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Autor: Josef Ruhaltinger

Vertreter aus Staaten aus der ganzen Welt haben sich applaudierend aus ihren Stühlen erhoben, als Mitte Mai der WHO-Pandemievertrag in Genf angenommen wurde. „I see no objection“, hatte es wenige Sekunden zuvor von Teodoro Herbosa geheißen, Gesundheitsminister der Philippinen und Präsident der 78. Weltgesundheitsversammlung. Ob dies gleich ein historischer Moment gewesen ist, wie WHO-Chef Tedros voller Euphorie formulierte, ist zweifelhaft. Aber das „Pandemic Agree­ment“ ist ein wohltuendes Zeichen internationaler Kooperationsfähigkeit, wie es spätestens seit Februar 2022 zur Seltenheit geworden ist. Das Abkommen ist ein typisches Ergebnis langjähriger multilateraler Verhandlungen.

Es ist der Kompromiss aus zwei gegensätzlichen Haltungen: Auf der einen Seite steht die Befürchtung, der Vertrag erlaube der WHO die tiefgreifende Einmischung in nationale Souveränitätsrechte. Auf der anderen Seite existiert das medizinisch-humanistische Bedürfnis, grenzübergreifende und solidarische Maßnahmen für die Pandemiebekämpfung festzuschreiben, die im Notfall verpflichtend zur Anwendung kommen. Das Endresultat ist ein 31-seitiges Papier – das österreichische Regierungsabkommen hat über 200 Seiten –, in dem den Wächtern der nationalen Souveränität mehr entgegengekommen wurde als den Wissenschaftlern und Medizinern, die sich tiefgreifendere Werkzeuge für eine künftige Pandemiebekämpfung gewünscht hätten. Aber das Abkommen ist eine sich entwickelnde Vereinbarung auf der Basis solidarischen Handelns – eine Haltung, die heute als „woke“ und völlig unzeitgemäß gilt.

Extrem zeitgemäß ist das, womit Daniel Rückert seinen Arbeitstag verbringt. Der Münchner Professor gilt als einer der führenden deutschen Forscher auf dem Gebiet der medizinischen KI. Selbst als ein in vielen Interviews erprobter Journalist läuft man Gefahr, im Gespräch mit ihm die Distanz aufzugeben und zum begeisterten Aficionado der Kunst der KI zu werden. Rückert erklärt Komplexes ohne Attitüde, zeichnet Visionen und ärgert sich über Bedenkenträger. Er ist überzeugt, dass die Methoden der KI Expertenwissen für alle und überall verfügbar machen. Blöd nur: Das haben wir vor 20 Jahren vom Internet und den sozialen Medien auch geglaubt.

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Josef Ruhaltinger
Chefredakteur

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