Virologe Krammer will mit "Semmelweis Institut" hoch hinaus

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Autor: Scho

Der in New York tätige Virologe Florian Krammer hat nun in Wien mit dem von ihm geleiteten Ignaz Semmelweis Institut für Infektionsforschung (ISI) an der Medizinischen Universität große Pläne. Der seit Anfang März ebenda mit einer Teilzeit-Professur für Infektionsmedizin ausgestattete Forscher und umtriebige Wissenschaftskommunikator möchte im Vollausbau am ISI rund 100 Leute beschäftigen. Von der Grundlagenforschung bis zum Pandemiemanagement sollen Akzente gesetzt werden.

Sein künftiges Forscherleben auf zwei Kontinenten – Krammer bleibt großteils an der Icahn School of Medicine in New York tätig – beginne gerade, sich ein Stück weit zu konkretisieren, wie Krammer im APA-Gespräch erklärte. Wenig vorgenommen hat sich der 41-Jährige nicht: Im kommenden Jahr wird unter seiner Leitung auch ein Ludwig Boltzmann-Institut zur „Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge“ aus der Taufe gehoben. Das mittelfristig deutlich größere Vorhaben ist aber das Semmelweis Institut, das in einer ersten, kleineren Inkarnation mit Jahreswechsel starten und dann beständig wachsen soll: „Jetzt geht es einmal darum zu schauen, dass man Bürofläche hat, das Labor einrichtet. Man muss Leute anstellen. Ich muss mich einarbeiten und das Ganze zum Laufen bringen.“

Die Idee zum ISI entstand während der Covid-19-Pandemie, als deutlich wurde, dass es vielschichtige Wissens-, Daten- und Kommunikationslücken gab und ein Institut, das die Expertise im Land zu Infektiologie, Epidemiologie oder öffentliche Gesundheit möglichst bündelt, durchaus hilfreich wäre. Teil des ISI sollen eine am Campus der Meduni Wien angesiedelte Infrastruktur mit mehreren Arbeitsgruppen, aber auch neue Professuren an den Medunis Graz (Professur für „Host Fungal Pathogen Interaction“), Innsbruck („Epidemiologie und Public Health“), an der Uni Linz („klinische Infektiologie“) und der Veterinärmedizinischen Uni Wien („Infektiologie“) sein. Wo genau das ISI-Gebäude dann stehen wird, sei noch „in Planung“, so Krammer: „Die Idee ist wirklich, ein Institut aufzubauen, das auf Infektionskrankheiten und Gegenmaßnahmen fokussiert, und das auch international konkurrenzfähig und durchschlagskräftig ist. Wie gesagt: Das wird dauern.“

Das uniübergreifende Konzept ist für Österreich in dieser Form neu, „deckt aber alles ab“, was thematisch benötigt wird. Neben den Professoren und ihren Arbeitsgruppen wird es Gruppen geben, denen Nachwuchsforschende vorstehen. „Da geht es um ein Institut mit etwa 100 Mitarbeitern“, so Krammer, der einen annähernden Vollausbau bis 2027/2028 für möglich hält. Wie sich die Zeitbudgets des renommierten Forschers, der vor allem im Lauf der Pandemie in nationalen sowie internationalen Medien zum gerne gesehenen Gast und Kommunikator wurde, mittelfristig zwischen New York und Wien verteilen, werde sich weisen.

Nicht die letzte Pandemie

Dass die Coronapandemie für die allermeisten Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die letzte Pandemie gewesen sein wird, die sie miterleben, ist in Fachkreisen eine weit verbreitete Annahme. Krammer: „Das wird wieder passieren.“ Läuft alles nach seinen Vorstellungen, „weiß das Institut, wenn es zu einer Pandemie kommt, eigentlich schon viel über den Erreger“. Der Idealfall wäre, dass man schon Forschung dazu betrieben hat und dass Impfstoff-Kandidaten und möglicherweise schon Therapieansätze vorhanden sind.

Der Virologe will sich auch stark mit Biotechnologie-Firmen und -Start-ups in Österreich vernetzen, um einen potenziellen Impfstoff auch rasch herstellen zu können. Neben Grundlagen- und angewandter Forschung brauche es auch Partner, mit denen man „Sachen im Land wirklich weiterbringen“ und produzieren kann, um einem Erreger etwas entgegenzusetzen, betonte Krammer. Damit das dann auch möglichst breit in der teils impfskeptischen Bevölkerung angenommen wird, will man etwa in Sachen Wissenschaftskommunikation im Rahmen des Boltzmann-Instituts Verbesserungsmöglichkeiten ausloten – auch in Richtung Politik: „Ich glaube, da gibt es noch vieles aus der Pandemie, das man aufarbeiten muss.

So könne das ISI etwa auch dabei helfen zu analysieren, welche Vor- und Nachteile Lockdowns in welchen konkreten Situationen tatsächlich haben können. Mit einer breiten Palette an Akteuren müsse man abklopfen, welche Wirkungen und Nebenwirkungen etwa Schulschließungen und andere kontroverse Maßnahmen mit sich bringen. „Man muss durchdenken: Was machen wir, wenn wieder etwas kommt. Man muss da jetzt handeln und detailliert Pläne aufbauen“, so Krammer: Darin sollte etwa entwickelt werden, was man bei welcher Sterblichkeitsrate tut, so der Grippeviren-Experte, der auch meinte, dass es ein Forum im Land braucht, „wo sich Wissenschaft und Politik auf einer regelmäßigen Basis austauschen.“

Damit das ISI hier eine hilfreiche Rolle spielen kann, brauche es Forschung auf hohem Niveau: „Wenn ich das nicht habe, habe ich auch keine Glaubwürdigkeit.“ Dementsprechend will man eine internationale Marke in der Forschungscommunity aufbauen.

Inhaltlich würde sich Krammer beispielsweise zuerst dem hochpathogenen H5N1-Grippevirus widmen. Erst kürzlich hat die auf der ganzen Welt grassierende Vogelgrippe erstmals das antarktische Festland erreicht. Unter Säugetieren, die tote Vögel fressen, „kommt es haufenweise zu Infektionen“ und auch zu Veränderungen des Erregers. Ansteckungen von Menschen gibt es bisher aber erst eine Handvoll. „Die Frage ist, ob es da in der Bevölkerung Resistenzen gibt“, da frühere Influenza-Erreger gewisse Ähnlichkeiten mit der jetzt stark kursierenden Vogelgrippe-Variante aufgewiesen haben dürften, so Krammer.

(APA/red.)

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