Österreich ist bei Medikamenten kein Billigpreisland. Die wahre Bedrohung für die heimische Medikamentenversorgung lauert an der Meerenge von Hormus.
Wenn Launen die Weltpolitik beherrschen, werden Prognosen zum Ratespiel. Sicher ist: Der Iran-Konflikt dauert länger als die 14 Tage, die der US-Präsident nach dem ersten Kriegstag vorausgesagt hat. Der Irrtum hat Konsequenzen: Der Konflikt im Mittleren Osten ist dabei, die fragile Weltwirtschaft nach Pandemie und Ukraine-Einmarsch durchzuschütteln. Die extreme Arbeitsteilung, die den Industriestaaten in den vergangenen zwei Dezennien unheimlichen Reichtum brachte, zeigt ihre Verletzlichkeit: Die komplexen Lieferketten reißen wie Zwirn. Vor der Krise durchquerten 120–130 Schiffe pro Tag die Straße von Hormus. Aktuell sind es drei bis vier – mit Erlaubnis des Iran und gegen Maut. Bis zum 28. Februar war die Passage durch die Meerenge für alle frei.
Die Krise hat die Versorgung der Welt mit einer Vielzahl wichtiger Rohstoffe unterbrochen, darunter Öl, Gas, Düngemittel und Helium. Die Energieträger sind nicht nur Schmiermittel für die weltweite Wirtschaft, sondern auch Vorprodukte für die Wirkstoff- (APIs) und Medikamentenerzeugung. Neben den höheren Transportkosten wirkt sich der Anstieg der Rohöl- und Erdgaspreise auch auf die Ausgaben für petrochemische Produkte wie Methanol und Ethylen aus, die für die Herstellung von Wirkstoffen, den Hauptbestandteilen von Medikamenten, sowie von Spritzen, Ampullen, Schläuchen, Kitteln und Schutzbrillen benötigt werden.
60 bis 80 % der aktiven Substanzen, die speziell für Medikamente im Generikabereich benötigt werden, kommen aus dem asiatischen Raum. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Für Europa stehen Produktion von und Versorgung mit Medikamenten auf dem Spiel. Österreich kann sich dabei nicht ausnehmen. Akteure der heimischen Gesundheitswirtschaft blicken besorgt nach dem Mittleren Osten. Sie wissen: Der Krieg birgt das Risiko, dass es über kurz oder lang zu Engpässen bei der Medikamentenversorgung kommt, „jedenfalls dann, wenn der Konflikt anhält“, wie ein Sprecher der PHARMIG seufzend bestätigt.

Sicher versorgt.
Pavol Dobrocky leitet mit dem RCV einen der zentralen Standorte im Boehringer-Universum. Als PHARMIG-Präsident muss er immer unzufrieden sein: „Trägheit ist eines der Hauptprobleme Österreichs.“
Blockade schlägt Bomben
„Die Kontrolle der Lieferketten wird immer mehr zum geopolitischen Druckmittel“, beobachtet Peter Klimek. Er ist Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Für den Wissenschaftler des Jahres 2021 ist es eine Frage der Zeit, „wann Lager und Ressourcen aufgebraucht sind“. Wann dies sein wird, wagt offiziell niemand zu benennen. Die Bevorratungspflichten der heimischen Kliniken für zwei Wochen werden nicht reichen, „den Karren aus dem Sumpf zu ziehen“, wie es eine ungenannt bleibende Pharmazeutin formuliert. Und mit der seit 2025 gesetzlich verordneten und durch die Sozialversicherungen finanzierten nationalen „Bevorratung von Humanarzneispezialitäten“ ist zwar für den Bedarf für vier Monate vorgesorgt, allerdings ist die Lagerpflicht de facto auf 600 Produkte eingeschränkt.
Es ist zu erwarten, dass die geopolitische Lage es immer schwieriger macht, Medikamente zu produzieren und zu exportieren. Zumindest wird es teurer werden. Indien gilt als die Apotheke der Welt. Dort werden 60 % der global verwendeten Generika hergestellt. Wird die Straße von Hormus vermint und wird die Zufahrt zum Suez-Kanal blockiert, droht ein „Ever-Given-Szenario“: Der Schiffsverkehr – das wichtigste Transportmittel für die meisten Medikamente – wird rund um das Kap der Guten Hoffnung dirigiert. Das bedeutet zehn bis 14 Tage längere Transportzeit und einen Mehraufwand an Treibstoff, Heuer und Versicherungen laut Lloyd’s in Höhe von 1,5 bis 2,5 Millionen Dollar pro mittelgroßen Frachter.
Die logistischen Alternativen sind begrenzt. Eine Umschichtung auf Lufttransport kommt nur für hochpreisige Medikamente infrage. Dies gilt für komplexe Therapien von Krebs und Infektionskrankheiten, Hightech-Zell- und Gentherapien, Biologika mit lebendem Material, die eine Kühllagerung erfordern, sowie Medikamente, die in klinischen Studien eingesetzt werden. Frank Van Gelder, ein Experte für Lieferketten im Gesundheits- und Pharmabereich und Generalsekretär der gemeinnützigen Organisation Pharma.Aero, erklärt in der britischen Tageszeitung Guardian, die Störungen im Luftraumkorridor des Nahen Ostens hätten „den Arzneimittelsektor aufgrund seiner Abhängigkeit von häufigen Flügen schwer getroffen“. Vor dem Krieg durchquerten täglich rund 3.700 Passagierflüge mit Fracht den Luftraum der Region. Bis Anfang März sei das Luftfrachtaufkommen in der Region um 80 % gesunken und liege immer noch deutlich darunter.
Heimische Akteure scheuen genaue Prognosen zur medikamentösen Versorgungslage. Auch PHARMIG-Präsident und Boehringer-Ingelheim-RCV-Chef Pavol Dobrocky will im ÖKZ-Interview die Stimmung nicht noch weiter vermiesen. Er versichert, Boehringer „habe vorgesorgt“. Dobrocky erwartet „aus heutiger Sicht keine Lieferengpässe“. Das Gespräch fand Ende März statt. Auch Robert Sauermann, Abteilungsleiter Vertragspartner Medikamente und als einer der Chefverhandler unter den Sozialversicherungsträgern der natürliche Gegenpart zu den PHARMIG-Vertretern, sieht trotz des Krieges die „Versorgung in Österreich grundsätzlich nicht gefährdet“. Nur um die Generika mache er sich Sorgen: „Hier stammen die Wirkstoffe aus wenigen globalen Produktionsstandorten.“ Das mache die Lieferketten fragiler.
Wouter Dewulf, Professor an der Antwerpener Managementschule und Experte für Pharmalogistik, ist klarer. Er betonte in einer digitalen Pressekonferenz, die europäische Medikamentenversorgung sei derzeit „nicht unterbrochen, aber beeinträchtigt“. Er rechne damit, dass die Arzneimittelhersteller die gestiegenen Kosten durch einstellige Preiserhöhungen weitergeben würden, sollte sich die Lage verschärfen. Alles hänge davon ab, wie lange der Krieg andauere.

PHARMIG-Präsident und Boehringer-Ingelheim-RCV-Chef Pavol Dobrocky: „Wir sollten weg von der Betrachtung, dass Medikamente nur Kosten verursachen.“
Der Preis der Sicherheit
Für die Entscheider in der Pharmabranche und in den Sozialversicherungen sind die Brüche in den Lieferketten ein Phänomen, dem sie erstmals zu Beginn der Covid-Krise begegnet sind. Zu dem Zeitpunkt standen die LKWs, die in Deutschland und Italien aus den Lagerhallen der Großhändler losgeschickt worden waren, vor geschlossenen Schranken. Damals lag es in der Macht der Regierenden, die Grenzbarrieren wegzuräumen. Heute bleibt der nationalen Politik nur Daumendrücken.
Engpässe in der Medikamentenversorgung sind in Österreich ein Dauerthema. „Im Durchschnitt ist ein Mitarbeiter von mir täglich nur damit beschäftigt, Alternativen für nicht vorrätige Arzneien zu organisieren“, erzählt Gerhard Kobinger, Vize-Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. Man helfe sich mit anderen Dosierungen, Darreichungsformen oder alternativen Wirkstoffen, um die Lücken zu füllen. In 95 Prozent der Fälle sei man damit auch erfolgreich, unterstreicht der Leiter der St. Franziskus Apotheke in Graz. Problematisch werde es dann, „wenn es nur mehr einen Original- und viele Generikahersteller gibt“. Denn wenn der Patentinhaber ausfällt, wird es für die Generikahersteller schwierig, Ersatz zu finden.
Auch der Generalsekretär der PHARMIG, Alexander Herzog, sieht bei genauem Nachfragen das Versorgungsproblem nicht so drängend: Österreichweit seien 99 Prozent der am Markt erhältlichen Präparate „tatsächlich sofort und gut verfügbar“, wie er in einer ZIB 2-Sendung versicherte. Bei dem verbleibenden ein Prozent „sei es häufig so, dass noch Bestände beim Großhandel oder in Apotheken“ aufzutreiben seien. Für den Vertreter des Dachverbandes, Robert Sauermann, handelt es sich bei den Problemen daher meist mehr um ein Verteilungsversagen als um ein Versorgungsthema: „Wenn ein Generikum vom Markt geht, kann es in der Regel von einem anderen Produkt mit demselben Wirkstoff anstandslos ersetzt werden.“ Der funktionierende Abtausch unter Kliniken und Apotheken zeige, dass „mit wenigen Ausnahmen“ ausreichende Mengen an Wirkstoffen und Therapeutika in Österreich verfügbar sind.
Das Ideal des Billigstbieters
Eng mit den Lieferengpässen verknüpft ist die Kritik der Pharmaunternehmen, der Dachverband gefährde mit seiner gebündelten Einkaufsmacht die Medikamentenversorgung des Landes. „Die Preisstruktur hat ein Niveau erreicht, das die wirtschaftliche Verfügbarkeit vieler Generika ernsthaft gefährdet“, ärgert sich Wolfgang Andiel, Lead Public Affairs bei Sandoz und langjähriger Präsident des Generikaverbandes. Damit werde „die nachhaltige Medikamentenversorgung aufs Spiel gesetzt“. Und er meint damit nicht nur Österreich: „Solange Beschaffung und Erstattung das Billigstpreisprinzip anwenden, werden teurer produzierte EU-Wirkstoffe nicht abgenommen“. Der Preisdruck dränge europäische Generikahersteller aus dem Markt.
Der Zusammenhang zwischen Preisbildung und Versorgungssicherheit ist Gegenstand Dutzender, wenn nicht Hunderter Pharma-Studien. Die Analysen sind sich in einem einig: Die Zahl der Anbieter ist im Schwinden – und zwar flott. Für viele Wirkstoffe findet sich nur mehr ein Hersteller – meist in Indien, seltener in China –, der mehr oder weniger viele Endproduzenten beliefert. Kann der Wirkstoffunternehmer aus bestimmten Gründen nichts abgeben, weil es Qualitätsprobleme gibt, der Eigenbedarf so hoch ist oder notwendige Vorprodukte nicht verfügbar sind, dann stockt weltweit die Versorgung.
Beim Dachverband wird nicht bestritten, sich „als die Anwälte der Beitragszahler“ dem Billigstbieter-Prinzip verpflichtet zu fühlen. Tatsächlich sind die Aufnahmekriterien in den Erstattungskodex der Sozialversicherungen extrem formalistisch. Praktisch jeder Zulassungsschritt ist gesetzlich definiert. Bonuspunkte oder Gutschriften für einen hohen europäischen Wertschöpfungs- oder Innovationsanteil gibt es nicht. Da der Markt alles regelt, hatten die europäischen Standorte gegen die asiatischen Mitbewerber keine Chance. Chinesische, indische und südkoreanische Unternehmen haben heute die Positionen inne, die vor 20 Jahren noch „Big Pharma“ vorbehalten waren. Krokodilstränen auf Seiten der Pharmaindustrie sind allerdings nicht nötig. Ihre Sorgen um die sichere Belieferung ihrer Kunden sind enden wollend.
Peter Klimek weiß von einem Workshop zu erzählen, wo ein Pharmamanager die Renditevorteile einer Single-Sourcing-Logistik pries: „Die Liefersicherheit eines mehrteiligen Lieferantensystems hat in der Diskussion überhaupt niemanden interessiert.“ Verhandler Robert Sauermann stellt zudem stark in Zweifel, dass bessere Preise die Versorgungslage Österreichs verbessern würden: „Bei manchen Präparaten, die wir unbedingt halten wollten, haben wir die Preise mehr als verdoppelt – und dennoch wurde das Produkt später vom Markt genommen.“ Der Preis sei nur einer von vielen Gründen, die einen Medikamentenmarkt interessant machen. „Und Österreich ist ein attraktiver Markt“, ist sich Sauermann sicher.
Umstrittene Rückholaktion
Peter Klimek nennt mehrere Möglichkeiten, die wirtschaftliche Abhängigkeit Europas zu verringern. Eine davon: „der Aufbau einer eigenen Produktion.“ Nummer 2 bedeutet Diversifizierung. Nummer 3: „Man kann prüfen, ob sich bestimmte Produkte durch Alternativen ersetzen lassen.“ Reindustrialisierung, auf Businessdeutsch Reshoring, ist die mit Abstand komplexeste und teuerste Variante bei dem Versuch, die wirtschaftliche Selbstbestimmung Europas wieder herzustellen. Paradebeispiel ist die Wiedereröffnung einer französischen Paracetamol-Produktion in Roussillon südlich von Lyon – an einem Standort, an dem bis 2008 schon einmal europäisches Paracetamol hergestellt wurde. Von den weltweit benötigten 120.000 Tonnen Paracetamol stammen derzeit zwei Drittel aus China und Indien. Die Türkei und die USA teilen sich die restlichen Kapazitäten. Als mit der Pandemie 2020 der chinesische Eigenbedarf drastisch anwuchs, saß Europa bei dem Schmerzmittel auf dem Trockenen.
Die Regierung Macron beschloss, sich die Herstellung des Wirkstoffes zurückzuholen. Nach vier Jahren Bau- und Probezeit soll das Werk heuer seine Produktion aufnehmen. Investitionssumme: 100 Mio. Euro. Zwei Drittel trägt der Konzern Seqens, ein Drittel der französische Staat. Jährlich werden 10.000 Tonnen des Wirkstoffes Frankreich schmerzunempfindlicher machen. Peter Klimek zweifelt, ob die gigantischen Investitionsprogramme versorgungstechnisch den gewünschten Effekt haben: „Das ist nicht realistisch. Es gibt andere Maßnahmen, die effizienter und kostengünstiger sind.“ Er plädiert für die Sicherung jener Standorte und Branchen, die noch in Europa sind. Im Speziellen geht es um Entwicklung und Produktion von Biopharmaka und Biosimilars. Klimek: „Wir müssen begreifen, dass nationale Programme sinnlos sind.“ Natürlich würde alles sehr schwierig werden. Aber: „Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen.“
Weiterlesen:
Interview zur Titelgeschichte mit Dr. Pavol Dobrocky:
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/67-jg-2026-2/pharmig-praesident-pavol-dobrocky-wir-hinken-hinterher
Interview zur Titelgeschichte mit Dr. Robert Sauermann:
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/67-jg-2026-2/robert-sauermann-generika-sind-in-oesterreich-sehr-hochpreisig
