Kritik an jahrzehntealtem Grenzwert der WHO für Nitrat im Trinkwasser

Lesedauer beträgt 2 Minuten
Autor: Scho

Mehr als 80 Umwelt- und Gesundheitsorganisationen aus aller Welt fordern von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Verschärfung ihres seit Jahrzehnten unveränderten Grenzwerts für Nitrat im Trinkwasser. In einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief verweisen Organisationen wie Greenpeace International und die weltweite Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (Wonca) auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Gesundheitsgefahren durch eine erhöhte Belastung.

Nitrat wird vor allem durch stickstoffhaltigen Dünger und Gülle auf Äckern ins Grundwasser gespült – und kann so auch ins Trinkwasser gelangen. Mit Nitrat belastetes Wasser ist vor allem für Babys und Schwangere gefährlich. Die WHO empfiehlt seit 1958 einen Grenzwert von maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser. Auch in Österreich und in der EU liegt der Grenzwert für Nitrat im Trink- und Grundwasser bei 50 Milligramm pro Liter.

Die Organisationen kritisieren diesen Grenzwert allerdings als „veraltet“. Festgelegt wurde er vor allem zum Schutz von Säuglingen vor einer Methämoglobinämie, auch bekannt als Blaues-Baby-Syndrom, bei der ein Sauerstoffmangel im Blut die Haut etwa an den Lippen bläulich verfärbt.

Den Organisationen zufolge gibt es mittlerweile aber „belastbare epidemiologische Belege“ für weitere Gesundheitsgefahren. Sie verweisen insbesondere auf ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs und Fehlentwicklungen während der Schwangerschaft. Auch Frühgeburten könnten Studien zufolge mit Nitrat im Trinkwasser in Zusammenhang stehen, erklärte der Wonca-Vorsitzende Pratyush Kumar. Es gehe dabei um „Konzentrationen deutlich unterhalb des derzeitigen Grenzwerts der WHO“.

Weltweit seien hunderte Millionen Menschen einer erhöhten Nitratbelastung ausgesetzt, heißt es in dem offenen Brief. „Wasser sollte lebensspendend sein, nicht lebensbedrohlich“, erklärte die Greenpeace-Agrarexpertin Amanda Larsson. Regierungen weltweit müssten daher entschiedene Maßnahmen ergreifen, um die Massentierhaltung einzudämmen und die Umstellung auf Bio-Landwirtschaft zu fördern, „damit sauberes, sicheres Trinkwasser kein Luxus, sondern eine Selbstverständlichkeit ist“.

Die Organisationen verweisen insbesondere auf eine von der dänischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung, die aus Gesundheitsgründen eine drastische Absenkung des Nitrat-Grenzwerts für Trinkwasser von 50 auf sechs Milligramm pro Liter empfohlen hatte. Die dänische Regierung kündigte Anfang dieses Jahres an, der Empfehlung zu folgen.

Die meisten anderen Länder orientieren sich bei ihren nationalen Grenzwerten den Organisationen zufolge aber an der WHO-Empfehlung. Eine Überarbeitung sei für ein weltweites Umsteuern daher „entscheidend“.

(APA/AFP/red.)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Uni Rostock erforscht Gesundheitsgefahren durch Verkehrsemissionen

Uni Rostock erforscht Gesundheitsgefahren durch Verkehrsemissionen

Die mehrmonatige Versuchsreihe an Flugzeugturbinen und Schiffsmotoren soll vor allem helfen, die Gesundheitsgefahren abzuschätzen.