Wir brauchen einen wissenschaftlichen Diskurs ohne Tabus

Lesedauer beträgt 3 Minuten
Autor: Josef Ruhaltinger

Herr Dr. Sprenger, sind Sie ein Impfgegner?
Martin Sprenger: Einem Mediziner und Gesundheitswissenschaftler so eine provokante Frage zu stellen, ist bezeichnend für die Emotionalität, die in Österreich beim Thema Impfungen immer mitschwingt. Mir ist es wichtig, dass Gesundheitsbehörden, die Politik, aber auch die Medien sachlich und korrekt über die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen informieren, so wie es zum Beispiel in Skandinavien der Fall ist. Fehlinformationen gibt es eh schon genug. Umso mehr müssen offizielle Stellen darauf achten faktenbasiert zu kommunizieren. Das ist leider nicht immer so.

Die wissenschaftliche Community lügt?
Lassen Sie es mich so beantworten: Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat eine Preisfrage ausgeschrieben: „Fakt oder Fake – wie gehen wir mit Wissenschaftsskepsis um?“ Mit Sicherheit wird es viele Einreichungen mit Fake-Beispielen geben, die abseits von offiziellen Quellen, außerhalb der Wissenschaft, ihren Ursprung haben. Da gibt es unglaublich vielen Nonsens. Aber nur wenige werden es wagen Beispiele anzuführen, wie mit Unterstützung der „Wissenschaft“ Fehlinformationen verbreitet wurden. Dafür gibt es leider auch viele Beispiele.

Martin Sprenger, geb. 1963, ist Public-Health-Experte am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med-Uni Graz. Der HTL-Absolvent und promovierte Allgemeinmediziner absolvierte von 2001-2002 die Ausbildung zum Master of Public Health in Auckland, Neuseeland. Im Frühjahr 2020 war er kurzfristig Mitglied der Coronavirus-Taskforce des Gesundheitsministeriums. Über diese Zeit hat Sprenger zwei Bücher „Das Corona-Rätsel“ und „Corona – Des Rätsels Lösung?“ verfasst.

Das hört sich sehr verschwörerisch an …
Nur wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaft bzw. offizielle Stellen immer fehlerfrei und faktenbasiert agieren. Allein die enorme Heterogenität zwischen den europäischen Ländern bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens zeigt doch, wie unterschiedlich die Wissensbasis interpretiert und umgesetzt wird. So waren zum Beispiel Bildungseinrichtungen in Österreich 15 Wochen vollkommen geschlossen und 24 Wochen eingeschränkt zugänglich. In der Schweiz und vielen anderen europäischen Ländern waren es sechs Wochen. Österreich hat 30 bis 40mal mehr getestet als andere Länder in Europa und auch die Debatte über eine allgemeine Impfpflicht war einzigartig. Auch ein aktueller Rundblick zeigt doch, wie unterschiedlich europäische Länder agieren. So hat zum Beispiel die Schweiz am 1. April alle Maßnahmen beendet, Schweden sein Pandemiegesetz abgeschafft. Wissenschaftlich wäre es, eine Evaluierung aller Maßnahmen auf ihre Faktenbasierung durchzuführen. Aber auch eine Abschätzung der damit erzielten erwünschten und unerwünschten Wirkungen ist bis heute ausständig. Ein Lerneffekt ist so nicht möglich.

Sind Sie der Ansicht, dass man der Wissenschaft nicht mehr trauen kann?
Eine Pandemie ist immer ein gesamtgesellschaftliches und soziales Ereignis. Eine rein medizinisch-virologische Betrachtung genügt da nicht. Jede wissenschaftliche Methodik hat Limitierungen, jede wissenschaftliche Perspektive hat blinde Flecken. Während in Skandinavien das Geschehen aus einer Public Health-Perspektive betrachtet wurde, alle Maßnahmen auf ihre erwünschten und unerwünschten Wirkungen abgeschätzt wurden, haben wir in Österreich das Krankheitsgeschehen politisiert, die öffentliche Debatte polarisiert und die Gesellschaft gespalten. Die als intransparent und willkürlich empfundene Politik hat viel Vertrauen gekostet und auch die Wirksamkeit der Maßnahmen deutlich geschwächt. Die Wissenschaft ist daran nicht ganz unschuldig.

Was läuft aus Ihrer Sicht im wissenschaftlichen Diskurs falsch?
Ich wünsche mir wieder mehr Mut zum Widerspruch und die Fähigkeit, Konflikte und Ambivalenzen auszuhalten. Wir brauchen einen freien, offenen, interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs ohne Tabus. Die Frage „Fake oder Fakt?“ ist überall relevant. Die Vorstellung, dass es Bereiche gibt, die ausschließlich faktenbasiert agieren und nur korrekte Informationen kommunizieren, ist eine Illusion. Genauso wie die Vorstellung, dass „Wissenschaft“ immer der „Wahrheit“, immer den „Fakten“ entspricht. Es wird Zeit, das Klima der Einschüchterung zu beenden und zu einer offenen Debattenkultur zurückzukehren. Es gäbe viel zu lernen.    

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Weiterlesen

Uniklinikum Salzburg: Verlängerung des Gütesiegels „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“

Der Dachverband Selbsthilfe Salzburg vergab die neuen Gütesiegel zur Verlängerung der Auszeichnung zum „Selbsthilfefreundlichen Krankenhaus“ an die kollegiale Führung und weitere Vertreter des Uniklinikums Salzburg.

Weiterlesen

„Daten haben in den Ministerien nicht die notwendige Priorität“

Das Austrian Micro Data Center hat das Zeug, zum Mekka der heimischen Datenforscher zu werden. Großes Manko bleibt aber die Datenlage: Fast alle Bundesministerien weigern sich, ihre anonymisierten Mikrodaten zur Verfügung zu stellen.