Antibiotika: Hat die Zauberformel ausgedient?

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Autor: Michael Krassnitzer

Die Pharmaforschung führt den Kampf gegen multiresistente Bakterien mit überschaubarem Mitteleinsatz. Als Nischentherapeutika versprechen sie nur geringe Umsätze.

Antibiotika retten jedes Jahr Millionen Leben. Sie verhindern Entzündungen nach Operationen und anderen Verwundungen. Viele Therapien werden durch ihren Einsatz erst möglich. Doch die Wunderwaffe scheint zunehmend stumpf zu werden: Immer mehr Bakterien entwickeln Strategien, um den Angriffen dieser Medikamente zu entgehen. Weltweit breiten sich resistente Keime aus, gegen die kaum noch Mittel helfen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet Antibiotikaresistenzen als eine der zehn größten globalen Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit.

In Österreich ist die Lage vergleichsweise gut. Während in vielen Ländern weltweit die Raten an antibiotikaresistenten Bakterien steigen, ist der Trend in Österreich gegenläufig. Das geht aus dem AURES, dem österreichischen Antibiotikaresistenz-Bericht, hervor. Dieser wird alljährlich im Auftrag des Gesundheitsministeriums erstellt und fasst unter anderem die Daten zur Resistenzlage sowie zum Antibiotikaverbrauch in der Human- und Veterinärmedizin zusammen. „Ich sehe keine bedrohliche Lage“, schließt Petra Apfalter, Leiterin des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Ordensklinikum Linz, aus dem Bericht: „Es gibt auf alle Fälle keinen Grund zur Panik.“

Rabauken des Mikrokosmos.
Staphylokokken-Bakterien zählen zu den Intimfeinden jedes Hygienikers. Der Krieg in der Ukraine begünstigt ihre Ausbreitung.

Widersprüchliche Lage

Es existieren viele verschiedene multiresistente Keime, aber das Dreigestirn der „Superkeime“ sind MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) und die Gruppe der MRGN (multiresistente gramnegative Stäbchen). Die ersten beiden hat man in Österreich gut im Griff. Vor allem beim MRSA wurde im Fünf-Jahres-Rückblick ein rückläufiger Trend beobachtet. Bei den gramnegativen Erregern stagnieren die Zahlen und zeigten laut AURES teils sogar einen leicht rückläufigen Trend.

Beim MRSA und bei den VRE sei die Inzidenz sehr niedrig und die Palette an unterschiedlichen Therapieoptionen ausreichend groß, erläutert Florian Thalhammer, Infektiologe an der MedUni Wien, die aktuelle Lage. Die MRGN, zu denen eine ganze Reihe verschiedener Erreger wie E. coli oder Klebsiella zählt, bereiten ihm allerdings Sorgen. Laut dem Leiter der urologischen Infektionsambulanz ist diese Gruppe von Erregern mittlerweile zu einem klinisch relevanten Problem geworden, das durch mehrere Faktoren befeuert wird.

Einer davon ist der Krieg in der Ukraine, wo sich unter verwundeten Soldaten multiresistente Bakterien ausbreiten, gegen die fast kein Antibiotikum mehr wirksam ist. Österreich ist von einem Halbmond von Ländern umgeben, in denen sich in letzter Zeit zum Beispiel Carbapenem-resistente Stämme von Klebsiella pneumoniae oder Acinetobacter baumannii zunehmend verbreitet haben: Italien, Slowenien, Ungarn, Slowakei, Tschechien.

Keine neuen Substanzen

Die Suche nach neuen Antibiotika gestaltet sich schwierig. „Das goldene Zeitalter der Antibiotika mit der Entdeckung und Entwicklung der Betalaktam-Antibiotika ist vorbei“, bekräftigt Thalhammer. (Betalaktam-Antibiotika sind die am häufigsten eingesetzte Gruppe von Antibiotika in der Medizin.) Die WHO listet 90 neue Antibiotika auf, die sich in der Testung bzw. Zulassung befinden – nur zwei davon haben einen neuen Wirkmechanismus, wie Werner Ruppitsch, Professor für Antibiotikaresistenzen und mikrobielle Genomik an der Medizinischen Universität Innsbruck, erklärt. Stattdessen setzen Behandler auf die Kombination von zwei oder mehreren bereits erprobten Antibiotika – in der Hoffnung, dass auf diese Weise Synergieeffekte entstehen. Thalhammer hat zum Beispiel gemeinsam mit einer österreichischen Pharmafirma – erstmals in Europa – die Kombination der zwei Betalaktamasehemmer Sulbactam und Durlobactam für Österreich verfügbar gemacht.

Einen völlig anderen Behandlungsansatz stellen Bakteriophagen dar. Dabei handelt es sich um Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. An der MedUni Wien wurde bereits im Jahr 2024 erstmals ein Patient auf diese Weise erfolgreich behandelt. Der Patient, bei dem keine Therapieoptionen mittels Antibiotika mehr zur Verfügung gestanden waren, erhielt über 28 Tage hinweg mehrfach täglich Inhalationen mit einem Phagen, der einen ausgewählten Keim spezifisch angreift und zerstört. Bakteriophagen werden allerdings nur vereinzelt als letzte Therapieoption eingesetzt, da es sich um eine sehr aufwendige Therapie handelt, die auf den einzelnen Patienten zugeschnitten werden muss.
Eine weitere ganz unterschiedliche Therapieoption ist der Einsatz von monoklonalen Antikörpern, wie man sie aus der Krebstherapie oder der COVID-19-Behandlung kennt. Ein Beispiel ist Bezlotoxumab, der bei Patienten mit dem Risiko von rekurrenten Infektionen mit Clostridioides difficile indiziert ist. Die Sub­stanz wird nicht eingesetzt, um das Bakterium zu töten, sondern um die vom Bakterium produzierten Gifte zu neutralisieren. Der Antikörper wird daher nicht als eigenständige Behandlung verwendet, sondern als Ergänzung zu einer antibiotischen Therapie.

Viele große Pharmafirmen ziehen sich allerdings aus der Entwicklung antimikrobieller Therapieoptionen zurück, wie Thalhammer bedauert. Ein neues, hochwirksames Antibiotikum würde nämlich nicht breit eingesetzt, sondern nur bei bestimmten oder schweren Infektionen oder dann, wenn alle anderen Optionen versagt haben. Entsprechend wenige Patienten würden damit behandelt werden. Folglich würde die Amortisierung der Entwicklungskosten zu lange dauern. Mögliche Lösungen des Problems sind die Verlängerung der Patentzeit oder eine garantierte Abnahme dieser Antibiotika, auch wenn sie nicht zum Einsatz kommen – also eine Art Versicherungssystem.

Über die Humanmedizin hinaus

Im Nationalen Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz, der vom Gesundheitsministerium herausgegeben wird, sind weitere Maßnahmen aufgelistet, mit denen man Antibiotikaresistenzen die Stirn bieten will. Dazu gehört die systematische Überwachung resistenter Erreger und die Erfassung des Antibiotikaverbrauchs im Gesundheitssystem. Denn auch in der Veterinärmedizin werden Antibiotika in großen Mengen eingesetzt. Da sich resistente Erreger über die Nahrungskette verbreiten, muss auch die Lebensmittelverteilung in die Überwachung einbezogen werden. Diese Surveillance-Daten fließen dann in den jeweils aktuellen Aktionsplan ein. Der verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika (Antibiotic Stewardship) bleibt ein zentrales Werkzeug im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen. 

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