Wo Österreichs KI schon wirkt

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Autor: Michael Krassnitzer

Eine Online-Landkarte listet KI-Programme aus Österreich in heimischen Unternehmen auf. Mit einem Drittel aller Anwendungen ist das Gesundheitswesen federführend.

Drei Klischeebilder sind es, die für gewöhnlich mit Ärzten in Verbindung gebracht werden: der weiße Mantel, das Stethoskop und die unleserliche Handschrift. „Der eine oder andere Arzt hat – auf gut Tirolerisch gesagt – eine Sauklaue“, scherzt Julian Hadschieff, Gründer und CEO sowie Inhaber der Humanocare Group. Im Gunther Ladurner Pflegezentrum Salzburg, das zur Humanocare Group gehört, wird Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt, um die schwer zu entziffernden Schnörkel zu entschlüsseln – und nicht nur das. Mit der Anwendung namens infomed.360 werden Fragebögen, Befunde und andere Dokumente automatisch erkannt, digitalisiert und den richtigen Patientenakten zugeordnet. Übersichtlichkeit, Rechtschreibung und Grammatik von medizinischen Dokumenten werden automatisch verbessert. Die üblichen Abkürzungen für Fachbegriffe werden von der KI-Anwendung automatisch ausgeschrieben, was den Patienten das Verständnis der Dokumente wesentlich erleichtert. Und natürlich haben Ärzte und Pflegekräfte die Kontrolle darüber, ob sie die Vorschläge übernehmen oder zusätzlich anpassen.

Künstliche Intelligenz ist aus der Gesundheitsbranche nicht mehr wegzudenken. KI wird in der Diagnostik, in der Pflege und in der Prozessgestaltung eingesetzt. „Im Gesundheitsbereich boomen KI-basierte Anwendungen“, bekräftigt Gerlinde Macho, Gesellschafterin und Gründerin der MP2 IT-Solutions GmbH. Sie ist auch Vorständin im Verband Österreichischer Software Innovationen (VÖSI), einer Interessengemeinschaft der bedeutendsten österreichischen IT-Unternehmen.

Rasant.
Die KI-Landschaft verändert sich täglich. Eine Sammlung operativer Anwendungen soll Entscheidungsträger unterstützen, den Fortschritt zu verstehen.

Online-Landkarte

Der VÖSI hat im September Österreichs erste KI-Landkarte online gestellt. Diese digitale Karte bietet einen Überblick, wo hierzulande KI im Business-Bereich angewandt wird – abseits des Einsatzes von allseits bekannten Standard-Tools à la ChatGPT, Gemini oder Midjourney (voesi.or.at/ki-landkarte). Die KI-Landkarte soll laut VÖSI Austausch und Orientierung bieten, Best Practices aufzeigen, österreichisches KI-Know-how sichtbar machen, eine KI-Community für den Experten-Austausch und Vertrauen in KI „made in Austria“ schaffen. Auf der nutzerfreundlichen Karte sind die einzelnen Use Cases als Punkte in unterschiedlichen Farbtönen – je nach Branche – eingezeichnet. Mit einem Klick darauf öffnet sich ein Fenster mit den wichtigsten Fakten zum jeweiligen Projekt und zu Links für vertiefende Informationen. Mittels Filter kann der Nutzer gezielt nach bestimmten Branchen, Unternehmensgrößen oder Bundesländern suchen.

„Die KI-Landkarte soll Unternehmen inspirieren und motivieren, eigene KI-Initiativen zu starten“, erläutert Macho. In der ersten Version der Karte sind 100 ausgewählte Beispiele für KI-Anwendungen vom Bodensee bis zum Neusiedlersee enthalten. 32 davon, also gut ein Drittel, stammen aus dem Gesundheitsbereich. KI spielt bei Darmspiegelungen bereits eine große Rolle. Nicht weniger als drei österreichische Spitäler – das Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, das Kepler Universitätsklinikum in Linz und das Universitätsklinikum St. Pölten – scheinen in diesem Zusammenhang auf der KI-Landkarte auf. Dabei wird zur Unterstützung der behandelnden Ärzte ein Algorithmus in bestehende Endoskopiegeräte integriert, der selbst kleinste Vorwölbungen in der Darmschleimhaut, sogenannte Polypen, zuverlässig erkennen und diese als harmlos oder potenziell bösartig einstufen kann. Auf diese Weise werden potenziell bösartige Veränderungen schneller entdeckt und die Qualität der Vorsorgeuntersuchungen gesteigert.

Am Universitätsklinikum Innsbruck wird das KI-gestützte System SEARCH Lung CT eingesetzt, um die Analyse von Lungen-CTs zu unterstützen. Dieses System erkennt, visualisiert und quantifiziert Lungenanomalien sowie Lungenrundherde. Es liefert Informationen über Ort und Ausmaß der Veränderungen, erstellt Heatmaps für verschiedene Bildmuster und erlaubt Messungen der erkannten Lungenrundherde. Eine Studie zeigt, dass die durchschnittliche Befundzeit um 31 Prozent verkürzt werden konnte. An der Medizinischen Universität Wien werden KI-gestützte Systeme zur Erkennung diabetischer Netzhauterkrankungen genutzt. Dabei werden hochauflösende 3D-Bilder ausgewertet, die mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) hergestellt wurden. Auf diese Weise können Veränderungen der Retina bei Erkrankungen wie der diabetischen Retinopathie zuverlässig und objektiv identifiziert sowie im Krankheitsverlauf überwacht werden.

KI kommt nicht nur in der medizinischen Diagnostik, sondern auch in der Behandlung zum Einsatz. Das Orthopädische Spital Speising in Wien zählt weltweit zu den ersten Kliniken, die KI bei Beinverlängerungen mittels externer Fixierung einsetzen. Dies kann bei Deformitäten wie X- oder O-Beinen oder unterschiedlich langen Beinen notwendig sein. Bei der operativen Verankerung einer individuell angepassten Vorrichtung im Bein des Patienten übernimmt nun eine KI-Software die komplexe Planung, wodurch die Behandlung noch präziser und mit weniger Nachkorrekturen erfolgen kann. Eine Smartphone-App unterstützt den Therapieprozess zusätzlich durch digitale Kon­trolle und Information.

Umbruch.
MP2-Gründerin und VÖSI-Vorständin Gerlinde Macho, repräsentiert im Verband den Gesundheitsbereich: „KI boomt.“

Im Pflegebereich erleichtern KI-Anwendungen die Aufgaben der Mitarbeiter. Die Humanocare GmbH setzt in ihren Pflegeeinrichtungen ein Produkt namens cogvis ein, das 3D-Sensoren ohne Kamera nutzt, um Bewegungen zu erkennen und zum Beispiel Pflegekräfte bei Gefahr (Aufstehen aus dem Bett, Stürze) automatisch zu alarmieren. Damit werden Stürze um 72 Prozent reduziert – bei einer Erkennungsgenauigkeit von über 90 Prozent. Das System erkennt anhand der Bewegungen bettlägeriger Bewohner, ob die Gefahr eines Dekubitus – Druckgeschwüre infolge zu langen unbewegten Liegens – besteht. „Auf diese Weise kann KI die Häufigkeit von Ereignissen verhindern, die oft den Beginn einer langen Leidensgeschichte darstellen“, erklärt Humanocare-Geschäftsführer Hadschieff: „Zugleich werden die Mitarbeiter entlastet und können ihre Zeit für andere Aufgaben nutzen.“ Im Rahmen des Pilotprojekts „Skill und Grade Mix in der Pflege“ werden bei den Barmherzigen Brüdern Linz pflegerische Leistungen digital erfasst und mithilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet, um das Personalmanagement gezielt weiterzuentwickeln. Ziel ist ein bedarfsorientierter Personaleinsatz, bei dem Pflegekräfte entsprechend ihrer Kompetenzen optimal eingesetzt werden. So können pflegerische Ressourcen effizienter genutzt und die Bedürfnisse der Patienten besser berücksichtigt werden.

Mixed-Reality-Training

Die Aus- und Weiterbildung ist ein weiterer Einsatzbereich von KI. Das Austrian Institute of Technology (AIT), das bei der KI-Landkarte vom Start weg beteiligt war, hat in Kooperation mit den Johannitern ein intelligentes Mixed-Reality-Trainingssystem (Green Manikin) für den medizinischen Notfallbereich entwickelt, das reale Umgebung und virtuelle Simulation kombiniert. Mit haptischem Feedback, KI-Interaktionen und Echtzeit-Spracherkennung ermöglicht es realitätsnahe Übungen mit virtuellen Patienten. Das Besondere: Perfomance- und Verhaltensdaten werden in Echtzeit erfasst und direkt ins Szenario integriert. So entstehen personalisierte Trainingssituationen, die sich dynamisch anpassen. Die KI-Landkarte soll kontinuierlich um neue, innovative Use Cases erweitert werden. Praxiserprobte und produktiv eingesetzte KI-Projekte können jederzeit unter https://voesi.or.at/ki-use-cases eingereicht werden.  

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