Andrea Kdolsky hat zum Weltkrebstag ein Buch über ihren Umgang mit der Krankheit veröffentlicht. Sie erzählt, warum es Verhaltenskurse für Angehörige und Freunde von Schwerkranken geben sollte und warum Gesundheitspolitik immer ein Machtspiel bleibt.
Frau Dr. Kdolsky, Sie haben ein sehr persönliches Buch geschrieben, das mit dem Weltkrebstag am 4. Februar veröffentlicht wurde. Hat Ihnen das Schreiben des Buches geholfen, mit der Situation umzugehen?
Andrea Kdolsky: Sehr sogar. Für mich sind solche Projekte überlebenswichtig. Neben Humor, Natur und sozialem Umfeld sind es derartige Vorhaben, die mich am Leben halten. Wer eine Krebsdiagnose bekommt, sollte sich einen Jahresplan machen. Projekte helfen, weil man sie beenden will. Und dann war da noch dieses Bedürfnis, anderen zu helfen. Perücken, Existenzängste, Jobverlust, damit muss man leben lernen. Jedes Mal, wenn ich müde wurde, habe ich mir gedacht: Da gibt es noch dieses Projekt. Und dann bin ich drangeblieben.

Haltung.
Ex-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky hat ein Buch über ihre Erkrankung geschrieben. Die ständige Rücksichtnahme nerve: „Seid wie immer“.
Im Buch schreiben Sie, dass das Umfeld von Krebskranken lernen muss, diesen ohne Hemmungen und Getue zu begegnen. Wie wollen Sie, dass man Ihnen entgegentritt?
Eigentlich ist es ja ganz einfach. Man muss schwerkranke Menschen so behandeln wie vorher auch. Aber genau das ist offenbar unglaublich schwer. Es gibt diese Dualität: Auf der einen Seite hast du Angehörige, die selbst Angst haben. Angst davor, dass dir etwas passiert, Angst davor, selbst krank zu werden. Diese Angst ist völlig normal. Aber man muss lernen, damit umzugehen. Die Diagnose Krebs heißt nicht sterben. Und dann kommt dieses In-Watte-Packen. Ich merke das in meinem Umfeld stark: Plötzlich diskutiert niemand mehr mit mir. Dabei bin ich ein Diskussionsmensch. Mein ganzes Leben bestand aus Diskussionen. Aber jetzt will mir niemand mehr widersprechen, weil sie glauben, sie dürfen das nicht. Das nervt.
Was meinen Sie genau mit „In Watte packen“?
Alles wird ohne Anlass schöngeredet. Ich war immer ein sehr körperbewusster Mensch. Wenn man krank ist, verändert man sich. Ich habe einen Spiegel und weiß, was mit mir los ist. Und wenn dann jemand sagt: „Meine Güte, gut schaust du aus“, dann schaue ich die Person an und frage: „Brauchst du eine Brille oder hast du irgendwas genommen?“ Diese Realitätsverzerrungen sind einfach schräg.
Ich habe eingangs bewusst auf die Frage verzichtet, wie es Ihnen geht. Jede Antwort würde mich verlegen machen …
Ja, das ist ein Klassiker, mit dem ich gegenwärtig kämpfe. Mir ist es über Wochen extrem schlecht gegangen. Chemotherapie, wahnsinnige Übelkeit, 35 Kilo Gewichtsverlust, ich konnte nichts essen, ich war zehn Tage im Spital. Und dann fragt dich jemand: „Wie geht es dir?“ Ich weiß schon, dass dies empathisch und freundlich gedacht ist. Aber es bringt dich in eine unmögliche Situation. Wir Krebspatientinnen haben permanent ein schlechtes Gewissen. Weil sich andere sorgen. Weil andere traurig sind. Weil wir nicht mehr so funktionieren wie früher. Und irgendwann muss dieses schlechte Gewissen aufhören. Man muss sagen dürfen: Es geht mir beschissen. Punkt. Und bitte hört auf, diese Frage zu stellen.
Sie gehen sehr offen mit Ihrer Erkrankung um. Fällt es Ihnen nicht schwer, so viel Privates nach außen zu tragen?
Nein. Ich war immer ein Mensch der Öffentlichkeit. Seit meiner Jugend. Für mich ist das nichts Negatives. Es ist eher eine Hilfestellung. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Familie. Nach außen zu gehen ist wie ein Kochtopf, aus dem man ein bisschen Dampf ablässt.
Sie haben einmal von Ihrem ersten Besuch auf der Onkologie-Station im AKH erzählt. Der große Andrang hätte Ihre Erfahrungen als Ärztin in der Notfallambulanz nach einem Fußballspiel übertroffen. Was sagt das?
Wir wissen aus Studien, dass Krebs eine chronische Erkrankung wird. Es gibt Prognosen, dass 2050 jede zweite Person betroffen sein wird. Das sind jetzt die Auswirkungen. Und noch einmal: Diagnose Krebs heißt nicht sterben. Es ist auch wichtig zu sagen, dass Schuldzuweisungen nichts bringen. Wir wissen heute sehr gut, dass genetische Faktoren eine große Rolle spielen. Das war in meiner Familie eindeutig vorhanden.
Das wird auch im Buch thematisiert.
Ja. Meine Schwester ist an Leukämie gestorben, meine Mama hatte Darmkrebs. Und wir alle kennen Menschen, die nie geraucht haben und trotzdem Lungenkrebs bekommen. Krebs wird ein immer größeres Thema. Für das Gesundheitssystem, aber auch für die Gesellschaft insgesamt.
Ihr Buch erschien am Weltkrebstag. Wie gut ist Österreich auf die Zunahme der Krebserkrankungen vorbereitet?
Österreich ist in der Krebstherapie europaweit vorne. Diagnostik, Zugang zu moderner Therapie, Überlebensraten – das ist alles sehr gut.

Buchtipp:
Blumen in der Wüste,
Andrea Kdolsky,
Edition a, Wien 2026, 158 Seiten,
ISBN 978-3-99001-889-7
Verzeihen Sie die provokante Frage: Aber sind Ihre positiven Erfahrungen von einem Promi-Faktor verbrämt? Sie kennen den Vorwurf, dass das Gesundheitssystem in eine Zweiklassenmedizin abdriftet. Einer Ex-Ministerin, Ärztin und bekannten Gesundheitspolitikerin lässt man nur das Beste angedeihen …
Ich habe ein rührendes Briefchen von einem älteren Ehepaar gekriegt, das sich bei mir bedankt hat, weil es gesehen hat, wie ich mich an der Leitstelle mit der Nummer 35 in die Schlange gestellt habe. Ich will nicht von der Hand weisen: Natürlich kennt man mich im System, ich war etliche Jahre im AKH Ärztin. Aber ich habe keine Zusatzversicherung. Ich liege mit anderen Patientinnen im Zimmer, ich rede mit ihnen, ich höre zu. Viele Gespräche aus den Gemeinschaftszimmern haben auch mein Buch geprägt.
Die Kompetenzen einer Gesundheitsministerin oder eines Gesundheitsministers haben sich seit Ihren Amtszeiten nicht verändert. Wie haben Sie Ihre Einflussmöglichkeiten während Ihrer aktiven Ministerinnenzeit erlebt?
Ärgerlich gering. Ich fühlte mich wie ein „Puppet on the String“. Diese relative Machtlosigkeit schmerzt mich heute noch. Eingeklemmt zwischen Landeshauptleuten und Ärztekammerfunktionären, die auf jede Veränderung allergisch reagieren. Die Gestaltungsmöglichkeiten einer Gesundheitsministerin oder eines -ministers liegen nahe bei null. Für die Öffentlichkeit bist du aber die Buhfrau oder der Buhmann, wenn die Wartezeit beim Hausarzt zu lange dauert. Heute sage ich: Vielleicht hätte ich manchen Konflikt weniger öffentlich austragen sollen. Aber dieses permanente Blockieren hat dem Gesundheitssystem massiv geschadet.
Zu viele Köche am Herd?
Die Klage ist nicht neu. Die Ärztekammer hat jahrzehntelang alles blockiert, was auch nur annähernd nach Innovation gerochen hat. Tausend Gründe. Am Ende war es dann immer der Datenschutz, der etwas unmöglich gemacht hat. Du bist als Ministerin in einer Kapsel gefangen. Du weißt, was zu tun ist und willst viel bewegen. Aber man lässt dich nicht. Und das ist extrem frustrierend. Du rennst permanent gegen eine Betonmauer. Und weil du nichts wirklich verändern kannst, bekommst du den Ärger von allen Seiten ab – auch von den eigenen Leuten.
Was sind die Treiber im Gesundheitssystem?
Es ist in den seltensten Fällen das Patientenwohl. Es geht immer um Macht und Geld. Und ganz stark um den Einfluss der Länder. Ich hatte einmal einen massiven Streit mit dem damaligen Wirtschaftsminister, weil ich gesagt habe: Ich verstehe, dass Spitäler in gewissen Regionen wirtschaftliche Faktoren sind. Wenn ich im tiefsten Waldviertel ein Spital habe, dann gibt es dort Jobs. Es braucht Pflegekräfte, die in der Region bleiben, der Bäcker aus dem Ort bringt die Semmeln, die Gewerke bekommen Aufträge und so weiter. Aber dann ist die Spitalsfinanzierung keine Frage der Gesundheitsbudgets, sondern der Wirtschafts- und Standortpolitik. Wenn ein Landeshauptmann sagt, dass dieses oder jenes Spital für eine Region wichtig ist, dann soll das auch die Wirtschaft finanzieren.
Wenn Peter McDonald, seit Jänner wieder Vorsitzender der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), sagt, ohne Spitalschließungen werde es in Zukunft nicht gehen, hat er recht?
Ja. Wir werden um Umwandlungen nicht herumkommen. Wir werden Spitäler umbauen müssen. Denken Sie an die Polykliniken. Genau so etwas brauchen wir wieder. Mutter-Kind-Zentren, wo Mütter hingehen und Ernährungsexpertinnen unterstützen. Wir brauchen ganz dringend neue Rehabilitationsangebote für ältere Menschen. Die klassischen Spitäler müssen sich spezialisieren, sich ändern und Leistungen anbieten, die der gesellschaftlichen Entwicklung gerecht werden.

Andrea Kdolsky,
hier ein Bild von Oktober 2023, ist promovierte Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin. Nach Jahren im AKH – zuletzt Oberärztin – wechselte sie 2005 in die Niederösterreichische Landeskliniken Holding, der sie ab März 2006 als medizinische Geschäftsführerin vorstand. Im Jänner 2007 wurde Andrea Kdolsky zur ÖVP-Bundesministerin für Gesundheit, Familie und Jugend im Kabinett Gusenbauer ernannt. Nach ihrem Ausscheiden aus der Bundesregierung im Dezember 2008 war sie als Beraterin im Gesundheitsbereich tätig. Im Herbst 2024 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Im Mai 2025 wurde ein Hirntumor operativ entfernt.
Die steirischen Landtagswahlen haben gezeigt, wie politisch heikel Spitalszusammenlegungen sind.
Ja. Und oft sind die Länder selbst schuld, weil sie es den Menschen nicht erklären. Kommunikation ist im Gesundheitswesen alles. Ich kann nicht mitten in einer Phase, in der die Menschen kränker werden, sagen: Ich sperre Spitäler zu, während es keine niedergelassenen Strukturen gibt. Man muss mit den Fusionsplänen frische Angebote aus dem ambulanten Bereich mitliefern. Wenn die Versorgungslücke nicht nachvollziehbar gefüllt wird, werden die Menschen das Gefühl haben, dass auf ihre Kosten gespart wird.
Wie müsste man es erklären?
So, wie es ursprünglich gedacht war. Man sagt: Dafür gibt es hier ein Primärversorgungszentrum, dort eine Kinderambulanz. Die Gesundheitsimmobilie ist die wertvollste Immobilie, die ich habe. Ich bin ja nicht verrückt, sie abzureißen. Ich biete den Menschen mehr an als vorher. Und ich sichere Qualität.
Qualität über Fallzahlen?
Genau. Mediziner sind Handwerker. Je öfter wir etwas machen, desto besser machen wir es. Wollen Sie von jemandem intubiert werden, der das fünfmal am Tag macht, oder von jemandem, der es einmal im Jahr macht? Das ist die Realität. Wenn ich Fallzahlen bündle, steigt die Qualität der Versorgung. Drei Spitäler mit jeweils minimalen Zahlen bringen niemandem etwas. Da ist eines mit ausreichend Erfahrung besser.
Sie arbeiten als Hausärztin in einer Wiener Privatklinik mit dem Spezialgebiet Schmerztherapie. Können Sie die Abwanderung von Ärztinnen und Ärzten aus dem Kassensystem ins Wahlarztsystem nachvollziehen?
Völlig. Ich mache es selbst. Und wenn mir jemand droht oder deppert kommt, dann mache ich in der Sekunde die Wahlarztordination zu und gehe als Privatärztin.
Sie sprechen den SPÖ-Vorstoß an, Wahlärztinnen und Wahlärzte verpflichten zu wollen, zehn bis 15 Prozent ihrer Kapazität für das Kassensystem bereitzustellen …
Das ist ein Schwachsinn. Warum soll ich für ein Honorar arbeiten, das unter dem Verdienst einer Zugehfrau liegt? Ich bin Schmerztherapeutin. Jeder Patient bekommt bei mir 55 Minuten. Anamnese, Therapieplan. Das braucht Zeit, für die ich bezahlt werden will. Bei einem Kassentarif habe ich drei Minuten pro Patienten, wenn ich meinen Umsatz halten will. Da weiß ich nicht einmal, wo es weh tut. Die junge Generation an Medizinern und Medizinerinnen will so nicht mehr arbeiten. Die wollen für ihre Patientinnen und Patienten da sein und dafür angemessen bezahlt werden. Und ich finde, das ist der entscheidende Punkt.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie gehört haben, dass die Salzburger Landeshauptfrau Karoline Edtstadler darüber nachdenkt, die Gesundheitskompetenzen der Länder zum Bund zu verschieben?
Dass sie die Einzige unter den ÖVP-Frauen ist, die so gegen den Strich bürsten kann. Inhaltlich hat sie recht. Die Frage ist nur, ob sie die Kraft hat, das durchzusetzen. Wahrscheinlich ist sie schon ruhiggestellt worden.
Sie glauben nicht, dass sich an den Kompetenzen etwas ändert?
Nein. Ganz sicher nicht. Jede Kompetenzverschiebung bedeutet für irgendjemanden Machtabgabe. Und solange Menschen an der Macht sitzen, die Macht brauchen, wird sich nichts ändern.
