Empathische Architektur: Wie Bauen beim Heilen hilft

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Eva Maria Hierzer, Stephan Brugger

Bauen und Planen kann mehr sein als eine Hülle für die medizinische Versorgung. Die Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Graz II Süd ist ein Beispiel für „Heilungsunterstützende Architektur“.

Die Umgebung, in der wir leben, arbeiten und gesund werden, hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unser Wohlbefinden. Im Kontext von Krankheit und Genesung rückt die Frage in den Fokus: Welche Rolle spielt die gebaute Umwelt? Traditionelle Krankenhausbauten sind oft auf funktionale Effizienz fokussiert, was zu sterilen, stressfördernden Umgebungen führen kann – Faktoren, die belastend für den Heilungsprozess der Patient:innen und das Wohlbefinden des Personals sein können. Architektur kann jedoch mehr sein als eine Hülle für die medizinische Versorgung. Das Beispiel der Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) am LKH Graz II Süd zeigt die konkrete Umsetzung.

Mensch und Mittelpunkt.
Die Planung der Jugendpsychiatrie am LKH Graz II Süd hat sich auch an den Bedürfnissen der jungen Patient:innen orientiert und nicht nur am medizinischen Bedarf – ein entscheidender Unterschied.

Der Mensch im Mittelpunkt

Gesundheitsfördernde Räume erfordern eine konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Nutzenden. Dies stellt uns Planer:innen vor Herausforderungen, besonders in sensiblen Bereichen wie der Psychiatrie. Eine Schlüsselrolle spielt hier die Nutzereinbindung. Die zukünftigen Nutzenden – medizinisches, therapeutisches und pädagogisches Fachpersonal, aber auch Patient:innen und Angehörige – sind die Expert:innen ihres Alltags.

Bei der Planung des Erweiterungsbaus der KJP in Graz wurde dieser Aspekt von Beginn an von allen Beteiligten ernst genommen. Etwa durch eine gemeinsame Entwicklung des Betriebsorganisationskonzeptes oder in der Beilage eines Stimmungsfilms zum Architekturwettbewerb, der den Architekt:innen Einblicke in den Alltag und die Bedürfnisse aus Sicht des Personals und ausgewählter Patient:innen vermittelt.

Doch wie überbrückt man die Verständigungslücke in den darauffolgenden Planungsphasen zwischen den unterschiedlichen abstrakten Fachsprachen (Medizin und Architektur) und Erfahrungswelten? Wir wählten hier einen unkonventionellen Weg: die Vermittlung nicht über Pläne, sondern über ein Nutzer:innen-Kommunikationsmodell (Maßstab 1:100). Dieses farblich differenzierte physische Arbeitsmodell machte die geplanten Räume „erlebbar“ und ermöglichte einen Diskurs auf Augenhöhe über räumliche Qualitäten, Atmosphäre, therapeutische und funktionelle Zusammenhänge

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein Ort für junge Menschen, die aufgrund vielfältiger psychischer und psychosomatischer Erkrankungen intensive therapeutische Unterstützung – in Form von Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation – erhalten. Der Alltag ist geprägt von einem strukturierten Tagesablauf mit verschiedenen Therapieangeboten, Unterricht, individueller Freizeit und gemeinsamen Aktivitäten. Die stationären Aufenthalte dauern oft mehrere Wochen, manchmal Monate.

Was entstand also am LKH Graz II Süd durch den nutzerzentrierten Planungsprozess, um nicht nur dem Bedarf, sondern auch den Bedürfnissen gerecht zu werden?

Die Erweiterung umfasst einen Zubau zur bestehenden Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer Station mit 22 Betten, eine Tagesklinik Jugend mit fünf Plätzen sowie Therapie- und Diensträume. Die zentrale Herausforderung war es, einen Ort zu schaffen, der die notwendige Sicherheit und therapeutische Funktionalität mit einer wohnlichen Atmosphäre der Geborgenheit und des Wohlbefindens verbindet. Die Architektur antwortet auf diese Herausforderungen mit einer Reihe von mit Empathie durchdachten Lösungen, die Prinzipien der Heilenden Architektur und der evidenzbasierten Planung aufgreifen, wie sie etwa von Koppen und Vollmer in ihrer Publikation „Architektur als zweiter Körper“ beschrieben werden.
Der Zubau löst sich in fünf Häuser mit asymmetrischen Satteldächern auf, die sich in einer dorfähnlichen Struktur um einen begrünten Verbindungsbau gruppieren und harmonisch in die Parklandschaft einbetten. Der transparente Verbindungsgang zwischen Haupthaus und Zubau bildet den Abschluss des neuen Vorplatzes und gleichzeitig einen niederschwelligen Hauptzugang, mit sämtlichen direkt anschließenden öffentlichen Funktionen (Anmeldung, Ambulanz oder Besucherbereiche). Dies fördert eine einfache Orientierung und Wertschätzung durch ansprechende Gestaltung.

Über den Besucherbereich im zweigeschoßigen Therapiehaus des Zubaus betritt man die neue Station. Am großzügigen transparenten Stützpunkt vorbei, gelangt man zum zentralen „Dorfplatz“, einem Multifunktionsraum für gruppenübergreifende Aktivitäten wie Feste oder Kinoabende. Die Teeküche öffnet sich wie ein Kiosk zum Dorfplatz. Beides, Stützpunkt und Teeküche, ermöglicht eine ungezwungene Kontroll- und Interaktionsmöglichkeit zwischen Pflegepersonal und Patient:innen.

Die 22 Betten sind auf drei Jugendgruppen und eine Eltern-Kind-Gruppe verteilt. Jede Gruppe ist in einem der eingeschoßigen Häuser untergebracht und enthält neben den Patientenzimmern einen Wohnbereich mit Küche, ein Dienstzimmer für die jeweiligen zuständigen Fachärzt:innen und ein Dienstzimmer für Besprechungen, Arbeitsplatz für Pflege und Assistenzärzt:innen direkt neben dem Wohnraum. Ein Betriebsorganisatorisches Unikum in Österreich, das niederschwellige Kontrolle und für die Therapie notwendigen Beziehungsaufbau zwischen Personal und Patient:innen in einem familiären Setting fördert.

Besonderes Augenmerk galt der Balance zwischen der notwendigen Aufsichtspflicht sowie Gemeinschaft und dem Bedürfnis nach Privatheit und Rückzug – ein Kernthema bei Koppen/Vollmer. Die Gliederung in kleine, überschaubare Gruppen als familiäre Einheiten und eine klare Hierarchisierung der Räume vom „belebten öffentlichen Dorfplatz“ bis ins „ruhige private Haus“ schaffen unterschiedliche Grade von Gemeinschaft und individuellem Rückzug, aktivierende und beruhigende Orte. Gerade an den intimen Rückzugsorten muss die Architektur Selbstbestimmung zulassen und gleichzeitig unerlaubtes Entweichen sowie Suizid verhindern. Für die Therapie der unterschiedlichen Krankheitsbilder ist es essenziell, dass die Architektur zwischen Kontrolle, Gemeinschaft und Rückzug vermittelt und differenzierte „Aktivitätsorte“ anbietet.

Ein wesentliches Element, das zur besonderen Atmosphäre des Zubaus beiträgt, ist die Entscheidung für einen Holzmassivbau. Diese Wahl ist nicht nur ökologisch sinnvoll (regionale Herkunft, gute CO2-Bilanz, einfache Rückbaubarkeit), sondern wirkt sich positiv auf Raumklima und psychisches Wohlbefinden aus – wie in der Fachzeitschrift „zuschnitt“ zum Thema Gesundheitsbauten in Holz bereits hervorgehoben wurde. Spitalsübliche Materialien und Oberflächen fördern durch ihren Geruch, Klang, ihre Optik und Haptik eine mit Krankenhaus assoziierte Atmosphäre. Im Gegensatz dazu schaffen die mit Hygiene, Reinigung und technischem Betrieb abgestimmten Sichtholzoberflächen, Parkettböden, Holzfenster und -türen eine über alle Sinne vertraute Wohnatmosphäre.

Chancen und Potenziale

Die Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im LKH Graz II Süd zeigt, dass Krankenhausarchitektur weit mehr sein kann als eine funktionale Hülle. Der Erfolg des nutzerzentrierten, evidenzbasierten Ansatzes spiegelt sich im positiven Feedback seit der Inbetriebnahme wider: Patient:innen verhalten sich ruhiger, das Personal äußert sich zufrieden und selbst die Neubesetzung von Stellen gelingt trotz des allgemeinen Mangels an spezialisiertem Pflegepersonal und Fachärzt:innen verhältnismäßig gut, so die Rückmeldung des Hauses. Es ist ein Beispiel, das Mut macht und hoffentlich dazu anregt, die Potenziale einer menschenzentrierten und empathischen Architektur im Gesundheitswesen noch stärker zu erkennen und zu nutzen. 

Projektdaten

Bauherrin: Steiermärkische Kranken­anstaltengesellschaft m.b.H.
Nutzer:innen: Klinische Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Architektur und Generalplanung: Arbeitsgemeinschaft NOW Architektur ZT GmbH und Architekt DI Tinchon ZT GmbH (Statik: sblumer ZT GmbH; Bauphysik und Audit f. Nachhaltigkeit: Vatter und Partner ZT GmbH; Landschaftsplanung: koala Landschaftsarchitektur)
Fertigstellung und vollständige Inbetriebnahme: September 2023

Autor:innen:

Eva Maria Hierzer ist Architektin und Geschäftsführerin der NOW Architektur ZT GmbH in Graz. Sie lehrt an der TU Graz, ist Mitglied im Gestaltungsbeirat Gratwein-Straßengel und im Vorstand der ZT-Kammer Steiermark-Kärnten.

Stephan Brugger ist Architekt und Partner der NOW Architektur ZT GmbH in Graz. Er lehrte und forschte zudem als wissenschaftlicher Assistent an der Professur für Architektur und Holzbau an der TU Graz.

Quellen und Links:

[2] Koppen, Gemma; Vollmer, Tanja C.: Architektur als zweiter Körper. Eine Entwurfslehre für den evidenzbasierten Gesundheitsbau. Berlin: Gebr. Mann Verlag, 2022. (ISBN: 978-3-7861-7514-8)

[3] zuschnitt – Zeitschrift über Holz als Werkstoff und Werke in Holz. Nr. 84 (März 2022): Gesundheitsbauten in Holz. Wien: proHolz Austria, 2022. (Darin u.a.: Brichetti, Katharina: Heilsame und heilende Gestaltung.) (ISBN: 978-3-902926-44-9)

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