Stresstest für Europas Gesundheitssysteme

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Autor: Heinz Brock

Strategisch angelegte Gesundheitsreformen stärken die Widerstandsfähigkeit europäischer Gesundheitssysteme. Ein Belastungsszenario macht sichtbar, wo der größte Handlungsbedarf besteht.

Unser historisches Kurzzeitgedächtnis teilt Themen der Gesundheitsversorgung in die Zeit vor und jene nach der COVID-19-Pandemie ein. Damit verbunden bleiben nicht nur die Erinnerung an die weltweit sieben Millionen Todesopfer und den Stillstand des gesellschaftlichen Lebens, sondern auch die Verunsicherung durch überforderte Gesundheitssysteme. COVID-19 hat gezeigt, dass Gesundheitssysteme, die als gut organisiert galten, oftmals unerwartet stark durch die erhöhte Krankheitslast unter Druck geraten sind. In vielen Ländern haben durch die Pandemie auch unterschwellig bestehende Probleme, wie zum Beispiel die Folgen einer jahrelangen Austeritätspolitik, zur manifesten Krise beigetragen. Als Konsequenz reifte die Erkenntnis der Wichtigkeit reaktionsfähiger, resilienter Strukturen und Abläufe in nationalen Versorgungssystemen.

Die Resilienz eines Gesundheitssystems ist seine Fähigkeit, strukturelle Veränderungen oder gravierende Bedrohungen seiner Funktion (Schocks) proaktiv zu antizipieren. Es muss die Auswirkungen abfedern und sich den harten Gegebenheiten anpassen können. Dabei gilt es, die erforderliche Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten und die volle Performance so schnell wie möglich wiederzuerlangen. Letztendlich soll das Gesundheitssystem ständig gestärkt und seine Vulnerabilität gegenüber künftigen Bedrohungen verringert werden. Experten erwarten hauptsächlich epidemiologische (93 Prozent), umweltbedingte (70 Prozent) oder finanzielle (46 Prozent) Typen von Schocks auf das Gesundheitssystem, aber daneben sind auch technologisches Versagen, gesellschaftliche Umbrüche und geopolitische Ereignisse in Betracht zu ziehen.

Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Die nächste Pandemie ist nach Ansicht der Immunologen gesichert. Belastungschecks sollen zeigen, wie gut Gesundheitssysteme auf Ausnahmesituationen vorbereitet sind.

Resilienz als strategische Leitidee

Die Erfahrung lehrt, dass jedes nationale Gesundheitswesen, ausgehend von der historischen Entwicklung und den Präferenzen der jeweiligen Bevölkerung, unterschiedliche Vorzüge, aber auch Problemfelder aufweist. Daher kann es auch keine einheitlichen, universell gültigen Maßnahmen für die Befähigung zur Beherrschung von künftigen Bedrohungen geben. Das Konzept der Resilienz von Gesundheitssystemen trägt dazu bei, differenzierter über die Stärkung der Systeme nachzudenken. Das HSPA-Framework (Health Systems Performance Assessment) ist die Grundlage für die Analyse von Schwachstellen und Kapazitäten eines Gesundheitssystems, indem es eine Liste wissenschaftlich evaluierter Indikatoren, bezogen auf verfügbare Ressourcen, Finanzierungsschemata und Versorgungsgrad der Bevölkerung, bewertet. Neben diesen antizipativen Performance-Analysen werden auch Erkenntnisse aus früheren Schockereignissen berücksichtigt.

Südkorea konnte zum Beispiel überdurchschnittlich gut auf die COVID-19-Pandemie reagieren, weil es nach den Erfahrungen mit MERS spezielle Ressourcen aufgebaut hatte, wie die rechtliche Erleichterung der Nutzung von Tracking-Daten. In Bezug auf die Resilienz des jeweiligen Systems gegenüber externen Schocks lassen sich daraus in einer Art „Stresstest“ präventive politische Programme ableiten. Die EU-Kommission, die OECD und das European Observatory on Health Systems and Policies der WHO haben in ihrem Synthesis Report 2025 die Trends der Gesundheitsreformen in Europa zusammengefasst.

Als die vier größten derzeitigen Aufgaben für europäische Gesundheitssysteme hinsichtlich der Steigerung ihrer Resilienz gelten laut Synthesis Report 2025: die Prävention nicht übertragbarer Krankheiten, die Stärkung der Rolle der Primärversorgung, die Beschleunigung der digitalen Gesundheitstransformation und die Förderung von leistbarem Zugang zu Arzneimitteln und Innovationen.

Krebs, kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen sind die hauptsächlichen Ursachen für vermeidbare Morbidität und Mortalität in der EU. 2020 lebten 5 Prozent der EU-Population (22 Millionen Menschen) mit einer Krebsdiagnose, 2021 hatten 14 Prozent (62 Millionen) eine kardiovaskuläre Erkrankung. 80 Prozent der kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes Typ 2 wären vermeidbar, ebenfalls ca. 50 Prozent der Krebsfälle. Staatliche Programme versuchen mittels Besteuerung, Gesetzgebung und Aufklärung den Risikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten, nämlich Tabak- und Alkoholabusus sowie Übergewicht und körperliche Inaktivität, besonders in der jugendlichen Population, entgegenzuwirken. Nationale Strategien zur Bekämpfung von kardiovaskulären Erkrankungen sind in Bulgarien, Tschechien, Polen, Rumänien und Spanien priorisierter Teil der Gesundheitspolitik. Finnland, Slowenien und die Niederlande verfolgen das Ziel einer rauchfreien Generation bis 2040.

Hohe Besteuerung von Tabak- und Rauchprodukten scheint der effektivste Weg zur Senkung dieses Risikos zu sein – in Norwegen sind die Preise am höchsten und die Raucherquoten am niedrigsten, während die Leistbarkeit dieser Produkte in Teilen von Süd- und Osteuropa hoch ist und damit auch die Raucherquoten. Analog zur Zurückdrängung des Tabakkonsums wird auch bei Alkohol auf eine Erschwernis des Zugriffs durch Preiserhöhung gesetzt. Tschechien, Estland und Spanien wollen damit die Leistbarkeit einschränken. Norwegen, Finnland und Schweden schränken den Missbrauch zusätzlich durch staatliche Monopolisierung des Vertriebs ein, erzielen damit die niedrigsten Verbrauchsraten in Europa und generieren noch erhebliche staatliche Einnahmen. Portugal als weinproduzierendem Land sind diesbezüglich allerdings kulturelle und wirtschaftliche Grenzen gesetzt. Hinsichtlich ernährungsbedingter Risiken haben Österreich, Belgien, Estland, Frankreich, Griechenland, Malta, die Niederlande, Portugal, Schweden und Spanien mit der Lebensmittelindustrie Vereinbarungen über die Reduktion von Zucker, Salz und Transfetten getroffen.

Primärversorgung als Systemanker

Überalterung der Bevölkerung, Fachkräftemangel und budgetäre Knappheit bewirken einen steigenden Bedarf an Primärversorgung. Da nur ein Fünftel des ärztlichen Personals der EU aus Allgemeinmedizinern besteht, sollen finanzielle und nicht finanzielle Anreize, Ausbildungsprogramme und die Etablierung multidisziplinärer Teams als neue Versorgungsmodelle die Primärversorgung zu einem integrierten und effizienten System aufbauen und gleichzeitig durch die Stärkung der Gatekeeper-Rolle die Hospitalisierungsrate senken. Auf unterschiedlichen Wegen versuchen viele Länder, die Primärversorgung von einer fragmentierten und unterfinanzierten Versorgungskomponente zum resilienten, multidisziplinären und digital befähigten Rückgrat des jeweiligen Gesundheitssystems zu transformieren. Für eine gute Primärversorgung spricht, wenn chronische Erkrankungen ambulant gemanagt werden. Vermeidbare Krankenhauseinweisungen sind ein messbarer Indikator für eine schwache Primärversorgung, z. B. Krankenhauseinweisungen mit der Diagnose Diabetes pro 100.000 Einwohner.

Die statistische Tendenz sagt aus, dass Länder, welche mehr Ressourcen für Primärversorgung aufwenden, wie Finnland, Norwegen, Schweden oder Island, niedrigere Spitalseinweisungsraten haben. Viele Länder (darunter Österreich) versuchen durch finanzielle Anreize, Allgemeinmediziner für unterversorgte Regionen zu motivieren. Andere Länder (Dänemark, Island, Belgien, Frankreich, Niederlande, Polen, Portugal, Schweden) versuchen, auf dem Wege der Ausbildung die Attraktivität für Hausarztmedizin zu steigern. In Österreich wird Allgemeinmedizin daher auch auf Facharztniveau gehoben. Umverteilung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Ärzten auf andere Berufsgruppen, insbesondere Pflegepersonen und Hebammen, ist der Reformansatz in Dänemark, Frankreich, Litauen, Slowenien und Spanien. In Belgien, Frankreich, Irland, Polen und Portugal erhalten Pharmazeuten mehr Kompetenzen, um den Druck auf die Allgemeinmedizin zu reduzieren.

Die COVID-19-Pandemie zeigte, wie durch digitale Werkzeuge die Kontinuität der Versorgung aufrechterhalten werden konnte, datenbasierte Entscheidungen ermöglicht und die Resilienz der Systeme gestärkt werden konnte. Mit Ende 2024 hatten alle EU-Staaten elektronische Gesundheitsakten implementiert und die Nutzungsraten durch die Bevölkerung verbessert (welche allerdings mit 28 % noch bescheiden sind). In einer nächsten Phase der digitalen Transformation soll der Schwerpunkt auf die Ausrollung der Technologie, inklusive KI, in großem Maßstab gelegt werden, wobei Sicherheit, Interoperabilität und Verbesserung der digitalen Kompetenz der Bevölkerung im Fokus stehen.

Der Zugang zu digitalen Gesundheitsservices wird über nationale Gesundheitsportale (www.gesundheit.gv.at in Österreich) geschaffen, deren Funktionalität stark variiert, meist aber elektronische Verschreibungen, Laborergebnisse, Terminvereinbarungen, Mitteilungen von Dienstleistern an Patienten und Krankenstandsmeldungen beinhalten. Trotzdem hinken die Nutzungsraten noch weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurück (2024: 73 Prozent in Finnland, 5 Prozent in Deutschland, 28 Prozent im EU-Durchschnitt). In Dänemark wird das Gesundheitsportal www.sundhed.dk mit monatlich über drei Millionen Zugriffen von den Gesundheitsberufen, Patienten und der Bevölkerung ausgiebig genutzt und bietet neben der Krankenakte, neben Laborergebnissen, Impfstatus und elektronischen Verschreibungen ein nahezu komplettes landesweites Terminplanungssystem für medizinische Konsultationen an. In Finnland hat sich Telemedizin zu einer Kernkomponente der Versorgung entwickelt. Öffentliche Digitalkliniken sind in den meisten Regionen die Erstkontaktstellen und bieten Triage und Ordinationen für über drei Millionen Bürger an.

In Österreich wird mit der Gesundheitshotline 1450 das Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“ realisiert. Schweden hat mit einer nationalen KI-Strategie und der Vision eHealth 2025 signifikant in digitale Infrastruktur investiert. Zum Beispiel konnten durch KI-gestütztes Brustkrebs-Screening vier Prozent mehr Krebsfälle entdeckt werden, während der Arbeitsaufwand der Radiologen halbiert wurde.

Schlüsselfaktor Medikamentenversorgung

Schließlich zielen Reformen in den EU-Ländern darauf ab, die Arzneimittel leistbar zu erhalten und Innovationen zu fördern. Generell bieten Länder mit höherer öffentlicher Abdeckung der Arzneimittelkosten einen höheren Schutz vor katastrophalen, existenzbedrohenden Gesundheitskosten. Österreich hat diesbezüglich die Rezeptgebühren gedeckelt, um die Inflationsauswirkungen abzumildern, und hat gleichzeitig die Einkommensgrenzen für Ausnahmen von der Rezeptgebühr gesenkt. Zur Förderung von Generika und Biosimilars verpflichten Dänemark und Lettland Pharmazeuten, die kostengünstigsten Medikamente der Angebotspalette für die jeweilige Indikation abzugeben. In Österreich, Bulgarien und Griechenland stellen digitale Tools Unterstützung für die Auswahl des kostengünstigsten Medikamentes für eine Verschreibung bereit.

So unterschiedlich wie die Strukturen und die Performance-Levels der europäischen Gesundheitssysteme sind, so unterschiedlich müssen auch die Reformansätze für die Erhöhung ihrer Resilienz sein. Strategische und legislative Initiativen der Europäischen Union bieten dazu wichtige Rahmenbedingungen. Zudem fließen auch erhebliche finanzielle Fördermittel aus dem EU-Budget für entsprechende Reformprojekte an die Mitgliedstaaten. 

Quellen und Links:

Zimmermann J., McKee C., Karanikolos M., Cylus J. und Mitglieder der OECD Health Division. Strengthening Health Systems: A Practical Handbook for Resilience Testing. Copenhagen, WHO Regional Office for Europe; Paris, OECD Publishing; 2024.

State of Health in the EU | Synthesis Report 2025: Health Policy Reform Trends in the EU

Eurofound (2025), Living and working in Europe 2024, Publications Office of the European Union, Luxembourg.

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