Ein Sommer wie damals

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Norbert Peter

Bekenntnisse eines Leidenden

Multiple Weltuntergangsszenarien werfen ihre Schatten voraus. Die Experten wünschen sich, dass wir uns auf die Corona-Welle im Herbst vorbereiten. Diesem Optimismus kann ich durchaus etwas abgewinnen, weil da immerhin jemand davon ausgeht, dass wir dann noch am Leben sind. Und Vorbereitung beinhaltet auch ein aktives Element, ganz im Gegensatz zum sprichwörtlichen Kaninchen, das regungslos die Schlange anstarrt und darauf wartet, dass sich endlich was tut.

Tatsächlich haben die runtergeschraubten Maßnahmen etwas von einem Cliffhanger am Ende der letzten Episode einer Netflix-Serie. Die Maskenpflicht nimmt sich selbst nicht mehr ernst, wird nur noch von der Impfpflicht beneidet, die sich vollkommen aus dem Rennen genommen sieht. Die Infektionszahlen ragen sprachlos in den Himmel und verstehen die Welt nicht mehr, ganz zu schweigen vom Gesundheitsminister: Wie kann man sie nur so satt ignorieren? Am Beginn der Pandemie, im April 2020, wurden bei landesweit 57 Neuinfektionen pro Tag noch keine Maßnahmen gelockert.

Sind wir uns ehrlich: Wir warten doch alle nur darauf zu erfahren, wie es in der nächsten Staffel weitergeht. Wann kommt der nächste Lockdown? Und wie wird er heißen? Ich bringe mal den „Weihnachtsfrieden“ ins Spiel. Weil „Weihnachten“ alle lieben und „Frieden“ in diesen Tagen sowieso einen Hype erlebt. Insofern wird es auch niemand stören, wenn er bis Ostern dauert. Und wird man auf die Impfskeptiker zugehen und ihnen einen Ausweg anbieten? Drei Zeckenimpfungen ersetzen einen Covid-Stich?

Wir warten doch alle nur darauf zu erfahren, wie es in der nächsten Staffel weitergeht. Wann kommt der nächste Lockdown? Und wie wird er heißen?

Wer wird den Bösewicht geben? Nach Alpha, Delta, Omikron…? Omega würde meiner Stimmung gerecht werden. Oder gleich Wladimir? Wir könnten die so beliebte FFP2-Maske um eine Funktion erweitern. Was wäre, wenn sie auch über die Augen ginge? Damit wir nicht extra die Augen verschließen müssen, um den Problemen auszuweichen.

Diese Verweigerung, die wahren Katastrophen beim Namen zu nennen, macht es nicht einfacher: Warum spricht niemand von den Sofas, die uns wie magisch anziehen und uns in ihrer Polsterwelt zu absorbieren drohen? Die uns die notwendigen Bewegungseinheiten madig machen und unsere Fitness torpedieren?

Wieso erwähnt niemand die Frau Stastny, die in unserer Anlage im ersten Stock wohnt und regelmäßig ihren Ofen anwirft und uns mit den Düften von allerlei Backwerk verführt, vom Schnitzel bis zum Schoko-Brownie? Als ob es nicht reichen würde, dass wir uns einmal täglich für unsere Bildschirmarbeit mit einem Punschkrapfen belohnen!

Die Sofas und die Stastnys sind es, denen wir wehrlos ausgeliefert sind und die schließlich unsere Lebenszeit versüßen – und verkürzen: Diabetes ist die Volkskrankheit Nummer 1! Und, wie wir aus der Medienvielfalt erfahren dürfen, im Wettkampf mit der Volkskrankheit Nummer 1: Rückenschmerzen! Und der Volkskrankheit Nummer 1: Adipositas! (Wir lernen: Journalisten lieben den Superlativ! Und außerdem wollen wir auch einmal Nummer 1 sein.) Die Weltgesundheitsorganisation (WHO else?) spricht nicht umsonst bereits von epidemischen Ausmaßen, wenn sie sich mit der Fettleibigkeit in Europa beschäftigt. Tendenz steigend.

Klar: Mit ausreichend Zucker, Fett und Sofas lassen sich die Doku-Soaps über Pandemien, russische „Spezialoperationen“ und Klima-Katastrophen leichter ertragen. Und selbstredend machen sie auch den nächsten Corona-bedingten Hausarrest gemütlicher…

Die gute Nachricht: Die WHO gibt die Richtung vor, in der die Politik tätig werden muss, um die Kehrtwende zu schaffen. Konzepte sollten „von Ansätzen abrücken, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt rücken, und stattdessen an den strukturellen Triebkräften von Adipositas ansetzen.“ Message understood. Es liegt nicht an mir. Die da oben sollen handeln. Am besten gleich damit starten. Noch zwei, drei Regierungsumbildungen und los geht’s!   //

Norbert Peter
Kabarettist, Buchautor, Journalist
Peter & Tekal, medizinkabarett.at