Bekenntnisse eines Leidenden. Eine Satire von Norbert Peter.
Bund, Länder und Gemeinden meinen es ernst: Das Gesundheitssystem soll neu aufgestellt werden. Ich bin bereit! Die Gesundheitsreformpartnerschaft kann kommen!
Nachdem ich über Wochen minutiös die Live-Bilder über die Rettungsmaßnahmen für Timmy, den Wal, gesehen habe, habe ich den Glauben an die Menschheit wieder gefunden. Es war beeindruckend: Wie sich ein ganzes Land hinter die Rettungskräfte stellte, damit das scheinbar Unmögliche möglich wird. Was da alles geschafft wurde: Dass zehntausende Menschen sich nicht von anderen globalen Ereignissen haben ablenken lassen, um Timmy eine zweite, dritte und vierte Chance zu geben. Mit schier überdimensionalen Scheuklappen hatte man sich nicht ablenken lassen.
Immerhin wurde am 1. Mai der Maibaum vor dem Landhaus in St. Pölten gefällt. Der Fokus blieb auf Timmy. Und gleich darauf wurde in Münster auf dem Flugzeugspielplatz am Coerdeplatz wieder der Schnullerbaum aktiviert: Kleinkinder können dort ihren Schnuller hinhängen, um ihm mit diesem Initiationsritual Adieu zu sagen. Egal.
Ganz zu schweigen von den anderen Säugetieren, die täglich in die Schlachthöfe geführt werden. Timmy musste seine Chance bekommen: Hoffentlich schafft er es nach der Rettung, nicht einer von 300.000 Walen und Delfinen zu werden, die jährlich als Beifang bei der Netzfischerei zugrunde gehen. Eine Nation votet für ihn, walweise.
Und auch wir können es schaffen, noch Größeres sogar: die größte Gesundheitsreformpartnerschaft aller Zeiten umzusetzen!
Apropos umsetzen. Ich bin bereit mich umzusetzen: Im Sinne des heiligen Föderalismus, reanimiert von der Herzchirurgie in Oberwart, bin ich bereit, auch in meiner Wohnung für einen OP-Tisch Platz zu schaffen. Ich schiebe mein Sesselchen zur Seite, dann kann gleich neben der Notaufnahme im Wohnzimmer der Kardiologe seine Geräte auspacken. Ist schon klar: Ich werde die Herzchirurgie, so Gott will, nicht täglich brauchen. Man muss aber auch verstehen, dass, wenn es einmal so weit ist, dass mich der Herzkasperl niederreißt, es eine Zumutung wäre, dann noch auf eine Rettung warten zu müssen. Die ja vielleicht gar keinen Sprit haben wird, weil der Wahnsinn gerade „Schifferl versenken“ spielt. Weil uns unsere Freunde jenseits des Atlantiks eine zweite Amtszeit vom Donald nicht ersparen wollten, müssen wir umso mehr sparen: Der Krieg im Nahen Osten führte in die Sackstraße von Hormuz.
Deshalb werde ich meine medizinische Versorgung in den eigenen vier Wänden vorantreiben. Am Geld sollte es nicht scheitern: Wenn in Kufstein 174 Millionen Euro ins Bezirkskrankenhaus gesteckt werden, dann lässt sich mit ein bisserl Kreativität auch meine Rundumversorgung finanzieren.
Nachdem demnächst unsere Kinder ausziehen, wäre ich auch gerne bereit, einer Augenärztin und einem Orthopäden einen Raum zuzuweisen. Die Finanzierung ist gesichert, so viel kann ich Ihnen sagen, nach einem Blick auf die Beiträge, die ich jedes Quartal an die Versicherung meiner Wahl überweise.
Im Ernst: Niemand in unserem schönen Land muss Angst haben, dass es nicht genügend Kliniken gibt. Dies nach der Lehre, die die Politik bei der letzten Wahl in der Steiermark schmerzlich erfahren musste: Zusperrer werden abgestraft und abgewählt. Bald wird nicht nur jedes Bundesland, sondern auch jede Gemeinde eine eigene Herzchirurgie eröffnen. Und mit ein wenig Nächstenliebe und Herzensgüte lässt sich dann auch die Gastpatientenproblematik lösen. Aber bitte nicht auf der Herzchirurgie in meinem Wohnzimmer.

Norbert Peter
Kabarettist, Buchautor,
Radio-Redakteur bei Ö1
Peter & Tekal, medizinkabarett.at
Nächster Termin:
„Das höchste Gut“ am 4.7.2026 im Schloss Hunyadi (Maria Enzersdorf, 20.00 Uhr) und
am 21.9.2026 im CasaNova (1010 Wien, 19.30 Uhr)

