US-Forscher arbeiten an Impfstoff gegen Opioid-Überdosierung

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Autor: Scho

Weiterhin werden die USA von der bisher schwersten Suchtgiftkrise heimgesucht. Nach Heroin stehen synthetische Opioide aus der pharmazeutischen Industrie in ihrem Mittelpunkt. Abhängige stiegen entweder von Straßendrogen auf die Medikamente um oder Gefährdete rutschten über die in den Vereinigten Staaten ehemals beworbenen Opioid-Schmerzmittel sowie lockere Verschreibungspraktiken der Ärzte in die Sucht.

Fentanyl ist dafür perfekt geeignet. Das synthetische Opioid wirkt 50 Mal stärker als Heroin und hundert Mal stärker als Morphin. Das in der Schmerzmedizin eingesetzte Mittel wurde zu einem der hauptsächlichen Treiber der Suchtgiftkrise in den USA. 2021 dürften rund 108.000 Menschen an einer Überdosis gestorben sein – 17 Prozent mehr als im Jahr davor. Opioide waren zu 70 bis 80 Prozent an den Überdosierungen beteiligt. Schon zwei Milligramm Fentanyl, das Zehntel des Gewichts eines Reiskorns, sind laut US-Drogenbehörde DEA als potenziell tödliche Dosis.

Colin Haile und Therese Kosten, Professoren für Psychologie an der Universität Houston (UH) im US-Bundesstaat Texas, und ihre Mitarbeiter am UH-Institut für die Entwicklung von Arzneimittelwirkstoffen, wollen ein Gegenmittel in der Form einer Vakzine gegen Fentanyl gefunden haben. Haile erklärte vor einigen Wochen in einer Presseaussendung der Universität: „Unsere Vakzine bewirkt die Produktion von starken Anti-Fentanyl-Antikörpern. Sie binden an das Fentanyl aus Drogenkonsum und verhindern so, dass es ins Gehirn aufgenommen wird. Die Ausscheidung erfolgt über die Nieren.“ Die gewünschte Konsequenz, so der US-Wissenschafter: „Auf diese Weise empfinden die Geimpften nicht mehr die euphorischen Effekte (von Fentanyl; Anm.) und bleiben einfach ’nüchtern‘.“

Vorerst sind dazu allerdings nur Daten aus Tiermodellen vorhanden. Nach Tests an Mäusen erprobten die US-Experten die Vakzine an männlichen und weiblichen Ratten. Die entsprechende wissenschaftliche Arbeit erschien Ende Oktober in der Fachzeitschrift „Pharmaceutics“ (doi.org/10.3390/pharmaceutics14112290). „Immunisierte männliche und weibliche Ratten produzierten signifikante Wirkspiegel an Anti-Fentanyl-Antikörpern“, schrieben die Autoren unter anderem. Der analgetische Effekt des Opioids trat nicht auf, die Konzentration im Gehirn war nach der experimentellen Gabe des Schmerzmittels deutlich geringer.

Antikörper binden nicht an andere Opioide

Nebenwirkungen bei den Tieren wurden keine beobachtet. Dafür zeigte sich ein anderer Effekt, so Haile: „Die Anti-Fentanyl-Antikörper war hoch spezifisch für diese Substanz und zeigten keine Kreuzreaktion mit anderen Opioiden, zum Beispiel auch mit Morphin. Das bedeutet, dass ein Geimpfter weiterhin mit anderen Opioiden als Schmerzmittel behandelt werden könnte.“

Als Antigen, welches das körpereigene Abwehrsystem zur Bildung von Antikörpern gegen Fentanyl anregen soll, dient bei dem experimentellen Impfstoff ein Fentanyl-ähnliches sogenanntes Hapten, das selbst noch zu keiner Immunreaktion führen kann. Es ist aber chemisch an ein ungefährlich gemachtes Diphtherie-Toxin angehängt (CRM197), das bereits aus anderen Impfstoffen bekannt ist. Dadurch wird eine Immunreaktion gegen Fentanyl möglich. Hinzu kommt in der Vakzine ein Verstärker-Adjuvans aus E. coli-Bakterien (dmLT).

„Der Fentanyl-Missbrauch und Überdosierungen sind für therapeutische Interventionen ganz speziell herausfordernd. Die derzeit zur Verfügung stehenden Medikamente (vor allem Substitutionsmedikamente; Anm.) sind wegen der Art ihrer Wirkung nicht gut genug. Kurzzeitig wirksames Naloxon zur Behandlung von akuten Überdosierungen ist auch nicht effektiv genug. Oft muss es mehrfach verabreicht werden, um die tödlichen Folgen von Fentanyl zu verhindern“, erklärte Studienautorin Therese Kosten. Hier müsste man einfach nach anderen Wegen suchen. Aktuell sind die US-Forscher damit beschäftigt, für klinische Studien mit Probanden geeignete Vakzine-Mengen zu produzieren. Dann sollen die ersten Probanden geimpft werden. Das Projekt wird auch vom US-Verteidigungsministerium finanziell unterstützt.

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