Telemedizin: sichere Diagnostik in der Pandemie – und darüber hinaus

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Scho

Telemedizin hat sich in der Corona-Pandemie als wichtiger Trumpf für das Gesundheitswesen erwiesen, denn sie hat Arzt-Patienten-Kontakte ermöglicht – ohne physische Anwesenheit, und dadurch ohne Ansteckungsrisiko. Und auch nach der Pandemie, wann und wie auch immer sie enden mag, wird die Telemedizin uns weiter begleiten müssen. Denn früher oder später werden Fachkräftemangel und demographischer Wandel den medizinischen Bereich noch stärker treffen als jetzt schon. In der Folge wird die örtliche Verfügbarkeit von medizinischen Angeboten eingeschränkt werden, und damit auch der Zugang zu ärztlicher Beratung und Behandlungsoptionen. Dies dürfte niedergelassene Arztpraxen stärker betreffen als etwa medizinische Versorgungszentren oder Kliniken. Darum sollten wir heute noch die Gelegenheit nutzen, die Basis für eine solide Telemedizin zu legen, mit der die Bevölkerung auch in Zukunft zuverlässig versorgt werden kann.

Nichtsdestotrotz sehen wir uns hier noch einigen Hindernissen gegenüber. Noch immer sind viele Gesundheitssysteme durch die Einteilung in Sektoren geprägt: Krankenhäuser, der niedergelassene Bereich und Krankenkassen sind nicht in der Lage, Daten effizient auszutauschen. Hier fehlt es an Schnittstellen zwischen den Systemen. Strenge Datenschutzanforderungen, gerade in den Ländern der EU, müssen beim Ausbau der Telemedizin berücksichtigt werden und können sich politisch als hinderlich erweisen, wenn in der Bevölkerung Vorbehalte bestehen. Natürlich gibt es auch technische Hürden: Überall dort, wo Telemedizin besonders nützlich sein könnte – also abseits großer Städte – fehlt es gleichzeitig an der technischen Infrastruktur in Form von leistungsfähigen Internet- oder Mobilfunkanbindungen.

Bedar f besteht und Angebot wird angenommen

Diese Hindernisse müssen für einen Ausbau der Telemedizin beseitigt werden, denn die Pandemie hat bereits gezeigt, dass Bedarf besteht und dass Angebote auch angenommen werden. Ein Beispiel für den Anschub, den die Pandemie der Telemedizin gebracht hat, ist das telediagnostische Projekt „ProteCT“: „Das Gesamtsystem ProteCT ermöglicht eine vollständige robotergestützte klinische Untersuchung von Patientinnen und Patienten, welche potenziell eine Infektion übertragen könnten“, sagt Dr. Maximilian Wolfgang Berlet vom Klinikum rechts der Isar im Interview mit MEDICA.de. Dabei gibt es keinen direkten Kontakt zwischen allen Beteiligten. „Von Patientinnen und Patienten wurde das System sehr gut aufgenommen. Die Untersuchung mit den Robotern wurde insgesamt als vergleichbar angenehm empfunden“, fügt er hinzu. ProteCT wurde bereits in der Notaufnahme des Krankenhauses erprobt.

Ein guter und bereits sehr weit entwickelter Weg, telemedizinische Leistungen zu Patientinnen und Patienten zu bringen, sind medizinische Apps: Bei ResGuard Med von Resmonics handelt es sich beispielsweise um eine Software, die Anbieter von medizinischen Apps in eine bestehende App integrieren können. Diese kann dann als zusätzliche Funktion nächtlichen Husten bei chronischen Atemwegserkrankungen analysieren: „Die enthaltene akustische KI analysiert Daten, die mit dem Mikrophon des Smartphones aufgenommen werden. Die KI kann Patientinnen und Patienten über Symptomverläufe informieren und auf dieser Basis auch Aussagen über den Verlauf der Erkrankung und eine Vorhersage treffen“, sagt Dr. Peter Tinschert, CEO der Resmonics AG, im Interview mit MEDICA.de.

Rezept via App

ResGuard Med bietet von sich aus keine telemedizinische Anwendung, sondern wird rein lokal auf dem Smartphone verwendet. Die Software kann Patientinnen und Patienten zum jetzigen Zeitpunkt aber helfen, eine Entscheidung für oder gegen einen Arztbesuch zu treffen. „Nutzende sehen dann am nächsten Morgen eine „Hustenampel“, die in grün, gelb oder rot anzeigt, wie oft und wie heftig sie gehustet haben oder ob dieser Husten Anlass für eine vorbeugende Handlung sein sollte“, wie Tinschert erklärt.

Eine App, die den Arztbesuch in bestimmten Fällen ersetzen kann, ist dermanostic. Nutzende der App können darüber Bilder von möglichen Hauterkrankungen einschicken und erhalten von einem fachärztlichen Team eine Diagnose und ein Rezept. Die App hat auch von der Corona-Pandemie profitiert, wie Dr. Patrick Lang, Gründer von dermanostic, im Video-Interview mit MEDICA.de erklärt: „Die Patientinnen und Patienten sehen, dass Digitalisierung notwendig ist. Jetzt haben sie den erforderlichen Schritt gemacht, um es einfach mal auszuprobieren. Ich sehe durch die Möglichkeit der Telemedizin einfach die Chance, sehr viele Menschen zu erreichen, die keinen Zugang zu einem Facharzt für Dermatologie haben.“

Beispiele wie diese zeigen, wie effektiv die Corona-Pandemie Änderungen und neue Ideen anstößt – nicht nur in der Arbeitswelt. Wir werden zukünftig nicht alle Arztbesuche digital ersetzen können, aber wenn telemedizinische Angebote weiter ausgebaut werden, können wir bewerten, welche Besuche notwendig sind, und entsprechend handeln. Das würde nicht nur Arzt-Patienten-Kontakte sicherer machen – da es auch nach Corona noch infektiöse Krankheiten geben wird –, auch die Abläufe in Praxen werden effizienter und Patientinnen und Patienten können sich Wege und Wartezeiten ersparen.

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