Herwig Czech, Professor für Geschichte der Medizin am Institut für Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der MedUni Wien, im Brennpunkt-Interview über seine Forschung zur Medizin im Nationalsozialismus.
Herr Prof. Czech, woran arbeiten Sie gerade?
Herwig Czech: Mein Arbeitsschwerpunkt ist die Forschung zur Medizin im Nationalsozialismus. Mich interessieren die Vorbedingungen und Geschehnisse bis 1945, aber auch die Nachwirkungen in der Nachkriegszeit. Aktuell widme ich mich besonders einem Projekt zur Geschichte der Hirnforschung im Kontext der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die später in die Max-Planck-Gesellschaft übergegangen ist. Dabei arbeiten wir mit einer ganzen Reihe von Partnern zusammen: Es geht unter anderem um die Verwendung von Opfern aus NS-Unrechtskontexten für neuropathologische Forschungen, wie dies psychiatrische Anstalten und Tötungszentren wie Hartheim waren.

Herwig Czech
studierte Geschichtswissenschaften an den Universitäten Graz, Wien, Paris VII und Duke (North Carolina). Über viele Jahre war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Er absolvierte zahlreiche Forschungs- und Lehraufenthalte, zuletzt 2019 am Institut für Geschichte der Berliner Charité. Seit Mai 2020 ist er Professor für Geschichte der Medizin am Institut für Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der MedUni Wien – mit Sitz am Josephinum.
Wurde das Thema gerichtlich aufgearbeitet?
Die „Euthanasie“-Verbrechen und die medizinischen Versuche an Menschen waren unter anderem Gegenstand des Nürnberger Ärzteprozesses. Im Schatten dieser Massenverbrechen war der Aspekt der wissenschaftlichen Verwertung der menschlichen Überreste der Opfer für die Ankläger nicht substanziell genug, dazu gab es daher keine Anklagen. Da bleibt viel, was noch zu klären ist.
Wie stark waren Mediziner und Medizinerinnen in den Nationalsozialismus involviert?
Die Medizin war der Berufsstand, der den höchsten Anteil an Mitgliedschaften in der NSDAP, der SS und der SA hatte – noch vor den Juristen und Lehrern. Für Wien galten allerdings besondere Vorzeichen: Etwa zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte wurden ab 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. An der Wiener medizinischen Fakultät waren ca. 50 Prozent der Habilitierten betroffen, die übergroße Mehrzahl wegen ihres jüdischen Hintergrundes, ca. ein Zehntel aus politischen Gründen.
Wie sah es mit der Karrierekontinuität des Universitätspersonals nach 1945 aus?
Das Interessante – und vielleicht sogar Bittere – ist, dass es nicht „noch viele Nazis“, sondern nach einer verschämten Pause „wieder viele Nazis“ gegeben hat. Im öffentlichen Dienst hat die Entnazifizierung nach 1945 zunächst gegriffen. Die offenkundigen Nationalsozialisten wurden relativ schnell entlassen. Es gab Ausnahmen, wie etwa Leopold Schönbauer, der vor 1945 die I. Chirurgische Universitätsklinik am AKH leitete und Vizedekan der Medizinischen Fakultät war. Unter seiner Leitung wurden auch Zwangssterilisationen durchgeführt. Er blieb im Dienst, durfte seine Karriere auch nach 1945 weiterführen und wurde sogar Rektor.
Nach einer Entnazifizierungsphase kam aber bald eine Ära der akademischen Comebacks …
Richtig. Ab 1948 begann eine sukzessive Amnestierung. Das führte dazu, dass der Anteil ehemaliger Nationalsozialisten an den Universitäten, aber auch in anderen Bereichen Ende der 1940er- und Anfang der 1950er-Jahre wieder zunahm. Ein typisches Beispiel dafür ist der Name Heinrich Gross, während der NS-Zeit Arzt an der Kindertötungsanstalt Am Spiegelgrund: Er stieg nach dem Krieg zu einem der prominentesten Psychiater Österreichs auf.
Gibt es weitere Beispiele, die ähnlich auffällig sind?
Eine weitere NS-Karriere, die in der Nachkriegszeit wieder auflebte, ist jene von Hans Bertha. Er war Gutachter der Gasmordaktion „T4“ und entschied mit anderen Gutachtern über die Ermordung von Menschen in Heil- und Pflegeanstalten. Da wurde mit einem Plus- oder Minuszeichen über Leben und Tod entschieden.
Und Berthas Karriere ging nach Kriegsende weiter?
Ja, ihm wurde nach 1945 zunächst die Habilitation entzogen. Er eröffnete daraufhin eine Ordination als niedergelassener Neurologe in seinem Heimatort Bruck/Mur. Später konnte er sich erneut habilitieren, wurde Professor für Neurologie und Psychiatrie, Klinikchef und schließlich Dekan in Graz. Seine Karriere endete letztlich durch einen Autounfall 1964. Aber der Aufstieg eines Mannes, der direkt in die Patientenmorde involviert war, zeigt, wie problematisch die Reintegration von Tätern nach 1945 war.

