Pandemie brachte mehr Albträume und weniger Suizidgedanken

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Autor: Scho

Die Menschen hatten während der Covid-19-Pandemie weniger Suizidgedanken, aber mehr Albträume, berichtet die Wiener Schlafexpertin Brigitte Holzinger anlässlich des heutigen (15. März) „Weltschlaftages“. In Österreich dachte davor jeder Dritte irgendwann an Suizid, in der Gesundheitskrise „nur“ jeder Vierte. Die Albtraumhäufigkeit stieg damals hingegen global um 4,5 Prozentpunkte an.

Mit dem Weltschlaftag will die Weltschlafgesellschaft daran erinnern, dass eine „gerechte Nachtruhe“ wichtig für die Gesundheit ist. Holzinger arbeitet an der Medizinischen Universität Wien und dem Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. Sie befragte mit Kolleginnen und Kollegen 9.300 Frauen und Männer weltweit über Suizidgedanken und Albträume. Die Studie wurde von Courtney Bolstad von der Mississippi State University (USA) geleitet und im „Journal of Sleep Research“ veröffentlicht.

Zwei Prozent weniger Menschen wurden ihr zufolge in den Covid-19-Pandemiezeiten von Suizidgedanken heimgesucht. „Vielleicht wird man von der Krise abgelenkt, denkt an andere Dinge als ans eigene Elend und merkt dabei, dass man damit nicht alleine ist“, erklärte Holzinger der APA. In Österreich war weltweit die größte Reduzierung von Suizidgedanken während der Pandemie zu verzeichnen, nämlich um fast zehn Prozentpunkte.

Die „österreichische Seele“ spinnt im internationalen Vergleich aber sehr oft suizidale Gedanken: nämlich bei 34 Prozent der Befragten vor der Pandemie und bei 24 Prozent währenddessen. Nur in Brasilien mit 34 Prozent bzw. 30 Prozent sind es mehr. Am seltensten wurden solche Fantasien in China zugegeben (4 Prozent bzw. 3 Prozent).

Bei Long-Covid-Betroffenen waren Suizidgedanken häufiger als bei akut Erkrankten. „Dann ist man womöglich mit dem Überleben beschäftigt und herausgefordert, etwaige Verzweiflung scheint in den Hintergrund zu treten“, so Holzinger: „Bei Long-Covid dauert die Situation aber an und hintergründige Verzweiflung kommt wieder hervor.“ Long-Covid führt außerdem zu häufigeren Schlafstörungen, die ein Risikofaktor für Suizidalität (Selbstmordgefährdung) sind. „Dazu kommt, dass man dann auch müde und antriebsloser ist und sich weniger erholt fühlt“, so die Psychologin: „All das fördert depressive Gedanken.“

Auch häufige Albträume erhöhen das Risiko für Suizidgedanken. Sie wurden in der Pandemie weltweit um viereinhalb Prozent mehr. Andere Faktoren reduzierten aber offensichtlich das Aufkommen von selbstzerstörerischen Fantasien mehr, als schlechte Träume es steigern konnten.

„Träumen ist wie eine kleine Psychotherapie“

Ein probates Mittel gegen Suizidgedanken und Nachtmahre ist, lange zu schlummern. „Wenn wir zu wenig Schlaf bekommen, können wir auch nur wenig träumen“, so Holzinger: „Träume regulieren die Gefühlswelt und helfen, sich emotional ausreichend wiederherzustellen.“ Ein Mangel führt zu höherer Albtraum- und Suizidfantasienfrequenz. „Träumen ist wie eine kleine Psychotherapie“, so die Psychologin: „Jedenfalls können wir dadurch mit unserer Umwelt und Herausforderungen des Alltags besser umgehen und Geschehnisse besser abfedern.“

„Schlaf ist gemeinsam mit Essen, Trinken und körperlicher Aktivität eines der existenziellen Grundbedürfnisse des Menschen“, erklärt auch die Weltschlafgesellschaft (World Sleep Society): „Neben der Erholungsfunktion, dient der Schlaf Reinigungsprozessen im Gehirn und dem Wiederaufbau von Energiespeichern.“ Er sei zudem wichtig für ein gutes Gedächtnis und effektives Lernen, stärkt das Immunsystem und fördert die Hirngesundheit durch die Entsorgung von Abfallstoffen aus der Denkzentrale.

Schlechter Schlaf ist wiederum mit Fettleibigkeit, Diabetes, koronarer Herzkrankheit und kardiovaskulärer Sterblichkeit verbunden, schrieb Anna Heidbreder von der Universitätsklinik für Neurologie in Linz in einer Aussendung. Schläfrige Fahrer sind zudem ein Risiko im Straßenverkehr, und Menschen mit Schlafstörungen haben ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. „In Zeiten unserer 24/7-Gesellschaft mit den Attributen der absoluten Verfügbarkeit und dem Bedürfnis des permanenten Funktionierens kommt es aber zu einer sukzessiven Beschneidung des Schlafes“, so die Medizinerin.

Mit dem Weltschlaftag wolle man auf die Unerlässlichkeit ungestörter Nachtruhe hinweisen und mit Forschung die Funktionen des Schlafes weiter ergründen. Dafür sucht man zum Beispiel an der Universitätsklinik Linz schlafwillige Probanden. Am Montag (18. März) findet an der Uni Linz außerdem eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel „Warum Schlaf politisch ist“. Laut Weltschlafgesellschaft müsse „jeder Mensch Zugang zu angemessenem Schlaf haben, unabhängig von Standort, sozioökonomischem Status, Umweltbedingungen, sozialen Strukturen, zwischenmenschlichen Beziehungen oder individuellen Überzeugungen“.

Die Fachpublikation finden Sie hier.

(APA/red.)

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