Gutachten - ÖBAK-"Leseempfehlung": "Ein kleiner, veralteter Einblick"

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Autor: Scho

Die für die Gutachter-Zertifizierung zuständige Begutachtungsakademie ÖBAK steht wegen Kursunterlagen zu Post-Covid und ME/CFS in Kritik. Die in einer „Leseempfehlung“ gelistete Literatur wird von Experten als teils problematisch betrachtet. Die Texte würden nicht die aktuelle Evidenzlage, sondern nur einen „kleinen, veralteten Einblick“ bieten und könnten dazu dienen, die Krankheiten – fälschlicherweise – in den psychischen bzw. psychiatrischen Bereich zu verschieben.

Laut den Leiterinnen des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome (PAIS) an der MedUni Wien, Eva Untersmayr-Elsenhuber und Kathryn Hoffmann, würden die genannten Texte „keinen Konsens der aktuellen Evidenzlage darstellen“, wie Hoffmann erklärte. Bei den Artikeln zu ME/CFS handle es sich „um Einzelmeinungen“, so Untersmayr-Elsenhuber. Beide betonten, dass sich ihre Einordnung ausdrücklich nicht auf einen konkreten Vortrag der ÖBAK bezieht, sondern es ausschließlich darum gehe, die genannten Aussagen „im Lichte der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage einzuordnen“.

Auch der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin und ME/CFS- und Post-Covid-Spezialist Thomas Weber sagte, die Texte könnten den Kursteilnehmern „definitiv nicht“ dazu dienen, um auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu kommen. Es würden sehr viele Teilaspekte fehlen. Vielmehr würden die Texte nur einen „kleinen veralteten Einblick in die aktuelle Diagnostik und Therapie“ bieten, so Weber, der an der MedUni Graz im Wintersemester 2026/27 den von ihm mitkonzipierten neuen Universitätslehrgang „Postvirale Syndrome“ leitet.

Die einem Recherchekollektiv aus APA, ORF und dem Magazin DOSSIER vorliegenden Leseempfehlungen stammen aus Kursunterlagen der für die Sachverständigen-Zertifizierung zuständigen Österreichischen Akademie für ärztliche und pflegerische Begutachtung (ÖBAK). Bei der als Verein der Sozialversicherungsträger eingerichteten Institution finden (Re)Zertifizierungen von Gutachterinnen und Gutachtern wie jene der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) statt.

Einer der Leseempfehlungen aus dem Kurs „(Re)Zertifizierung Begutachtung Pension – Fachgebiet Psychiatrie“ zieht die Krankheit als solche in Zweifel: Der deutsche Autor stellt in den Raum, ME/CFS sei keine eigenständig definierte Krankheitseinheit („keine Entität“). Der Psychologe fokussiert auf die (historisch gewachsene) Namensgebung und erklärt, die Begriffe „ME“ sowie „CFS“ sollten „nicht als feste Kombination verwendet“ werden, denn „das fünfbuchstabige Compositum ME/CFS oder CFS/ME“ sei „fast immer inhaltlich unzutreffend“.

Aus Sicht des Tiroler Internisten, ME/CFS- und Post Covid-Spezialisten Christoph Bammer liefert dieser Text schlicht „Scheinargumentationsbausteine für Ablehnung von Ansprüchen“. Außerdem reihe der Artikel ME/CFS als „vornehmlich psychiatrisch“ ein, damit würden die Betroffenen dann in den Bereich der Psychiatrie bzw. Psychosomatik fallen.

Aussage „aus wissenschaftlicher Sicht so nicht haltbar“

Auch für Weber ist der Text „völlig fokussiert auf den psychiatrischen Bereich“. „Das heißt, wenn das jemand liest, der nicht aus dem Fachbereich kommt, der würde meinen, es ist eine rein psychiatrische Erkrankung“ – was ME/CFS aber „nicht ist“. „Es ist eine schwere Multisystemerkrankung“, so Weber.

Scharf zurückgewiesen wird von den von APA, ORF und DOSSIER befragten ME/CFS- und Post Covid-Expertinnen und -Experten die in den Schulungsunterlagen festgehaltenen Behauptung, „biopsychosoziale Faktoren wie depressive Symptome, Angst, negative Stressbelastung und Einsamkeit“ würden „das Risiko für Long- bzw. Post-COVID um 50%“ erhöhen. Die ÖBAK-Unterlagen nennen dabei – fälschlicherweise – den oben genannten Text als Quelle.

Die Aussage findet sich allerdings in einem anderen Artikel der Leseempfehlungen. Allerdings unterschlägt der Schulungs-Text den Passus des zitierten Textes „bis zu“ 50 %. „Die zitierte Aussage ist aus wissenschaftlicher Sicht so nicht haltbar und stellt keinen Konsens der aktuellen Evidenzlage dar“, erklärten dazu Hoffmann und Untersmayr.

Expertinnen: Psychische Belastungen nicht Krankheitsursache

Der derzeitige Stand der Forschung sei vielmehr klar, so die Expertinnen: „Postakute Infektionssyndrome (PAIS) und ME/CFS sind multisystemische, also viele Organsysteme betreffende Erkrankungen mit komplexer Pathophysiologie – u. a. immunologisch, vaskulär, metabolisch. Für beide Krankheitsbilder existiert bislang keine kausale Therapie, und sie sind als potenziell schwere chronische Erkrankungen einzuordnen.“

Psychische Belastungen könnten generell sekundär entstehen, etwa als Reaktion auf chronische Krankheit und körperliche Einschränkungen, so die Expertinnen. „Komorbiditäten – auch psychische – sind möglich, aber nicht ursächlich im Sinne einer Krankheitsentstehung oder -aufrechterhaltung in dieser Form belegt.“ Weber unterstrich dies mit Blick auf seine klinische Erfahrung: „Bei mir in der Ordination erfüllt kaum einer der Patienten diese Risikofaktoren.“

Der ME/CFS- und Schmerzspezialist verwies darauf, dass die vorgelegte Literatur als Basis dienen könne, die Krankheit ME/CFS in den psychischen bzw. psychiatrischen Bereich zu verschieben. Das bedeute, die Auswirkungen von diesen Texten haben „wahrscheinlich wirklich konkrete Folgen auf die Patientinnen und Patienten und auf die Begutachtungen“.

Autor: Diagnose nur bei entzündlicher Hirn- bzw. Rückenmarkserkrankung

Weber zeigte sich über die Texte in Summe „schockiert“. Kritisch sieht er auch die von den beiden genannten Autoren aufgeworfene Diskussion um den Namen „ME/CFS“. Einer von ihnen verweist in seinem Beitrag auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für neurowissenschaftliche Begutachtung (DGNB) aus dem Jahr 2023: Darin heiße es, „im gutachtlichen Kontext“ seien Diagnosen „ausschließlich dann zu stellen“, wenn die „zugrunde liegende Erkrankung“ „ohne vernünftigen Zweifel, also im rechtlichen ‚Vollbeweis'“, nachgewiesen sei.

Im Fall von ME/CFS müsse laut dem Text eine entzündliche Hirn- bzw. Rückenmarkserkrankung erwiesen sein – eine Behauptung, die sich mit dem aktuellen Wissensstand jedoch laut den von APA, ORF und DOSSIER befragten Spezialisten nicht deckt. Der Autor stellt damit laut den Experten auf den Begriff „myalgische Enzephalomyelitis“ ab: Dieser ist aufgrund der historischen Fehlannahme entstanden, es handle sich um eine entzündliche Erkrankung von Gehirn (Enzephalitis) und Rückenmark (Myelitis).

Nach internationalen Kriterien – etwa den kanadischen Konsenskriterien – ist ein solcher Entzündungsnachweis von Gehirn oder Rückenmark nicht erforderlich – „genauso wenig ist für die Diagnose Malaria der Nachweis schlechter Luft erforderlich“, verwies Internist Bammer auf eine andere Erkrankung, deren Name auf einen historischen Irrtum zurückgeht (italienisch „mala aria“ für „schlechte Luft“). Während man früher annahm, Malaria werde durch die schlechte Luft der Sümpfe verursacht, wurde erst später klar, dass sie durch via Stechmücken übertragene Parasiten entsteht.

Expertinnen: „PEM zentrales Merkmal“

Derartige Ansichten würden laut Weber erklären, dass manche Gutachter aufgrund des historischen Namens „Myalgische Enzephalomyelitis“ eine Gehirnhautentzündung als Voraussetzung für die ME/CFS-Diagnose ansehen würden und nach wie vor zur Diagnose eine Lumbalpunktion verlangen. Diese Diskussion bringe aber nichts – jetzt, wo der Begriff bereits „in aller Munde“ sei. Es sei vielmehr „ein „Wahnsinn“, „dass man nicht akzeptieren kann, dass das eine schwere Multisystemerkrankung ist nach den aktuellen Kriterien“.

Insbesondere die schwere Belastungs-Erholungsstörung Post-Exertional Malaise (PEM) wird in dem Text als unspezifisches Merkmal bezeichnet: PEM könne – „wie auch nicht erholsamer Schlaf“ z. B. „auch bei Patienten mit Fibromyalgiesyndrom, krebsassoziierter Fatigue und anderen Erschöpfungssyndromen berichtet werden, heißt es darin. „Die Betonung von PEM als spezifisches Kennzeichen von bzw. als Warnzeichen für CFS“ sei somit „irreführend“.

Die Aussage sei aus wissenschaftlicher Sicht „klar einzuordnen“, erklärten dazu Hoffmann und Untersmayr-Elsenhuber: „PEM ist nach aktuellem Stand der Evidenz das zentrale Kernmerkmal von ME/CFS“. Auch hier sei es wichtig, „sauber zwischen Evidenz und Einzelstellungnahmen zu unterscheiden“. Maßgeblich seien nicht ausgesuchte Meinungen einzelner Personen oder Fachgesellschaften, sondern „methodisch hochwertige systematische Analysen, Metaanalysen, Konsensusdokumente und Leitlinien“.

Auch Studie zu Covid-„Vortäuschen“ in Literaturempfehlungen

Gerade für den deutschsprachigen Raum liege mit dem aktuellen D-A-CH-Konsensus zu ME/CFS ein „relevantes Dokument vor“. International sei die britische NICE-Leitlinie zu ME/CFS zu erwähnen. Zum Begriff ME/CFS erklärten die Expertinnen, dieser habe sich „international als Terminus technicus etabliert“. Entscheidend sei nicht die historische Wortbedeutung, „sondern die aktuelle klare klinische Definition der Erkrankung“ auf Basis „aktueller Diagnosekriterien“, etwa der Kanadischen Konsenskriterien, der International Consensus Criteria und der IOM-Kriterien. „Diese definieren übereinstimmend PEM als zentrales Merkmal.“

Eine weitere seitens der ÖBAK empfohlene Studie versucht darzustellen, wie häufig während der Pandemie Menschen eine Covid-19-Infektion vortäuschten oder verheimlichten. Das 2024 publizierte Werk basiert auf via Online-Fragebögen in 21 Ländern zwischen März 2020 und März 2023 eingeholten Selbstauskünften von 463 Erwachsenen. 14 Prozent gaben demnach an, selbst eine Infektion vorgetäuscht zu haben (meist, um in den Krankenstand zu treten oder zuhause zu bleiben). Zwölf Prozent gaben an, eine tatsächliche Infektion bewusst verschwiegen zu haben. Welche Bedeutung diese Studie für das Thema Post Covid im Zusammenhang mit der österreichischen Sozialversicherung hat, ließ sich aus den vorliegenden ÖBAK-Unterlagen nicht entnehmen.

Ebenfalls empfohlen wurde den Kursteilnehmern die Lektüre der S1-Leitlinie „Long/Post-Covid“ – allerdings jener aus Deutschland. Die österreichische („Leitlinie S1 für das Management postviraler Zustände am Beispiel Post-COVID-19“) findet sich nicht in den Empfehlungen.

(APA/red.)

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