Konzerne dominieren den deutschen Gesundheitsmarkt. Während Befürworter von Effizienz und Innovation sprechen, warnen Kritiker vor Profitdruck und Qualitätsverlust.
Karl Lauterbach und Johannes Steinhart sind sich einig: Private Investoren in Gesundheitseinrichtungen stellen zunehmend eine Gefahr für unser Versorgungssystem dar. Für den ehemaligen deutschen Gesundheitsminister sind Private-Equity-Gesellschaften, welche Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) aufkaufen, schlicht „Heuschrecken“, die mit einer ausgewogenen flächendeckenden Versorgung nicht in Einklang gebracht werden können. Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer warnt vor der „Konzernisierung der Medizin“, welche den freien ärztlichen Beruf gegenüber der Finanzmacht privater Geldgeber und deren wirtschaftlichen Interessen schutzlos ausliefert.

Frage des Geldes. Der niederländische König Willem-Alexander eröffnet das neue Tergooi-Krankenhaus in Hilversum. Das dortige Gesundheitssystem zeigt, dass es für die Effizienz nicht wesentlich ist, ob es von privaten oder staatlichen Administrationen geführt wird, sondern wer die Finanzströme kontrolliert.
Kapitalflut im Gesundheitswesen
Tatsächlich ist in den letzten zwei Dekaden das private Investmentvolumen in der Gesundheitswirtschaft weltweit dramatisch gestiegen und betrug im Jahr 2024 nahezu 60 Milliarden US-Dollar. Etwa die Hälfte dieser Investitionen betrifft den Versorgungsbereich, die andere Hälfte die BioPharma-Branche. Gegenüber den USA und dem Indopazifischen Raum werden in Europa noch relativ wenige medizinische Dienstleister von Investoren übernommen – die Tendenz ist allerdings stark steigend. In Bayern sind beispielsweise seit 2021 etwa 90 Prozent aller Akquisitionen von Radiologiepraxen durch Investorengruppen erfolgt.
Befürworter der Privatisierung argumentieren, dass durch die private wirtschaftliche Verantwortlichkeit Anbieter gezwungen werden, die Qualität zu verbessern, Innovation zu fördern und unnötige Bürokratie abzubauen. Dies würde zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber öffentlichen Anbietern führen, die durch starre Kultur, Regulierungen und geringen Innovationsanreiz gekennzeichnet sind. Neben der Erschließung zusätzlicher Geldquellen würden auch Skaleneffekte und effizientere Abläufe in privatisierten Unternehmen dem Gesundheitssystem zugutekommen.
Kritiker befürchten, dass die Profitorientierung die Qualität der Versorgung einschränken könnte, weil bevorzugt profitable Leistungsbereiche angeboten werden, während weniger profitable vernachlässigt bzw. dem öffentlichen Versorgungsbereich überlassen werden. So sind in Deutschland private Investoren hauptsächlich im Fachgebiet Augenheilkunde oder in diagnostischen Fächern wie Radiologie, Pathologie und Labormedizin aktiv – und dies konzentriert in attraktiven Regionen. Da die Kapitalkosten aber für den privaten Sektor höher sind als für den öffentlichen, steigen die Profiterfordernis und der Produktivitätsdruck für private Anbieter, was diese zu höheren Kosten für die Leistungsempfänger veranlassen könnte. Dies ist insofern problematisch, da im Gesundheitsbereich wegen der Informationsasymmetrie zwischen Anbietern und Konsumenten eine Selbstregulation durch die Marktdynamik von Angebot und Nachfrage weitgehend fehlt und zudem der Zugang zu bestimmten Gesundheitsleistungen für sozial schwächere Gruppen erschwert wird. Wenn Gesundheitssysteme durch demografische Entwicklungen und schlechte Wirtschaftslage unter Druck geraten, sind Regierungen oftmals versucht, einfache und kurzfristig wirksame Lösungen zu wählen, welche bessere Qualität zu geringeren Kosten versprechen.
Wissenschaft zwischen Evidenz und Unsicherheit
Wie durch Privatisierung im Gesundheitswesen Qualität und Kosten beeinflusst werden, können Effizienzvergleiche auf mikroökonomischer Ebene, beispielsweise von Kliniken oder Labors, nicht seriös feststellen, da sie die makroökonomischen Langzeiteffekte nicht erfassen. Die wissenschaftliche Evidenzlage hierzu ist derzeit noch sehr lückenhaft, da auswertbare Daten kaum verfügbar sind. Eine rezente deutsche Studie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung konnte aus diesem Grund weder positive noch negative Auswirkungen der privaten Übernahmen von MVZ empirisch nachweisen.
In großen internationalen Studien häufen sich allerdings die Hinweise auf Verschlechterung der Versorgungsqualität durch Privatisierung, während Verbesserungen nicht belegt sind. Acht Studien untersuchten das Versorgungsverhalten von Krankenhäusern in den USA, Deutschland, Kanada, Kroatien und Südkorea, bevor und nachdem sie von privaten Investoren übernommen wurden. Im longitudinalen Vergleich zeigte sich, dass die Häuser nach der Privatisierung ihre wirtschaftliche Effizienz durch Selektion profitabler Patienten und durch Personalreduktionen erhöhten.
In fünf weiteren Studien aus den USA, England, Schweden und Italien waren Anstiege vermeidbarer Hospitalisierung, vermeidbarer Mortalität oder nosokomialer Infektionen die Folgen der Privatisierung von Krankenhäusern. Ein Review von 55 internationalen wissenschaftlichen Arbeiten untersuchte die Effekte der privaten Eigentümerschaft an Gesundheitseinrichtungen auf Outcome, Kosten und Qualität. Während sich die profitorientierten Einrichtungen in Bezug auf Outcome nicht von den öffentlichen unterschieden, ließ sich bei ersteren eine Kostensteigerung sowohl für Patienten als auch für Versicherungen nachweisen. Die Auswirkungen auf die Qualität, gemessen an unterschiedlichen Parametern, waren widersprüchlich, in der Tendenz zeichneten sich aber negative Effekte infolge der Privatisierung ab.

Staatliche Finanzierung als Stabilitätsfaktor
Aus einer makroökonomischen Perspektive evaluiert eine schwedische Studie des Jahres 2025 die Performance der Gesundheitssysteme aller 38 OECD-Staaten und korreliert sie mit dem Anteil der staatlichen Zuzahlungen an den gesamten Gesundheitsausgaben des jeweiligen Landes. Obwohl die Ergebnisse große Varianz aufweisen, geht aus ihnen hervor, dass die Effizienz der Systeme mit der Höhe der staatlichen Anteile an der Gesundheitsfinanzierung zunimmt. Der Großteil der OECD-Länder finanziert zwischen 70 und 90 Prozent der Gesundheitsausgaben aus öffentlichen Quellen und Transferzahlungen (Österreich 78 %, Deutschland 79 %). Die Länder mit den höchsten staatlichen Finanzierungsanteilen, Norwegen, Schweden und Dänemark, fallen auch durch überdurchschnittliche Performance der Gesundheitssysteme auf. Ausreißer sind in dieser Betrachtung die Schweiz und die USA. Erstere hat mit 38 Prozent den geringsten staatlichen Finanzierungsanteil aller OECD-Länder, erzielt eine geringfügig bessere Performance, ist aber aufgrund der überdurchschnittlichen Kosten etwas ineffizienter als Österreich. Letztere erreichen bei einem Anteil von 56 Prozent die mit Abstand schlechteste Effizienz trotz (oder wegen) der exorbitant hohen Kosten des amerikanischen Gesundheitssystems.
Zwischen Regulierung und Wettbewerb
Die gesundheitsökonomischen Forschungsergebnisse lassen somit derzeit lediglich eine Tendenz für die Effizienzvorteile staatlicher gegenüber privater Finanzierung der Versorgungsstrukturen erkennen. Präferenzen für das eine oder andere Modell sind wohl auch historisch geprägt. Osteuropäische Länder neigen zu privatwirtschaftlichen Lösungen, weil aus ihrer kommunistischen Vergangenheit noch Skepsis gegenüber staatlicher Administration besteht. In Nord- und Südamerika haben auf Eigenverantwortung beruhende private Fürsorgeprogramme eine lange Tradition und sind trotz Reformansätzen zur besseren sozialen Absicherung und Reduzierung der Ungleichheit noch institutionell stark verankert.
Das Empfinden, dass die Business-Modelle von privaten Investoren nicht zu den sozialen Werten des Gesundheitswesens passen, findet man vornehmlich in West- und Nordeuropa. Um die Kontrolle über mögliche Fehlentwicklungen in privaten Händen nicht zu verlieren, versuchen Regierungen auf verschiedene Weise gegenzusteuern. Eine Möglichkeit besteht darin, dass für Beteiligungen privater Investoren an Gesundheitseinrichtungen Meldepflichten an staatliche Behörden gesetzlich vorgeschrieben werden.
Niederlande machen es vor
In Österreich schließt das Ärztegesetz grundsätzlich die Beteiligung von Nicht-Ärzten oder Investoren als Gesellschafter einer Arztpraxis oder Gruppenpraxis aus. Indirekte Investor-Modelle über Immobilien- oder Betreiber-GmbHs sind rechtlich möglich, wenn damit keine Einflussnahme auf die ärztliche Tätigkeit ausgeübt wird. Die Österreichische Ärztekammer überwacht diese Regeln, und wenn deren Präsident vor der „Konzernisierung der Medizin“ warnt, wird er vielleicht Verdacht auf unzulässige Einflussnahme von Investoren auf ärztliche Entscheidungen hegen.
Einen pragmatischen und sehr erfolgreichen Weg scheinen die Niederlande mit ihrer Reform des Jahres 2006 gefunden zu haben, nach welcher der Staat den Wettbewerb der privaten Gesundheitsanbieter regelt. Damit stellt das niederländische System eine effiziente, qualitativ hochwertige Versorgung sicher und achtet gleichzeitig auf gleichen und leistbaren Zugang für alle Bürger.
Versicherungen unterliegen dort der gesetzlichen Verpflichtung, die Kontinuität und Qualität der Versorgung für ihre Kunden sicherzustellen. Wenn eine Versicherung feststellt, dass die Versorgungsleistung eines Anbieters inadäquat ist, kann sie die Bezahlung verweigern. Da das niederländische Gesundheitssystem vor und nach dieser Reform eine gleichbleibende Top-Performance liefert, liegt der Schluss nahe, dass es nicht von großer Bedeutung ist, ob Gesundheitseinrichtungen von privaten oder staatlichen Administrationen geführt werden – wesentlich ist, wer die Kontrolle über die Finanzströme in der Hand hat. So könnte es gelingen, die Innovationsfreudigkeit privater Unternehmer mit den solidarischen Zielen des Wohlfahrtsstaates zu vereinigen.
Quellen und Links:
- Per Molander. Public versus private healthcare systems in the OECD area– a broad evaluation of performance. The European Journal of Health Economics (2025) 26:1163–1173
- Benjamin Goodair, Aaron Reeves. The effect of health-care privatisation on the quality of care. Lancet Public Health 2024; 9: e199–206
- Alexander Borsa, Geronimo Bejarano, Moriah Ellen, Joseph Dov Bruch. Evaluating trends in private equity ownership and impacts on health outcomes, costs, and quality: systematic review. BMJ 2023;382:e075244. http://dx.doi.org/10.1136/ bmj-2023-075244
- Beate Jochimsen, Bernhard Gibis. The role of private equity in the German outpatient sector. Health policy 161 (2025) 105389
- Matthew Tracey et al. What are the policy options for regulating private equity involvement in health care? A review of policies implemented or considered in seven high-income countries. Health policy 156 (2025) 105312
- Bain & Company. Global Healthcare Private Equity Report 2024

