spitzenmedizin braucht digitale Lösungen.“

„Digitalisierung zum Angreifen: Wirksamkeit für Patienten und Mitarbeiter“, so der Titel einer Podiumsdiskussion am zweiten Tag des 14. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien. Ein Thema also, das aus allen Ecken und Enden sickert – das aber nicht so ganz greifbar ist.

„Nutzen am Patienten, Nutzen am Mitarbeiter, volkswirtschaftlicher Nutzen“, so fasst Bernhard Kadlec die Bereiche zusammen, in denen sich Digitalisierung festmachen lässt. Und das reicht von der elektronischen Erfassung der eingesetzten Medikamente über die Erfassung von nicht konsumierten Lebensmitteln um Vergeudung zu vermeiden, bis zum Austausch von Gesundheitsdaten – dem Sackerl mit den Röntgenbildern eben.

Und dann ist da freilich auch diese Sache, wie sie Bernhard Schöch, IT-Leiter der Vorarlberger Landeskrankenhäuser formuliert: Da sei bald einmal dieser Wow-Effekt angesichts so mancher Anwendung – aber dann komme nach und nach die Frage: „Was mache ich eigentlich mit diesen ganzen Daten?“ Schaffe man da nicht Datenfriedhöfe von gigantischem Ausmaß?

Es waren zwei Herangehensweisen, die auf dem Podium aufeinandertrafen: Weniger Angst, mehr Mut, wie es Bernhard Kadlec formuliert. Und dann doch auch das Wahren von Datensicherheit, auf das Bernhard Schöch pocht. Denn Angriffe auf die Datenbanken von Kliniken habe es eben schon gegeben. Und die Gefahr, Datenlecks zu generieren, die sei da. Aber was er da vor allem auch anführt: das Fehlen von standardisierten Abläufen. Er selbst wisse in Vorarlberg etwa nicht so im Detail, was in Niederösterreich passiere. „Interessant zu hören“, so Bernhard Schöch folglich in Richtung Bernhard Kadlec, „dass wir eigentlich sehr ähnliche Dinge machen.“

Ist also Vorsicht geboten oder mehr Mut? „Wir brauchen weniger Angst“, so Bernhard Kadlec. „Die Angst hemmt uns“, sagt er. Bernhard Kadlec plädiert dafür, Patienten zu ermutigen, die eigenen Datensätze zu verwalten, ihnen mehr zuzutrauen. Er führt dafür anderen sensible Branchen an, in denen die Digitalisierung geklappt habe: Das Banken- und Finanzwesen etwa. Da habe der Umstieg und vor allem der Mentalitätswandel funktioniert. Und Kadlec sagt auch: Es gehe nicht darum, Analoges einzufordern, sondern darum Wege zu finden, dass Menschen durch das digitale Leben geführt werden. Dabei sagt er auch: „Ja, da gibt es Einbahnen.“ Das Wichtige aber sei „darüber zu reden und den Nutzen sichtbar zu machen“. Etwa, wenn es um die Terminvergabe gehe, wo über digitale Lösungen ganz einfach vermieden werden könne, dass ein Termin auf mehreren Papierkalendern vergeben werde. Aber, und das sagt Bernhard Kadlec ebenfalls: „Wir brauchen nicht überall Digitalisierung.“

Eine „Kultur des Scheiterns“ fordert auch Bernhard Schöch. Vor allem aber auch in Anbetracht der rasanten technologischen Entwicklungen: Das Vermeiden eines Fleckerl-Teppichs an Lösungen.

Die digitale Kommunikation innerhalb von Krankenhäusern ist eben eine Sache – die aus den Krankenhäusern hinaus aber eine ganz andere: Das Sackerl mit den Röntgenbildern eben. Wie also kommt dieses Sackerl digital aus dem Spital in den niedergelassenen Bereich und wie lassen sie sich dort verwenden? Da brauche es Standards, so Stefan Sabutsch, Geschäftsführer von ELGA. Und da brauche es nicht einmal nur österreichische Standards – sondern internationale Standards. Dafür wiederum brauche es politische Entscheidungen, um arbeiten zu können.

Immerhin sei das Faxen mittlerweile verboten. Vielleicht könne künftig ja ELGA benutzt werden. Was Sabutsch letztlich schildert, ist der Seiltanz, den es zu vollführen gilt: Niederschwelligkeit für die Patienten, Übersichtlichkeit für alle befugten Nutzer und all das bei voller Wahrung des Datenschutzes. Dafür werde es ein sehr klares Erwartungsmanagement brauchen, sagt Stefan Sabutsch. Die optimale Lösung werde es jedenfalls nicht sofort geben. Viel eher werde das ein Schrittweises herantasten werden.

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(red.)

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