Wilfried von Eiff: Billig ist oft teuer

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Autor: Wilfried von Eiff

Erfolgsvoraussetzungen für Value-Based Procurement. ein Gastkommentar von Wilfried von Eiff.

Die entwickelten Gesundheitssysteme in Europa sehen sich mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert: zunehmende Beanspruchung des Versorgungssystems durch das Phänomen der alternden Gesellschaft, Kostendruck und Finanzierungslücken, steigende Qualitätsvorgaben, politische Forderungen nach Beiträgen zur Reduktion von CO2-Emissionen und zur Ressourcenschonung. Außerdem prägen Fachkräftemangel und Lieferabrisse bei Medikamenten und Medizinprodukten, vom Hustensaft bis zur Wunddrainage, die Versorgungslage.

Vor diesem Hintergrund haben zahlreiche Krankenhäuser den Sachkostenbereich als Rationalisierungs- und Kostensenkungsquelle identifiziert und praktizieren eine preisorientierte Beschaffungspolitik gemäß der Maxime: billig ist gut.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff
Centrum für Krankenhaus-Management (Uni Münster) und Center for Health Care Management and Regulation (HHL Leipzig Graduate School of Management); Präsident des Beschaffungskongresses der Krankenhäuser und des Thinktank Beschaffungs­management.

Die aktuelle Monitoring-Studie von CKM/Wegweiser hat das tatsächliche Entscheidungsverhalten der Krankenhausmanager analysiert und die Konsequenzen für die Versorgungssicherheit offengelegt:

Danach bilden die Kriterien Preis, Anschaffungskosten und Finanzkonditionen mit 35 % Gewichtung das dominante Entscheidungskalkül von Krankenhaus-Managern im Einkaufsprozess.
Effekte, die von einem Medizinprodukt im Hinblick auf Patienten-Outcome und Patientensicherheit ausgehen, nehmen nur mit einer 10 %-Gewichtung Einfluss auf die Auswahlentscheidung.
Das Kriterium „Nachhaltigkeit“ geht sogar nur mit 3% Gewichtung in das Entscheidungskalkül ein.

Aber: Medizinprodukte haben den Charakter von Investitionsgütern. Über ihre Funktionalität, Handhabung und Robustheit nehmen sie nicht nur Einfluss auf die Dauer von Prozeduren, auf Benutzerfreundlichkeit, Patientensicherheit und Patientenbefinden, auch Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen werden beeinflusst.

Da solche volkswirtschaftlich sinnvollen und gesundheitspolitisch wünschenswerten Effekte in den derzeitigen betriebswirtschaftlich geprägten Vergütungssystemen für medizinische Leistungen nicht berücksichtigt werden, wird vorgeschlagen, eine neue Bewertungssystematik einzuführen: Value-Based Procurement (VBP), d.h. die „wertorientierte“ Auswahl von Medizinprodukten.

VBP stellt den Kosten eines Medizinprodukts die mit diesem Produkt erzielbaren Effekte im Hinblick auf Patientenwohlergehen, Mitarbeiterentlastung, Prozess-Effektivität, Nutzen für die Solidargemeinschaft und ökologischer Nachhaltigkeit gegenüber. Zur Umsetzung des VBP-Konzepts bedarf es aber eines neuen, „wertorientierten“ Vergütungssystems, das medizinische Leistungen in evidenz-basierten Behandlungspfaden unter Berücksichtigung volkswirtschaftlicher Opportunitätskosten vergütet. Vier Maßnahmenfelder werden als Elemente eines zukünftigen VBP-Vergütungssystems vorgeschlagen:

Medizinprodukte mit signifikanten Effekten bezüglich CO2-Reduktion und Ressourcenschonung können über „grüne Preise“ befristet subventioniert werden, mit der Chance, im Markt Fuß zu fassen und „Economies of Scale“ aufzubauen.
Durch ordnungspolitische Vorgaben im Hinblick auf die Struktur von Angebotsportfolios der Medizinproduktehersteller kann der Anteil von Mehrwegprodukten erhöht werden.
Medizinprodukte mit nachgewiesener klinischer und epidemiologischer Evidenz auf Basis einer Nutzenbewertung erhalten durch die Kostenträger einen „Innovationszuschlag“.
Die VBP-Kriterien sind verpflichtend bei öffentlichen Ausschreibungen anzuwenden und müssen in die Auswahlentscheidung verpflichtend einfließen.

Durch dieses wertorientierte Anreizsystem wird die grüne Transformation ebenso unterstützt wie die evidenzbasierte Etablierung innovativer Medizinprodukte mit Vorteilseffekten für die medizinische Qualität, das Patientenwohlbefinden, die Entlastung der Mitarbeiter und die Stabilisierung der Gesundheitskosten in der Versichertengemeinschaft.  

Videotipp:

Vortrag von Wilfried von Eiff auf dem ÖGWK 2023

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