Die EU will für die Life-Science-Strategie viel Geld in die Hand nehmen, um die Biopharmazeutische Industrie in Europa zu halten. Dummerweise verzögert sich das Vorhaben.
Das Vorhaben klingt gut. „A strategy to position the EU as the world’s most attractive place for life sciences by 2030“. So beschreibt die EU ihre „Life-Science-Strategie“, die sie im Sommer 2025 verabschiedet hat. Das Ziel auf Deutsch: Bis 2030 will die EU Europa zum weltweit führenden Zentrum für Innovation in den Bereichen Biotechnologie, Gesundheitswesen, Lebensmittelsysteme und umweltfreundliche Fertigung machen.
Die meisten Experten halten das für ambitioniert, manche für ziemlich unrealistisch – im Grunde sind sich aber alle einig: Die Strategie ist alternativlos. „Im klassischen Pharmabereich hat Europa als Standort für Forschung, Entwicklung und Produktion in den vergangenen Jahren massiv an Boden verloren. Das kann man wohl nicht mehr zurückgewinnen. Umso wichtiger ist, dass wir im Zukunftsmarkt der Biotechnologie konkurrenzfähig bleiben“, meint ein heimischer Pharmamanager.

Tiefwurzler.
Der Fermentation Hub einer Novartis-Forschungsanlage steht noch in Basel. Die EU will mit 10 Mrd. Euro jährlich dafür sorgen, dass dies so bleibt.
Vitaminschub erhofft
Bernhard Mraz, Head Medical bei Novartis in Wien, erhofft sich sogar einen Vitaminschub für den schwächelnden klassischen Pharmabereich. „Die Life-Science-Strategie der EU ist elementar“, formuliert Mraz eindringlich. „Die EU hat erkannt, dass wir im Vergleich zu den USA und China den Anschluss verlieren.“ Nur so können Maßnahmen getroffen werden, die Europa wieder stärken. Ute von Goethem, General Manager des Biopharma-Unternehmens Abbvie in Österreich, sieht die Strategie als „wichtigen Schritt, um Innovationen zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken“. Und auch die Pharmig, die Interessenvertretung der österreichischen Pharmaunternehmen, zeigt sich grundsätzlich positiv. „Es geht vor allem darum, Europa als globalen Innovationsstandort zu positionieren. In der EU muss ein Bewusstsein dafür entstehen.“ Die Strategie sei gut und richtig, meint Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog. Es gibt allerdings aus seiner Sicht einen nicht ganz unerheblichen Haken: „Es handelt sich bislang nur um eine politische Absichtserklärung ohne rechtlich verbindliche Elemente“, so Herzog. „Erst mit der konkreten Umsetzung dieser Strategie wird sich zeigen, ob die Ansätze echte Anreize für die Industrie schaffen oder es bei leeren Versprechungen bleibt.“
Die EU verfolgt mit der Life-Science-Strategie vor allem drei Ziele: Erstens will sie die medizinische Souveränität Europas sichern. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie abhängig Europa von globalen Lieferketten ist. Deshalb sollen Produktionskapazitäten für Wirkstoffe und Impfstoffe innerhalb der EU ausgebaut werden. Zweitens soll die Forschung gestärkt und beschleunigt werden – etwa durch eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Start-ups und Industrie. Mit Programmen wie „Horizon Europe“ oder der „European Health Emergency Preparedness and Response Authority“ (HERA) will man Projekte finanzieren, die neue Therapien, personalisierte Medizin und digitale Gesundheitslösungen vorantreiben. Drittens steht die Nachhaltigkeit im Fokus: Die Life Sciences sollen dazu beitragen, Klima- und Umweltziele zu erreichen – etwa durch biobasierte Produktionsverfahren oder neue Technologien in der Landwirtschaft.
Viel Geld bis 2030
Zur Umsetzung der Strategie will die EU bis 2030 pro Jahr zehn Milliarden Euro investieren. „Das ist nicht wenig und eine starke Absichtserklärung“, meint Pharmig-Generalsekretär Herzog. Er bleibt aber vorsichtig: „Ob das so kommt, bleibt abzuwarten.“
Ein wenig warten muss man auch auf einen zentralen Bestandteil der Strategie – den EU-Biotech-Act. Dabei handelt es sich um eine Verordnung, die speziell darauf abzielt, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Biotechnologiebranche zu stärken. Sie hätte ursprünglich bis Ende 2025 verabschiedet werden sollen. Nun ist vom dritten Quartal 2026 die Rede. Das Ziel der Verordnung: Produkte sollen schneller von der Forschung über die Produktion bis zum Markt gebracht werden.
Denn hier drückt der Schuh. Die EU ist in der Grundlagenforschung im Bereich Biotechnologie gut aufgestellt – darüber sind sich die Experten einig. Dennoch entstehen daraus nur selten Produkte oder verbesserte industrielle Verfahren, die tatsächlich auf den Markt gelangen. Die EU „schöpft das Potenzial“ nicht voll aus, meint Pharmig-Chef Herzog.
Die europäische Biotech-Industrie beklagt sich über eine Reihe von Barrieren, die sie im globalen Wettbewerb behindern – das gilt vor allem für KMU, Spin-offs und Start-ups. Der bestehende EU-Rechtsrahmen gilt als komplex, zeitaufwendig und wird in den Mitgliedstaaten unterschiedlich umgesetzt. Zudem sei er nicht ausreichend auf die Besonderheiten und das Tempo des innovativen Biotechnologiesektors abgestimmt. Dies führe zu uneinheitlichen regulatorischen Bedingungen und erschwere die Entwicklung sowie Vermarktung biotechnologischer Produkte. Nationale oder regionale Vorgaben können den Markteintritt zusätzlich verzögern.

Erwartungsvoll.
Ute von Goethem, General Manager des Biopharma-Unternehmens AbbVie in Österreich, sieht die Life-Science-Strategie der EU als „wichtigen Schritt, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken“.
Wenig Risikokapital
Das Wachstum europäischer Biotechnologieunternehmen wird durch den eingeschränkten Zugang zu Risikokapital und unkoordinierte Innovationsförderung gebremst. „Es fehlt an risikotolerantem Kapital und abgestimmten Investitionen, um Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte und Produktion auszubauen“, kritisiert Herzog. Die Zahlen bestätigen das: Der EU-Anteil am globalen Risikokapital liegt mit fünf Prozent deutlich hinter den USA mit 52 Prozent und China mit 40 Prozent.
Die EU nutzt ihr Potenzial in der Biotech-Branche aus Sicht von Experten auch deshalb nicht aus, weil der Binnenmarkt zu zersplittert ist: Nationale Interessen und die Unterstützung lokaler Marktführer führen zu einer fragmentierten Landschaft. Viele Cluster arbeiten isoliert, verfügen über begrenzte Ressourcen oder decken die Innovationskette nur teilweise ab. Dadurch bleiben Synergien ungenutzt und die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Biotech-Sektor wird geschwächt. Und auch beim Thema KI und Big Data bleiben die Europäer bislang noch unter ihren Möglichkeiten. Supercomputing und hochwertige Datensätze bieten für Forschung und Produktion große Chancen. Für deren Einsatz benötigt es allerdings einen klaren rechtlichen Rahmen.
Diese Schwächen will man in Brüssel mit dem Biotech-Act adressieren. Dass er nun erst im dritten Quartal 2026 beschlossen werden soll, schmerzt die Industrie. Umso wichtiger ist den Vertretern der Branche, dass die Bundesregierung – so im Regierungsprogramm vereinbart – zügig eine nationale Life-Science-Strategie erarbeitet. „Eine nationale Strategie kann hier entscheidende Impulse und Maßnahmen setzen, um den Standort Österreich für klinische Studien wieder attraktiver zu machen“, ist Novartis-Experte Mraz überzeugt.
Zu wenig Studien
Das Thema „klinische Studien“ liegt den Unternehmen besonders am Herzen. „Österreich muss seine Position als Hub für klinische Forschung weiter stärken“, meint Abbvie-Managerin Van Goethem. Sie verweist darauf, dass Patienten und Ärzte durch klinische Studien frühzeitigen Zugang zu innovativen Arzneimitteln erhalten – „insbesondere dann, wenn bestehende Medikamente nicht mehr helfen oder keine Optionen verfügbar sind“. In den vergangenen Jahren haben viele Hersteller Produkte vom Markt genommen, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr ausgeht. „Das Motto der Erstattung lautet: Das neue Produkt muss günstiger sein als das bereits vorhandene“, moniert Van Goethem. Ob ein Produkt Vorteile habe oder welchen Nutzen es für die Patienten oder andere Bereiche bringe, werde nicht ausreichend berücksichtigt. „Es wäre wünschenswert, wenn Entscheidungsträger innovative Arzneimittel als Investitionen in die Zukunft und nicht nur als Kostenfaktor betrachten würden.“
Biotech muss bleiben
Der geplante Life-Sciences-Act der EU (oft auch als „EU-Biotech-Act“ bezeichnet) soll die europäische Biotechnologie- und Pharmaproduktion in die strategische Offensive bringen: Ziel ist es, Forschung, Entwicklung und Fertigung von Life Sciences über nationale Grenzen hinweg zu stärken, Beschleunigungsmechanismen zu etablieren und Europa zu einem globalen Hub für biopharmazeutische Innovation zu machen. Die Strategie, die mit jährlich über zehn Milliarden Euro aus dem aktuellen EU-Haushalt unterstützt wird, verfolgt einen koordinierten Ansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Life Sciences.
Kerninhaltlich sieht der Gesetzesrahmen folgende Punkte vor: Zunächst soll das regulatorische Umfeld gestrafft werden. Der „Fragmentierung“ der Vorschriften innerhalb und zwischen Mitgliedstaaten soll durch Harmonisierung und Vereinfachung begegnet werden. Genehmigungs-, Zulassungs- und Erstattungsprozesse sollen beschleunigt werden („time-to-market“ verkürzen). Darüber hinaus geht es um bessere Rahmenbedingungen für Finanzierung, Fachkräfte und Infrastruktur: Es sollen z. B. Biotech-Cluster geschaffen, Risikokapital leichter verfügbar gemacht und Berufsprofile für die Life-Sciences-Produktion gestärkt werden. Ein dritter Schwerpunkt ist die strategische Autonomie: Europa soll nicht mehr von Drittstaaten abhängig sein, sondern eigene Wertschöpfungsketten von Forschung bis Markt etablieren – mit Fokus auf Gesundheit, Klimaschutz, Digitalisierung und bioökonomische Produktion.
Die Umsetzung des Biotech-Acts soll durch eine dreistufige Vorgehensweise erfolgen: Zunächst läuft eine umfassende Folgenabschätzung („impact assessment“) inklusive Befragung aller Stakeholder – die Europäische Kommission startete im Frühjahr 2025 eine entsprechende Konsultation. Anschließend soll ein Legislativvorschlag erarbeitet werden, frühestens im Jahr 2026, mit Zielsetzung, eine verbindliche Rechtsgrundlage (Regulation) zu schaffen. Schließlich müssen Mitgliedstaaten und national zuständige Behörden die neuen Vorgaben in die Praxis umsetzen – etwa durch Anpassung der Erstattungs- und Produktionsförderprogramme, Aufbau spezialisierter Behördenstrukturen und Einrichtung sogenannter „regulatorischer Sandboxes“, in denen neue Technologien unter erleichtertem Verfahren getestet werden können.
Quellen und Links:
EU zur Life Science Strategie:
germany.representation.ec.europa.eu/news/neue-strategie-fur-biowissenschaften-europa-soll-bis-2030-weltweit-fuhrender-standort-werden
What the Commission is doing for its Strategy for European Life Sciences:
research-and-innovation.ec.europa.eu/strategy/strategy-research-and-innovation/jobs-and-economy/strategy-european-life-sciences
Fakten zur Life Science Strategie:
www.edelmanglobaladvisory.com/insights/five-facts-know-eu-life-sciences-strategy
Pharmig zur Life Science Strategie:
www.pharmig.at/mediathek/pressecorner/standortentwicklung-vom-anfang-bis-zum-ende-denken

