Am zweiten Tag des 15. Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien drehte sich eine zentrale Diskussion um ein Spannungsfeld, das aktueller nicht sein könnte: Wie gelangen medizinische Innovationen tatsächlich zu den Patientinnen und Patienten? Welche Rolle spielt dabei der Schutz geistigen Eigentums – und wie viel Regulierung verträgt der Standort Europa?
Dass krebskranke Menschen in Österreich gute Chancen auf den Zugang zu innovativen Medikamenten haben, gilt als weitgehend gesichert. Doch in vielen anderen Indikationen gestaltet sich der Zugang deutlich schwieriger. Welche Hürden bestehen zwischen der pharmazeutischen Industrie und dem Gesundheitssystem – und wie können sie gemeinsam überwunden werden? Diese Fragen standen im Zentrum des Panels „Rechtzeitiger Zugang zu medizinischen Innovationen als Wegbereiter einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung“, gesponsert von Bristol-Myers Squibb GesmbH.
Kooperation statt Konfrontation
„Es geht nur gemeinsam“, betont Mag.a pharm. Gunda Gittler, MBA, aHPh, Leiterin des Zentraleinkaufs für Medikamente bei den Barmherzigen Brüdern. Gemeint ist die enge Zusammenarbeit zwischen Industrie, Sozialversicherungsträgern und Kliniken. Im Schnitt machen Medikamente etwa sechs Prozent der Spitalsbudgets aus – doch insbesondere bei seltenen Erkrankungen, bei denen die Jahreskosten pro Patient:in bis zu 300.000 Euro betragen können, stoßen Gesundheitseinrichtungen finanziell an ihre Grenzen. Zugleich habe sich gerade in diesem Bereich in Sachen Innovation viel bewegt – was nun allerdings auf massive Sparvorgaben trifft. Dabei dürfe man die langfristige Rentabilität hochwertiger Therapien und insbesondere präventiver Maßnahmen nicht aus dem Blick verlieren.

Stelldichein in Wien (v.l.n.r.): Mag. pharm. Gunda Gittler, MBA, aHPh, Moderatorin Katja Arthofer, Jens Weidner, MBA, PD Dr. Robert Sauermann, Univ.-Prof. PD Dr. Birgit Grünberger, Helga Thurnher.
PD Dr. Robert Sauermann vom Dachverband der Sozialversicherungsträger weist auf einen bereits frühzeitigen Zugang von innovativen Medikamenten in der Onkologie hin und auch abseits des onkologischen Bereichs sieht er das Land gut aufgestellt. Dennoch mahnt Jens Weidner, MBA, Geschäftsführer von Bristol Myers Squibb, zur Differenzierung: Während der Zugang zu innovativen Therapien im stationären Bereich gut funktioniere, zeige sich im niedergelassenen Bereich ein abweichendes Bild. Nur etwa die Hälfte der von der EMA zugelassenen Medikamente findet den Weg in die Regelerstattung. „Gerade in der ganzheitlichen Versorgung der Patient:innen steckt viel ungenutztes Potenzial – für die Gesundheit wie für das System“, so Weidner.
Forschung als Standortvorteil – oder Bürokratie als Bremse?
Dass Forschung und klinische Studien ein wesentlicher Teil der DNA der pharmazeutischen Industrie sind, unterstreicht Weidner: Mehr als 20 Prozent des Umsatzes fließen in Forschung und Entwicklung – auch in Österreich. Das bringe nicht nur Patient:innen Vorteile, sondern stärke auch den Standort. Gleichzeitig warnt er vor zunehmender Bürokratisierung in Europa, insbesondere in der Gesetzgebung. Auch die geplante Verkürzung des Patentschutzes stelle eine Gefahr für den Innovationsstandort dar: „Geistiges Eigentum zu schützen kostet nichts – aber es sichert viel.“
Robert Sauermann sieht in flexiblen Modellen, wie etwa der Kombination aus verkürztem Grundschutz und verlängerbaren Add-on-Zeiten, einen tragfähigen Kompromiss: „So wird geistiges Eigentum gewahrt, ohne den Zugang zu erschweren – und Europa bleibt attraktiv für Forschung und Entwicklung.“
Innovationen brauchen Daten – und Akzeptanz
Programme für den frühzeitigen Zugang zu neuen Therapien seien von unschätzbarem Wert, betont Gunda Gittler. Sie ermöglichen nicht nur eine raschere Versorgung, sondern liefern auch wichtige Erkenntnisse für Forschung und Praxis. Was jedoch fehle, sei ein strukturierter Austausch von Wissen und Erfahrungen – sowohl national als auch international. Gerade jetzt bieten sich Chancen: da sich die Situation des Gesundheitssektors in den USA derzeit unübersichtlich gestaltet, könnten Europa und auch Österreich dadurch neue Impulse erhalten. „Spardruck und Innovation schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Gerade innovative Therapien bergen Einsparungspotenziale“, sagt Gittler.
Ein Hindernis auf dem Weg dahin sei jedoch auch die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber Studien. Viele Menschen würden die Teilnahme als Versuchskaninchen sehen, erklärt Helga Thurnher vom Verein für Darmkrebsinformation. Der geringe Stellenwert, den Forschung und Wissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung in Österreich genießen, sei ein großer Minuspunkt. Univ. Prof.in PD Dr.in Birgit Grünberger von der Uniklinik Wiener Neustadt bringt es auf den Punkt: „Studien werden noch zu oft mit Tierversuchen gleichgesetzt – daran müssen wir arbeiten.“
Patientenvertreterin Helga Thurnher fordert eine systematischere Herangehensweise bei der Kommunikation rund um die Krebsdiagnose. Hier gebe es noch viel ungenutztes Potenzial – ebenso wie bei der digitalen Vernetzung. „Es lebe die ELGA“, sagt sie, und spielt damit auf die Chancen an, die eine funktionierende elektronische Gesundheitsakte bieten könnte.
(red.)


