Forschung und Krebsbehandlung: Schwere Geschütze bei MedAustron

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Autor: Michael Krassnitzer

Das Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron nimmt in der österreichischen Onkologie einen einzigartigen Platz ein. Es ist eine von nur sechs vergleichbaren Einrichtungen weltweit.

Wenn ein bösartiger Augentumor nicht frühzeitig erkannt wird, stoßen herkömmliche Therapien schnell an ihre Grenzen. Oft bleibt dann als einzige Option die Entfernung des Auges. Im Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron in Wiener Neustadt wird nun eine neue Methode zur Behandlung von Augentumoren angeboten, die bislang nur in wenigen speziellen Zentren weltweit verfügbar war: und zwar mit Ionen­therapie. „Wenn der Tumor im Auge noch relativ klein ist, können wir mit dieser innovativen Therapie sogar das Augenlicht erhalten“, bekräftigt Eugen B. Hug, medizinischer Geschäftsführer von MedAustron.

Das Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron hat sich seit seiner Eröffnung im Jahr 2016 als unverzichtbare Einrichtung innerhalb der Onkologie Österreichs etabliert. Aus allen Bundesländern und aus allen Krebs-Zentren Österreichs werden Patienten zur ionentherapeutischen Behandlung nach Wiener Neustadt überwiesen. MedAustron ist auch Anlaufstelle für Patienten aus Osteuropa, wo keine Ionentherapie verfügbar ist. Rund 250 Mitarbeiter aus mehr als 20 Nationen verfolgen in Wiener Neustadt das gemeinsame Ziel, Krebs zu heilen und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Heilen und Forschen mit Strahlen. MedAustron erlaubt gleichzeitig Grundlagenforschung und klinische Forschung im Ionenbereich. Wr. Neustadt kann sehr besonders sein.

Massereiche Teilchen

Ionentherapie, auch Partikeltherapie genannt, ist eine innovative Form der Strahlentherapie. Sie basiert nicht – wie die herkömmliche Strahlentherapie – auf Gamma- oder Röntgenstrahlen, sondern auf geladenen, massereichen Teilchen: auf Protonen (jenen subatomaren Teilchen, aus denen Atomkerne zusammengesetzt sind) oder Kohlenstoffionen (also Kohlenstoffatomen, denen zumindest ein oder auch alle sechs Elektronen fehlen). Diese Teilchen werden mit einem sogenannten Linearbeschleuniger erzeugt, auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigt und gezielt auf den Tumor gerichtet. Die Ionentherapie fährt also metaphorisch schwere Geschütze auf. Während herkömmliche Strahlentherapie bei rund 20 Prozent der Tumorzellen zu nicht reparablen – und damit für die Zellen tödlichen – DNA-Schäden führt, führt Ionentherapie bei zirka 70 Prozent der Tumorzellen zu nicht reparablen DNA-Schäden und damit zum Zelltod.

Einige physikalische Eigenheiten von Ionen- bzw. Partikelstrahlung erweisen sich als besonders vorteilhaft für die Strahlentherapie. Auf diese Weise ist es möglich, einen Ort der größten Energieentfaltung („Bragg-Peak“) festzulegen – nämlich genau dort, wo sich der Tumor befindet. Auf ihrem Weg durch das Körpergewebe in Richtung Tumor ist die Strahlenbelastung deutlich geringer als am Zielort. Und hinter dem Tumor kommt es zu fast gar keiner Energiedeposition. „Das bedeutet, dass wir diese Strahlung sehr präzise applizieren können und dass das gesunde Gewebe vor und hinter dem Tumor geschont wird“, erläutert Hug.

Besonders für Kinder

Aus der hohen Präzision und der Schonung des umliegenden Gewebes ergeben sich beinahe zwangsläufig die Indikationen für eine Strahlentherapie mit Protonen und Kohlenstoffionen: Da stark wachsendes Gewebe empfindlicher auf Strahlung reagiert, eignet sich die Protonentherapie besonders für Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Indem die Dosis für gesundes Gewebe minimiert wird, kann das Risiko von Langzeitfolgen, wie Hormon- und Wachstumsstörungen, oder sekundären Malignomen reduziert werden. Die Mehrzahl der Kinder, die in Österreich an einer Tumorerkrankung leiden, werden am Zentrum MedAustron behandelt.

Prädestiniert für die Ionentherapie sind Patienten mit Tumoren, die besonders resistent gegen die konventionelle Strahlentherapie sind, wie Knochen- und Weichteilsarkome, langsam wachsende Tumore, Lokalrezidive nach der konventionellen Strahlentherapie oder hypoxische (sauerstoffarme) Tumore. Wie Hug erläutert, haben mehrere Studien gezeigt, dass solche Tumore, die gegen eine konventionelle Strahlentherapie resistent sind, oft erfolgreich mit Kohlenstoffionen behandelt werden können. Die Ionentherapie ist eine ideale Behandlung für Tumore in der Nähe von strahlenempfindlichen Organen, wie dem Gehirn, dem Rückenmark oder den Augen. Jüngst ist in den USA eine Studie erschienen, demnach auch bei Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich das Risiko von Nebenwirkungen deutlich geringer liegt als bei der herkömmlichen Strahlentherapie. Infolge der Behandlung dieser Tumoren kann es zu schweren Nebenwirkungen wie etwa Schluckstörungen oder dem kompletten Verlust der Schluckfähigkeit (Aphagie) kommen.

Eine wichtige Einschränkung gibt es allerdings, wie Hug unterstreicht: Wenn der Tumor bereits metastasiert hat, macht eine Ionentherapie keinen Sinn. „Die Ionentherapie ist eine Therapie, die gezielt auf einen einzelnen lokalen Tumor gerichtet ist“, betont der Professor für Radioonkologie.

Emsiger Forschungsstandort. Der medizinische Direktor von MedAustron, Eugen B. Hug, ist ständig beim Werben für neue Budgets: „Man braucht heutzutage ein eigenes Study Office, um innovative Studien durchzuführen.“

Wachsende Evidenz

Obwohl die Ionentherapie gegenüber der herkömmlichen Strahlentherapie viele Vorteile hat, wird sie nicht im großen Stil eingesetzt. Ein Grund dafür sind die hohen Kosten. Wie Hug erklärt, liege dies vor allem an den hohen Anschaffungskosten für die Linearbeschleuniger. Mittlerweile aber seien diese Kosten deutlich gesunken, wodurch die Ionentherapie in Zukunft vergleichsweise günstiger werden könnte. „Die Partikeltherapie ist zwar teurer als eine konventionelle Strahlentherapie, aber sie ist wesentlich billiger als viele der gängigen Chemotherapien“, bekräftigt Hug. Und wenn eine solche Behandlung chronische Nebenwirkungen der Therapie wie Schluckbeschwerden, orthopädische Probleme oder kognitive Einschränkungen verhindere, bedeute dies auch weniger chronische Kosten für das Gesundheitssystem.

Die wissenschaftliche Evidenz dafür, dass die Protonentherapie und die Kohlenstoffionentherapie einen signifikanten Vorteil für die behandelten Patienten haben, wächst stetig. Aus diesem Grund wächst auch die Zahl der dafür infrage kommenden Patienten. Das kommt auch in den Zahlen von MedAustron zum Ausdruck: In den ersten 18 Monaten des Therapie-Betriebs (2019 und 2020) wurden 100 Patienten behandelt. Im Jahr 2024 waren es bereits 500. Und für heuer erwartet Hug 550 bis 600 Patienten. Bislang wurden über 2.700 Patienten an der von ihm geleiteten Einrichtung behandelt. Zum Vergleich: Weltweit wurden in den letzten 40 Jahren geschätzte 450.000 bis 470.000 Patienten einer Ionentherapie unterzogen. „Wir haben keinen Rückstau an Patienten“, betont Hug, „aber wir arbeiten ständig daran, unsere Kapazitäten auszubauen.“ MedAustron ist nicht nur eine Therapieeinrichtung, sondern auch ein Forschungszentrum. So ist MedAustron Lehr- und Forschungsstandort der Karl-Landsteiner-Privatuniversität in Krems. Auch Forscher externer Institutionen wie der Medizinischen Universität Wien oder TU Wien kommen in die Marie-Curie-Straße 5 in Wiener Neustadt – passenderweise benannt nach der Pionierin der Strahlenforschung.

Zum einen werden am MedAustron klinische Studien durchgeführt: Studien also, welche die Ionentherapie in der Anwendung am Patienten mit der konventionellen Strahlentherapie vergleichen. Zum anderen ist MedAustron der Grundlagenforschung verpflichtet. Dabei geht es unter anderem um die technische Weiterentwicklung der zugrunde liegenden Technologie. Unter anderem wird untersucht, auf welche Weise sich Heliumionen neben den bisher angewendeten Protonen und Kohlenstoffionen für die Krebstherapie eignen. Thema ist aber auch die Radiobiologie: also das Verständnis der Wirkmechanismen der Bestrahlung mit Kohlenstoff und Protonen auf zellulärem Level.

Money fürs Study Office

Die Studienabteilung von MedAustron hat kürzlich eine sehr hilfreiche finanzielle Unterstützung erhalten. Das Land Niederösterreich stellt der MedAustron-Studienabteilung für die Administration klinischer Studien 1,8 Millionen Euro in den kommenden vier Jahren zur Verfügung – mit der Option auf eine anschließende Verlängerung der Unterstützung in derselben Höhe. Denn klinische Studien sind aufwendig. Es gibt strenge nationale und internationale Regularien, die eingehalten werden müssen. Die Studie muss vorab der Ethikkommission vorgelegt werden. „Noch bevor man überhaupt den ersten Patienten behandelt, ist der Aufwand bereits enorm“, erzählt Hug. Während der Studie muss eine Vielzahl an Daten erhoben und in Datenbanken eingespeist werden. Diese Datenbanken müssen von IT-Experten administriert werden. Die Daten wiederum müssen von Statistik-Experten analysiert werden. „Das alles erfordert einen hohen Personalaufwand“, unterstreicht der Professor. „Man braucht heutzutage ein eigenes Study Office, um innovative Studien durchzuführen.“ Das frische Geld ist speziell dafür reserviert.

Probleme, qualifizierte Forscher nach Wiener Neustadt zu bekommen, hat Hug keine. Eine Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern mag nicht dieselbe Anziehungskraft wie etwa London oder Boston ausüben, doch MedAustron ist eines von nur sechs vergleichbaren Krebsbehandlungs- und Forschungszentren weltweit. Laut dem medizinischen Leiter ist es dadurch attraktiv auch für internationale Spitzenkräfte: „Was MedAustron so besonders macht, ist die Integration von Grundlagenforschung und medizinischer Anwendung.“

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