Bekenntnisse eines Leidenden. Eine Satire von Norbert Peter.
Ich bin Patient aus Leidenschaft – ich nehme diese Rolle nicht freiwillig ein, sondern weil sie mir mein Leiden anschafft. Ich bin aber auch lernwillig. Wenn ich sehe, dass das medizinische System zwischen dem Wunsch nach Perfektion und Alltag aufgerieben wird, werde ich selbst aktiv – mittels KI.
Ich habe mir meinen digitalen Dienstleister gepromptet, alle Leiden eingegeben, die mir gerade zusetzen – alphabetisch und nach Dringlichkeit gereiht. Schmerzintensität sollte berücksichtigt werden, ebenso alle medizinischen Ratgeber, die in Tageszeitungen ihre Leserschaft beraten. Und natürlich alle wissenschaftlichen Studien, die in Österreich, den USA und in China je erschienen sind. Nach zehn Minuten erhielt ich ein Ergebnis, oder besser gesagt meine Frau: Die KI kondolierte ihr, weil sie sicher war, dass mein Leben de facto vorüber sei. Die KI fing zuerst zu weinen an und bot meiner Frau anschließend ihre Hilfe bei der Suche nach einem neuen Partner an.
Während meine Frau also im Angebot der KI schmökerte, entschloss ich mich, selbst zu forschen. Ich begab mich auf die Rechercheplattform Instagram, und siehe da: Ich wurde rasch fündig. Mir wurde sofort eine Behandlung vorgeschlagen, mit der ich all meine Probleme lösen könnte. Und tatsächlich, es funktionierte: das Palmieren der Augen!
Eine denkbar einfache Methode: Man reibt seine Handflächen aneinander und wärmt sie dadurch auf. Dann schließt man die Augen und legt die Handflächen anschließend für mehrere Minuten auf seine Augenhöhlen. Ich kann Ihnen sagen: eine Wohltat. Ich wollte meine Hände gar nicht mehr von meinen Augen wegnehmen. Schritt für Schritt, quasi im Minutentakt verschwanden meine Leiden.
All das, was mir auf den Magen drückte, mir auf die Nieren ging und mir die Galle hochkommen ließ –, war weg. Aus den Augen, aus dem Sinn: Die Ignoranz gegenüber dem menschengemachten Klimawandel, die Kriegsverbrechen von Ost und West, die Hetze gegen Andersdenkende in den Sozialen Medien, die Ewigkeitschemikalien PFAS jetzt auch schon in meinem Trinkwasser – ich konnte nichts mehr davon lesen! Augen zu – eine Wohltat!
Wussten Sie, dass Heimhilfen eine längere Ausbildung haben als manche Sanitäter, die kommen, wenn man die Rettung ruft? Und dass es auch von der Rettungsorganisation und vom Bundesland abhängt, in dem sie wohnen, wie die Fahrzeuge ausgestattet sind, weil es an überregionalen Vorgaben fehlt? Das erschreckt Sie jetzt? Mein Vorschlag: Palmieren!
Sie haben Ihren Arzt von seiner Schweigepflicht entbunden? Und er redet trotzdem nicht mit Ihnen? Er nimmt sich immer noch nicht die Zeit, Ihnen Ihr Leiden zu erklären, Ihre Fragen zu beantworten und alle potenziellen Nebenwirkungen Ihrer Medikamente aufzuzählen? Und seit er weiß, dass Sie sich kürzlich in Ihrer Apotheke einen Tipp gegen das Kratzen im Hals geholt haben, redet er überhaupt nicht mehr mit Ihnen? – Palmieren!
Sie kommen nur fünf Minuten nach dem Ordinationsschluss und die Sprechstundenhilfe lässt Sie nicht in die Praxis, obwohl Sie erklärt haben, dass es sich um einen Notfall handelt? Obwohl Sie sogar durch die geschlossene Tür lautstark erklärt haben, dass Sie dringend einen Kuraufenthalt benötigen, weil Ihre Nachbarin sogar schon ihren Traumplatz in Bad Ischl bekommen hat und Sie noch nicht einmal den Antrag abgeschickt haben? – Palmieren!
Übrigens: Wenn Sie fürchten, dass die ätzenden Aussagen mancher Zeitgenossen Ihre Gehörgänge verletzen könnten: Man kann auch die Ohren palmieren!

Norbert Peter
Kabarettist, Buchautor,
Radio-Redakteur bei Ö1
Peter & Tekal
medizinkabarett.at
Termine:
„Das höchste Gut“
am 9.11.2026 im CasaNova (1010 Wien, 19:30 Uhr) und am 11.11.2026 im Gemeindezentrum „Im Hof“ (4223 Katsdorf, 19:00 Uhr)


