Während in Kundl gefeiert wurde, warnen die Spitzen von Novartis vor schwindender Wettbewerbsfähigkeit. Europas Biotech-Industrie ist dabei, sich auf den Weg nach Asien zu machen.
Es war ein Auftrieb erster Güte. Aus der Konzernführung in Basel war ein Vorstandsmitglied nach Tirol gekommen, der Tiroler Landeshauptmann war ins Unterinntal gekommen und sogar der Wirtschaftsminister aus Wien durfte ans Rednerpult. Der Pharmakonzern Novartis hat Ende Oktober in Kundl (Bezirk Kufstein) die zweite Zellkulturanlage für Biopharmazeutika eröffnet. Dort werden mehr monoklonale Antikörper erzeugt als sonst wo in Europa: Dabei handelt es sich um gentechnisch modifizierte Antikörper, die sowohl in der Diagnostik als auch bei der Immunsuppression und zur Krebstherapie eingesetzt werden. Die Schwesteranlage von Kundl ging im Juni 2024 im 18 km entfernten Schaftenau in Betrieb. Die Ausbaupläne brachten 100 neue Arbeitsplätze, hatten aber ihren Preis: Novartis investierte in beide Produktionsstätten 500 Millionen Euro. Mit 3.300 Mitarbeitern ist die Österreich-Tochter von Novartis nach den Rückzugskämpfen des einstigen Platzhirsches Swarovski der größte industrielle Arbeitgeber Tirols.
Trotz Blasmusik und Festansprachen war bei der Eröffnung im Biochemie-Park nicht nur Jubel angesagt. Dafür sorgten die Worte Roland Ganders, des Geschäftsführers am Novartis Campus Kundl/Schaftenau und Global Head Large Molecules Novartis: „In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen in Österreich nicht zum Guten entwickelt.“ Er verwies dabei auf sprunghaft gestiegene Energiekosten, rasante Steigerungen bei den Löhnen und ungezähmte Inflation. Und in Richtung der anwesenden Politiker mahnte er: „Diese Umstände müssen so schnell wie möglich korrigiert werden.“ In den ersten Reihen wurde willfährig genickt. Roland Gander gab bei der Eröffnung der neuen Biotech-Anlage den Grabredner, der nicht länger heucheln wollte.

Bis auf weiteres.
Durch die 500 Millionen Investitionen ist die Biotech-Produktion von Novartis in Tirol für die nächsten Jahre gesichert. Heute würde die Standortentscheidung anders aussehen.
Heute wäre die Investition unsicher
Im Videocall mit der ÖKZ bleiben Roland Gander und Catherine Emond, seit dem Frühjahr Country President von Novartis Österreich, bei ihren Warnungen: „Unter den heutigen Bedingungen wäre die Investitionsentscheidung für Kundl und Schaftenau deutlich schwieriger als vor vier Jahren“, bleibt Gander kritisch. Und Österreich-Chefin Catherine Emond spielt auf die heimische Rolle als Niedrigpreisland bei Medikamenten an: „Wir müssen sicherstellen, in Märkte zu investieren, in denen Innovation geschätzt wird.“ Sie meine damit nicht nur die Zulassung der Produkte durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, sondern „eine entsprechende Erstattung, die den Wert der Innovation auch anerkennt“.
Tatsächlich klingen die Sorgen aus der Novartis-Zentrale in Kundl weniger nach Lokalpolitik, sondern nach einem Symptom europäischer Entschlussschwäche. Roland Gander spricht von einem ungebrochenen Trend: „Wir sehen seit zwei bis drei Jahren einen deutlichen Rückgang der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit in Österreich und Gesamteuropa – und das betrifft nicht nur die Produktion, sondern die gesamte Wertschöpfungskette von Forschung bis Vertrieb.“ Besonders spürbar werde das im biopharmazeutischen Bereich, wie er in Kundl gerade erweitert wurde: Das sei jener Bereich der Arzneimittelproduktion, der die Zukunft bestimmen werde. Während klassische chemische Wirkstoffe längst globalisiert und vielfach nach Asien abgewandert seien, befinde sich Europa beim Biotech-Sektor noch in einer Schlüsselposition. Doch diese Position wackle, mahnt Gander: „Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, wandert auch die Biotech-Produktion ab – so wie die klassisch-chemische Wirkstoffindustrie vor 20 Jahren.“
China und Singapur haben vorgemacht, wie Standortpolitik funktionieren kann. Beide Länder investierten gezielt in großtechnologische Biotech-Anlagen, boten Steuererleichterungen und massive staatliche Förderungen. Gander nennt ein Beispiel: „Für eine ähnliche Anlage wie jene in Kundl haben wir in Singapur 50 Millionen Dollar Förderung bekommen – das ist das Zehnfache dessen, was in Österreich möglich war.“ In China habe es in den letzten Jahren enorme Fortschritte in der eingesetzten Technologie gegeben. Die Größenordnung, in der Chinas Staatskonzerne diese Technologie anwenden, sei „aus europäischer Sicht wirklich beunruhigend“. Auch der Forschungswandel trägt seinen Teil bei. Österreich-Chefin Catherine Emond unterstreicht: „Die Schwerpunkte der industriellen Forschung verschieben sich klar in Richtung Biopharmazeutika. Wer diese Technologien beherrschen will, muss die richtigen Voraussetzungen schaffen – heute, nicht in zehn Jahren.“

Kritische Stimmen.
Catherine Emond, seit dem Frühjahr Country President von Novartis Österreich, und Roland Gander, Chef des Campus Kundl/Schaftenau, fordern aktive Strategien zum Schutz der europäischen Biotech-Industrie. Europa sei sonst nicht länger konkurrenzfähig.

Zwischen globalem Handel und Versorgungssicherheit
Pharmariesen planen in globalen Dimensionen. Roland Gander: „Von allem, was wir in Kundl und Schaftenau herstellen, bleiben nur zwei Prozent in Österreich – 98 Prozent gehen in den Export.“ Die Anlagen in Tirol seien Teil eines weltweiten Netzwerks, das Europa aber in Krisen dringend brauche. Denn Abhängigkeit habe sich während der Pandemie als gefährlich erwiesen: Wenn Produktionsketten reißen, ist es ein Vorteil, eigene Kapazitäten in Europa zu haben. Das sei „kein nationaler Protektionismus, sondern Versorgungsvorsorge“.
Catherine Emond verweist auf die Notwendigkeit, die langfristige Handlungsfähigkeit des Kontinents zu sichern. „Wir erleben weltweit zunehmenden Protektionismus. Wenn Biotech-Produktion nur noch in den USA stattfände, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Importbeschränkungen oder Zusatzkosten entstehen. Da braucht es keine globalen Krisen, um den Patientenzugang zu erschweren.“
Europas Chance im Life-Science-Sektor
Damit Biotech-Forschung und Produktion in Europa bleiben, brauche es ein klares industriepolitisches Konzept. Die viel zitierte „Rückkehr der Forschenden“ aus den USA sei, wie Gander meint, ohnehin ein Mythos: „Diese Bewegung war medial überzeichnet.“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die neue Betätigungsfelder suchten, fänden in Asien bessere Voraussetzungen als in Europa.
Catherine Emond verweist auf die europäische Life-Science-Strategie und deren mögliche Signalwirkung: „Eine Biotech-Strategie kann nur funktionieren, wenn sie entlang der gesamten Wertschöpfungskette denkt – von der Forschung zur Versorgung.“ Dazu gehöre auch, die Zahl der klinischen Studien wieder zu steigern: „In Österreich sind sie in den letzten vier Jahren um 28 Prozent zurückgegangen. Das ist ein Warnsignal.“
Roland Gander zieht einen speziellen Vergleich: „Man sieht aktuell, wie stark sich die europäische Verteidigungsindustrie entwickelt, weil sie erstmals gemeinsamen Vorgaben folgt.“ Eine ähnliche Dynamik könne es auch im Life-Science-Sektor geben, wenn Europa in dieselbe Richtung gehe – „mit einer klaren Ausrichtung auf biopharmazeutische Forschung und deren Umsetzung bis zum Patienten“. Europa habe alle Voraussetzungen, diese Wertschöpfungskette end-to-end abzubilden – „und damit wieder vorne mitzuspielen“, sagt Gander.
Der Standort Kundl/Schaftenau ist heute einer der größten Biotech-Hubs im Novartis-Netzwerk weltweit. Rund 500 Menschen arbeiten hier an Forschung und Entwicklung von Biologika. In den neuen Anlagen mit einem jährlichen Fermentationsvolumen von 1,8 Millionen Litern werden monoklonale Antikörper und andere großmolekulare Wirkstoffe auf Basis von Säugetierzellen produziert. Sie kommen unter anderem in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen, rheumatischen Leiden und Multipler Sklerose zum Einsatz. Bei der Planung lag der Fokus unter anderem darauf, den Energieverbrauch zu minimieren. Die eingesetzten Technologien sollen ab 2026 eine CO2-neutrale Herstellung innerhalb der eigenen Anlagen ermöglichen.

