Bekenntnisse eines Leidenden. Eine Satire von Norbert Peter.
Abgehoben? Die Zeiten sind im Wandel und wir zwangsweise mittendrin. Die Veränderung wird mitunter hemmungslos vorangetrieben, ohne Rücksicht auf Verluste. Manche Entscheidungsträger wirken abgehoben. Aber wir bleiben trotzdem dran!
Schon die Rahmenbedingungen des Heranwachsens haben sich geändert. War uns als Kindern noch das „Ballspielen in der Wohnhausanlage untersagt“ und das „Betreten der Baustelle verboten“, so bekommen die Kids heutzutage Probleme, wenn sie das Handy im Unterricht nicht ausmachen oder im OP einem Patienten ein Loch in den Kopf bohren.
Das Telefon mit in die Schule nehmen: Das wäre uns im Traum nicht eingefallen. Wir Jugendlichen der 1980er-Jahre hatten nämlich zuhause ein Festnetztelefon. Es war mit einem Kabel in der Wand verbunden und nicht mobil. Also überhaupt nicht mobil. Das stand auf der Kommode im Vorzimmer, wo alle zuhören konnten, wenn man sprach, im Stehen. Sitzen war nicht erwünscht, weil man sich, ob der horrenden Kosten, ohnehin kurz fassen sollte. Und apropos sitzen: Aufs stille Örtchen nahmen wir dieses Kommunikationstool sowieso nicht mit. Unvorstellbar eigentlich: dass man früher ohne Handy aufs Klo gehen konnte… Ja, wir waren schon Draufgänger, damals.
Und auch ohne die neumodischen „Social Media“ waren wir total sozial unterwegs. Wir hatten kein Facebook, kein Instagram, kein Youtube und kein TikTok. Wir hatten unsere eigenen „Social Media“: Wir sind mit der ganzen Familie vor dem Fernseher gesessen. Dort haben wir während der Schirennen in der Kronenzeitung Werte eingetragen. Die hatte darin nämlich eine Tabelle, in der alle Läuferinnen und Läufer aufgelistet waren, und daneben Spalten für die Zwischenzeit und Gesamtzeit – können Sie noch was mit den Namen Ingemar Stenmark, Marie-Theres Nadig und Phil Mahre anfangen?
Und am Abend sind wir den Eltern auch nicht von der Seite gewichen, als der Seniorenclub lief. Weil alles besser war, als wenn die Kiste ausgeschaltet wurde.
Am Sonntag Abend haben wir brav angerufen, wenn der Moderator Udo Huber uns dazu aufgerufen hat, unsere Favoriten für die Ö3-Hitparade zu unterstützen: 65 67 31 – die Telefonnummer für die Musik-Wahl. Demokratie für Anfänger.
Wir haben gelernt zu überleben. Draufgänger eben. Und wofür?
Um heute das Gelernte anzuwenden. Statt der Zwischenzeit von der Annemarie Pröll, unserer Olympiasiegerin, tragen wir heute unsere Blutdruck-Werte ein, zweimal täglich. Nicht in die Kronenzeitung, sondern in den Blutdruckpass.
Und wer beim Seniorenclub geduldig sitzen blieb, wenn sich der Club-Sekretär Willy Kralik mit Harald Serafin unterhielt (Wir waren Teenager! Die um jeden Preis fernsehen wollten!), der hat auch die Resilienz erworben, um in den Wartezonen unserer Kliniken cool zu bleiben, wenn sich stundenlang nichts tut.
Auch die Hitparade hatte ihren Lerneffekt. Wenn ich heute bei 1450 in der Warteschleife hänge, denke ich unwillkürlich an meine Anrufe bei der Ö3-Hitparade zurück. Das lange Warten, um endlich meinen Lieblingssong zu nennen… Einmal war ich so sentimental in Gedanken versunken, dass ich im ersten Schreck, als bei der Gesundheitshotline wirklich jemand abhob, „Banküberfall“ sagte. Und in die Stille hinein noch „EAV“ ergänzte. Womit meine Wartezeit von neuem begann, verständlicher Weise.
Noch eine letzte Weisheit: Abgehoben haben wir damals wirklich. Den Telefonhörer von der Gabel. Damit haben wir das Gespräch angenommen. Heute wird mit dem Finger gewischt, um ein Telefonat am Smartphone entgegenzunehmen. Oder es abzulehnen.

Norbert Peter
Kabarettist, Buchautor, Journalist
Peter & Tekal, medizinkabarett.at
Nächster Termin:
„Das Höchste Gut“ am 4.6.2026 im CasaNova, 1010 Wien, 19.30 Uhr


