Robert Sauermann: „Generika sind in Österreich sehr hochpreisig“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Robert Sauermann, Leiter der Abteilung „Vertragspartner Medikamente“ im Dachverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, im ÖKZ-Cover-Interview.

Herr Dr. Sauermann, Sie vertreten die Interessen der Sozialversicherungen im Bewertungsboard und sind maßgeblich in das heimische Beschaffungssystem bei Medikamenten eingebunden. Gibt es aus Ihrer Sicht in Österreich eine Medikamentenknappheit?
Robert Sauermann: Die Versorgung der Patienten ist in Österreich sichergestellt. Das heißt, es kann zu Umstellungen oder Präparatewechseln kommen, aber nach den verfügbaren Informationen – etwa von der BASG – ist bisher niemand zu Schaden gekommen. Aber wir kämpfen öfter als früher mit der Tatsache, dass einzelne Produkte nicht lieferbar sind. Vor zehn bis fünfzehn Jahren waren nur rund zwei Prozent der im Erstattungskodex gelisteten Packungen nicht auf Lager. Heute liegt dieser Anteil deutlich höher – im gelben Bereich etwa bei vier Prozent, im grünen Bereich teilweise zwischen sechs und zehn Prozent. Das ist ärgerlich, weil die Lieferfähigkeit eigentlich eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme in den Erstattungskodex ist.

Robert Sauermann ist Leiter der Abteilung „Vertragspartner Medikamente“ im Dach-verband der österreichischen Sozial-versicherungsträger, Mitglied des Bewertungs­boards und einer der Chefverhandler bei den Preisbildungs-verhandlungen mit Pharmaunternehmen. Sauermann ist Mediziner und war bis 2013 Dozent am Institut für Klinische Pharma­kologie an der MedUni Wien.

Aber die Liste des BASG über Vertriebs­einschränkungen wächst und wächst. Ende März galten 523 Medikamente als nicht oder eingeschränkt verfügbar.
Nicht jede Meldung auf der Mängelliste bedeutet automatisch ein Versorgungsproblem. Bei Generika gibt es oft mehrere Anbieter desselben Wirkstoffs, sodass auf Alternativen ausgewichen werden kann. Problematischer wird es, wenn ganze Wirkstoffe betroffen sind. Engpässe sind meist strukturell in globalen Produktions- und Lieferketten begründet. Da wird es für Lösungen im nationalen Kontext eng.

Die Preisfestsetzung für Medikament ist in Österreich das Ergebnis gesetzlich festgeschriebener Regeln. Haben Sie als Verhandler des Dachverbandes überhaupt Spielraum für Zugeständnisse?
Bewegungsfreiheit bei Preisgesprächen ist durchaus vorhanden. Wir agieren aber innerhalb enger gesetzlicher Vorgaben. Voraussetzung für die Aufnahme in den Erstattungskodex ist unter anderem, dass der Preis eines Medikaments den europäischen Durchschnitt nicht überschreiten darf. Der erste Generika-Nachfolger eines patentgeschützten Originalpräparates muss mindestens 50 Prozent günstiger sein. Diese Abschläge gelten unabhängig vom Ausgangspreis.

Die PHARMIG, der Lobbying-Verband der heimischen Pharmaindustrie, führt ins Feld, dass für innovative Produkte mit neuen Einsatzgebieten in Österreich ein Preisabschlag von zehn Prozent verlangt wird. In Deutschland wird für ein multifunktionelles Präparat ein Bonus bezahlt. Für Außenstehende hat die Argumentation der Pharma-Industrie keine Logik.
Na ja. Wenn sich die Indikation eines Medikaments erweitert und damit ein größerer Patientenkreis erreicht wird, wird auch mehr Umsatz generiert. Dadurch haben Preisabschläge auch ihre Logik. Sehen Sie das wie Mengenrabatte, die wir als Anwälte der Versicherten lukrieren.

Die Hersteller kritisieren, dass es keine Inflationsanpassungen bei den Preis­absprachen gebe …
Das gibt es weder in Österreich noch in den meisten anderen EU-Ländern. Preiserhöhungen erfolgen daher nur im Einzelfall und nach Prüfung.

Ist Österreich das Dumping-Land für Arzneien, wie von Produzentenseite behauptet?
Das ist ein Framing der Hersteller. Gerade bei den patentabgelaufenen Medikamenten, den Generika, zeigt sich, dass Österreich im EU-Vergleich sehr hochpreisig und teuer ist. Bei einem Vergleich der generischen Wirkstoffe sind wir im Schnitt mehr als doppelt so teuer wie Schweden und teurer als etwa Dänemark und Deutschland. Und wir sind ein Early-Launch-Market. Österreich zählt meist zu den ersten EU-Märkten, die mit neuen Medikamenten beliefert werden.

Die Präsidentin der Apothekerkammer, Mursch-Edlmayr, weist in einem ÖKZ-Interview darauf hin, dass immer mehr Medikamente aus dem Markt gehen. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Meist handelt es sich um Generika desselben Wirkstoffs, von denen mehrere Hersteller am Markt sind. Diese Medikamente können leicht ersetzt werden. Sorgen bereitet uns vielmehr eine schleichende Marktausdünnung bei bestimmten Wirkstoffen. In einzelnen Bereichen gibt es oft nur noch wenige Anbieter. Fällt einer davon weg, entsteht ein Versorgungsrisiko.

Ich wiederhole mich: Ist die Markt­ausdünnung ein Ergebnis zu niedriger Produktpreise?
Wir sehen, dass punktuelle Preiserhöhungen keinen Effekt auf die Versorgungssicherheit haben. Manchmal gehen wir auch proaktiv auf Unternehmen zu, um Versorgungslücken vorzubeugen. Ein Beispiel ist ein Chelatbildner zur Behandlung von Kupferüberladung, D-Penicillamin. Hier wurde der Preis deutlich angehoben – in der Größenordnung von rund 19 auf 54 Euro. Dennoch wurde das Präparat drei Jahre später einfach vom Markt genommen. Der Preis ist nur einer von vielen Gründen, die einen Medikamentenmarkt interessant machen. Und nach meiner Erfahrung oft nicht der wichtigste.

Warum gibt es bei der Preisfestsetzung keine Bonuspunkte für in Europa erzeugte Medikamente?
Die Preisfestsetzung ist an internationale Handelsregeln und Gesetze gebunden, die uns eine Gleichbehandlung aller Anbieter vorschreiben. Eine Bevorzugung nach Herkunft – etwa durch Aufschläge oder Abschläge – könnte als Verstoß gegen diese Regeln gewertet werden und rechtlich angreifbar sein.

Das klingt sehr formalistisch …
Viele Pharmaunternehmen vertreten global agierende Konzerne mit Produktions- und Vertriebsstrukturen in zahlreichen Ländern. Eine Diskriminierung nach Produktionsort würde wohl auch deren europäische Niederlassungen betreffen.

Wie weit gefährdet der Iran-Konflikt die Medikamentenversorgung in Europa?
Bei innovativen, patentgeschützten Medikamenten ist die Versorgung derzeit vergleichsweise stabil. Hersteller haben ein Interesse, diese Produkte weiterhin zu liefern. Anfälliger ist der Bereich der Generika. Hier wirken sich fragile Lieferketten stärker aus, weil viele Wirkstoffe aus wenigen globalen Produktionsstandorten stammen. Trotz internationaler, teils kriegerischer Konflikte sehe ich die Versorgung nicht grundsätzlich gefährdet. Aber jeder Tag, den solche Konflikte früher enden, ist ein gewonnener Tag. 

Weiterlesen:

Titelgeschichte Medikamentenversorgung:
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/67-jg-2026-2/medikamentenversorgung-zwischen-markt-und-sicherheit

Interview zur Titelgeschichte mit Dr. Pavol Dobrocky:
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/67-jg-2026-2/pharmig-praesident-pavol-dobrocky-wir-hinken-hinterher

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