Meist sind Keime ein Mitbringsel der Patienten. Cornelia Lass-Flörl, Direktorin des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck, erzählt vom steten Kampf gegen multiresistente Erreger.
Frau Professor, was macht Spitäler zum Hort multiresistenter Erreger?
Cornelia Lass-Flörl: Es stimmt, multiresistente Erreger poppen meistens im Krankenhaus auf. Bei Krankenhausinfektionen geht man derzeit davon aus, dass 20 Prozent exogen und 80 Prozent endogener Natur sind – multiresistente Bakterien inklusive. Das heißt: Viele multiresistente Erreger werden von den Patienten ins Krankenhaus mitgebracht. Diese siedeln zum Beispiel im Darm der Patienten, ohne dort Schaden anzurichten. Ein multiresistenter Erreger macht ja nicht per se krank. Wenn der Patient allerdings eine Antibiotika-Therapie bekommt, kann es passieren, dass nur antibiotikaempfindliche Mikroben im Darm des Patienten abgetötet werden; multiresistente Vertreter haben dadurch mehr Nährstoffe und können sich so im Körper vermehren und streuen. Zugleich besteht die Gefahr, dass ein Patient die Umgebung mit multiresistenten Erregern kontaminiert.

Univ.-Prof. Dr. Cornelia Lass-Flörl
ist Direktorin des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie studierte in Innsbruck Medizin und spezialisierte sich in der Folge auf dem Gebiet der medizinischen Mikrobiologie. Ihre Spezialgebiete umfassen Infektionsprävention, Hospitalinfektionen und Medizinische Mykologie.
Wie kann man die Patienten in die Prävention von nosokomialen Infektionen einbeziehen?
Der Patient selbst kann nur beschränkt zur Prävention beitragen. Das Auftreten von multiresistenten Bakterien im Gesundheitsbereich ist ein Kollateralschaden der modernen Medizin und des modernen Life-Styles. Wir wissen etwa, dass in Asien sehr viele multiresistente Erreger in der Umwelt vorhanden sind oder dass billiges Schweinefleisch und Hühnerfleisch häufig stark mit multiresistenten Erregern belastet sind. Globalisierung und moderne Nahrungsmittelproduktion sind nun einmal Realität. Empfehlungen, aufs Reisen zu verzichten oder nur noch auf qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zurückzugreifen, werden viele Menschen nicht annehmen wollen oder können. Ansätze zur Eindämmung von multiresistenten Bakterien müssen vonseiten der Politik kommen, da es hier größere Maßnahmen und Denkrichtungen braucht.
Bedeutet dies, dass im Grunde fast jeder Mensch multiresistente Erreger in sich trägt?
Nein. Man unterscheidet zwischen permanenter und vorübergehender Körperflora. Die permanente Körperflora besteht aus all jenen Mikroben, die für die Funktionstüchtigkeit einzelner Organe (z.B. des Darms) vonnöten sind. Die vorübergehende Flora, das sind all jene fremden Bakterien, die wir jeden Tag durch Nahrung, Umgebung, Trinkwasser, körperliche Beziehungen oder den Kontakt mit Haustieren aufnehmen. Diese Keime verbleiben nur kurz (bis zu vier Wochen) im oder am Menschen und werden durch die permanente Flora verdrängt. Aber genau diese Mikroben können zum Problem werden, wenn es sich um multiresistente Stämme handelt.
Wie steht es um die aktuelle Hygiene-Situation in Österreichs Krankenhäusern?
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Griechenland und Italien steht Österreich solide da. Ich möchte das Problem nicht verharmlosen, aber ein generell hoher Hygienestandard und die Umsetzung von Antibiotic Stewardship helfen hier. Natürlich haben wir für uns das Ziel, besser zu werden.
Welche neuen Strategien sehen Sie denn zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen?
Geforscht wird an vielen Fronten, z.B. an antimikrobiellen Flächen im Krankenhaus oder am Einsatz von antimikrobiell wirksamen Kathetern. Ich muss ehrlich sagen, mir fehlt hier der richtige Durchbruch. Ich fürchte auch, dass wir lernen müssen, mit multiresistenten Erregern zu leben. Die Bevölkerung wird älter, und Patientinnen erhalten durch die Fortschritte der modernen Medizin bessere Thera-
pien –, aber damit einhergehend haben wir auch mehr Risikopatienten.
Was ist Antibiotic Stewardship?
Im Wesentlichen fokussiert man sich auf alle Maßnahmen, die die Verordnung von Antibiotika und den Einsatz optimaler Diagnostika lenken. Die Idee dahinter ist, dass man spezifisch auf die betreffende Mikrobe abzielt, statt Breitband-Antibiotika einzusetzen. Das, was uns meiner Meinung nach am besten hilft, ist eine gute Awareness für den Einsatz von Antibiotika und eine frühe Detektion einer Infektion anzustreben. Außerhalb des Krankenhauses gibt es viele verschiedene Maßnahmen, die anzudiskutieren sind.
Was wird getan, um multiresistente Keime frühzeitig zu entdecken?
Das wird in den einzelnen Krankenanstalten unterschiedlich gehandhabt. Die Frage lautet: Wie definiert man Überwachung? Typische Krankenhauskeime wie zum Beispiel Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) oder Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) werden in ganz Österreich überwacht („Surveillance“). Patienten, die aus ausländischen Krankenanstalten in eine österreichische Krankenanstalt transferiert werden, werden automatisch gescreent. Andere Patienten werden nur dann gezielt untersucht, wenn Problemkeime in der Routine-Diagnostik auftreten oder Ausbrüche passieren. Das ist alles sehr situationsbedingt und hängt von der lokalen Epidemiologie ab.
Wie sensibilisiert man die Mitarbeiter für das Thema Krankenhaushygiene?
Es geht um Vorbildwirkung. Wenn der Chef Hygienestandards einfordert und einhält, dann tun das auch die Mitarbeiter. Hat der Chef wenig für Hygiene übrig, dann färbt das auch auf die ganze Station ab. Um die Awareness zu fördern, müssen die Mitarbeiter entsprechend geschult werden. Bei den Jungen kommen zum Beispiel YouTube-Filme sehr gut an.
Welche Rolle spielt denn die Digitalisierung in Zusammenhang mit dem Kampf gegen multiresistente Keime?
Ohne Digitalisierung ist die Krankenhaushygiene verloren. Aus den an die Krankenhäuser angeschlossenen Laboren, in denen ja auch die Problemkeime der Patienten erfasst werden, gehen zigtausende Befunde hinaus. Mikrobiologische Daten sollten bestmöglich für die Krankenhaushygiene aufbereitet werden. Labore müssen erkennen, wenn es zu einer Änderung der epidemiologischen Situation kommt, wenn also zum Beispiel plötzlich ein seltener Erreger mehrmals auftritt. Es gibt bereits computerunterstützte Systeme, die in solchen Fällen helfen, den gemeinsamen Nenner herauszufinden: Waren die Patienten gemeinsam in einem Zimmer? Oder hatten sie alle mit einer bestimmten Abteilung zu tun?
Wie weit ist Ihre Zunft im Einsatz von KI-basierten Applikationen?
Die praktische Implementierung wird wohl noch eine Zeitlang dauern, aber die Zukunft der modernen Krankenhaushygiene liegt sicherlich auch in den Händen der KI. Sie könnte zum Beispiel sehr hilfreich sein bei einer raschen und automatisierten Befundung großer Datenmengen, wie bei einer Typisierung von Erregern. KI kann Mutationen in Erregern erkennen und deren Einfluss auf die Virulenz vorhersagen; so kann man gefährlichere Varianten frühzeitig identifizieren. Das hilft dem gesamten Team der Krankenhaushygiene, da die Entscheidung zur Isolierung von der epidemischen Virulenz abhängt. Beispiel MRSA: Hoch virulente und epidemische Stämme erfordern erhöhte Vorsichtsmaßnahmen und Isolierung; bei niedrig virulenten Stämmen reicht die Standard-Hygiene.
Welche langfristigen Auswirkungen hatte die COVID-19-Pandemie auf die Krankenhaushygiene?
Zu diesem Thema gibt es auch in Fachkreisen sehr unterschiedliche Meinungen. Meiner persönlichen Ansicht nach hat die Pandemie generell zu mehr Awareness für Hygienemaßnahmen geführt. Mir persönlich ist auch aufgefallen, dass in Zusammenhang mit COVID-19 die Expertise der großen Fachgesellschaften zu kurz gekommen ist und eher auf Einzelmeinungen gehört wurde. Manche Experten haben zum Beispiel die Verwendung von zwei Paar Handschuhen („double-gloving“) im Umgang mit COVID-19-Patienten empfohlen. Aus Sicht der klassischen Krankenhaushygiene ist das aber nicht State of the Art.
