Im Rahmen des Projekts „Delirarmes Krankenhaus“ wird untersucht, wie die Frühmobilisation auf ausgewählten Intensivstationen des Klinikums Klagenfurt am Wörthersee eingeführt und umgesetzt werden kann.
Die Mobilisation eines Patienten innerhalb der ersten 72 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation, in Fachkreisen als Frühmobilisation bekannt, ist ein evidenzbasiertes Konzept zur Verbesserung der Patientenversorgung und des Patientenoutcomes, das in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Die Durchführung der Frühmobilisation erfordert ein gut geschultes, interdisziplinäres Team und eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken für jeden einzelnen Patienten. Ziele sind die Wiederherstellung der Mobilität, Vermeidung von Komplikationen und Verbesserung des Krankheitsverlaufs.
Mehrere große, randomisiert-kontrollierte Interventionsstudien haben zahlreiche positive Effekte der Frühmobilisation nachgewiesen: eine reduzierte Beatmungsdauer und verbesserte respiratorische Funktion, eine verbesserte körperliche Funktion und Unabhängigkeit der Patienten sowie eine, für das Projekt essenzielle Verminderung der Delirhäufigkeit. Als Leitlinien gelten die S2e-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin: „Lagerungstherapie und Frühmobilisation zur Prophylaxe oder Therapie von pulmonalen Funktionsstörungen“ sowie die S3-Leitlinie: „Analgesie, Sedierung und Delir-Management in der Intensivmedizin“.

Schwerstarbeit. Robotersysteme können Pflegekräfte bei der Frühmobilisierung von Patienten auf Intensivstationen unterstützen. Die KKaW-Studie unterstreicht den Patientennutzen der speziellen Pflegemaßnahme.
Ampelsystem signalisiert Risiko
Die Mobilisation wird in verschiedene Stufen eingeteilt. Dabei gelten klar definierte Ausschlusskriterien. An den ausgewählten Intensive Care Units (Intensivstationen, ICU) des Klinikums Klagenfurt am Wörthersee (KKaW), der Anästhesiologie/Neurochirurgie und der neurologischen ICU wurde ein Ampelsystem zur Identifikation von Ein- und Ausschlusskriterien verwendet. Der von den Abteilungsvorständen freigegebene abteilungsspezifische Kriterienkatalog als Assessment bildet die Grundlage, auf welcher im Rahmen der Klinischen Konferenz (Klinischen Visite) entschieden wird, inwieweit ein Patient in der Zusammenschau von Diagnose, klinischen Daten (Vitalparameter) und klinischer Beobachtung (ärztlich/pflegerisch) unter Anwendung des ICU Mobility Scale mobilisiert werden kann. Der Kriterienkatalog definiert mittels eines Ampelsystems das Risiko einer Frühmobilisation, indem die Ampelfarbe Grün für ein geringes Risiko, die Farbe Gelb für ein mittleres Risiko (individuelle Entscheidung des Arztes) und die Farbe Rot für ein hohes Risiko steht. Somit stellt dieser Katalog ein Instrument der Risiko-/Nutzenabwägung dar.
Die strategischen Ziele des Teilprojektes umfassen die Etablierung eines Frühmobilisationskonzeptes (Algorithmus und Assessment Frühmobilisation), die Reduktion von Sedierungs-, Beatmungs- sowie ICU-Aufenthaltsdauer, die Reduktion des Delirrisikos (Delir-Prophylaxe), die Verbesserung des neurologischen/kognitiven Outcomes durch frühzeitige, aktive Pflege/Therapie bei kritisch kranken Patienten sowie die Verminderung von Folgeschäden, die durch verzögerte Mobilisation entstehen.

Pflegerische Expertise
Um die pflegerische Komponente darzustellen, wurde es notwendig, trotz der in der Praxis angestrebten und in weiten Teilen umgesetzten Interdisziplinarität den Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Auswertung von Erkenntnissen zu legen, die durch klar definierte Assessments in der pflegerischen Anwendung gewonnen wurden. Aus diesem Grund erfolgte eine einheitliche Darstellung der Erhebungsinstrumente in einem standardisierten Format (Excel). Die praxeologische Implementierung des Konzeptes wurde begleitet durch eine Einführungsdokumentation im Sinne eines KPV (kontinuierlichen Verbesserungsprozesses). Optimiert und adaptiert wurde diese Dokumentation in den ersten Arbeitssitzungen und im Assessment zu „Fallanalyse zur Frühmobilisation ICU 2“ letztendlich dargestellt. Der Theorie-Praxis-Transfer beinhaltet die Befragung mit einem eigens dafür designten Fragebogen, wie die Thematik der praktischen Anwendung des Konzepts der Frühmobilisation an der ICU 2 von den Mitarbeiter*innen wahrgenommen wird und diese den Theorie-Praxistransfer erleben. Weiters beinhaltete er ein Feedback über die praktische Anwendung des Konzeptes im Handlungsfeld. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Befragung/des Fragebogens bezogen sich auf die Kategorien der Assessmentinstrumente, die Einführung dieser Instrumente in das Handlungsfeld, den Benefit für Mitarbeiter und Patienten und das Mobilisationsequipment. Es haben an der Erhebung 71 Mitarbeiter*innen teilgenommen. Ausgehend von einer Gesamtzahl von 94 (Mitarbeiter*innen und ausgegebenen Fragebögen) entspricht dies einer Rücklaufquote von insgesamt 67 %. In der Praxis zeigt sich, dass rund 96 % der Mitarbeiter an der ICU 2 mit den implementierten Instrumenten im Zusammenhang mit der Fühmobilisation bereits arbeiten und diese gut in den Arbeitsalltag integrieren können. Der Nutzen wird anerkannt: 97 % der Mitarbeiter*innen an der Pilotstation fühlen sich bei der Einführung und Anwendung der Assessmentinstrumente durch das Kernteam gut beraten und unterstützt. 72 % der Mitarbeiter*innen sehen keinen bis einen geringen Mehraufwand durch die Einführung des Konzeptes der Frühmobilisation in ihrem Arbeitsfeld. 29 % der befragten Mitarbeiter sehen die Einführung in einem Zusammenhang mit einem sehr hohen bis hohen Mehraufwand in ihrem Arbeitsalltag.

Über die Autorin:
MMAG.a Christine Leber-Anderwald
Pflegedirektion, Sachgebietsleitung Pflegecontrolling und Wissensmanagement
Klinikum Klagenfurt am Wörthersee
christine.leber-anderwald@kabeg.at
Der Artikel wurde erstellt unter Mitarbeit der Pflegeexpert*innen für Intensivpflege DGKP Anita Marquardt, BA; DGKP Peter Schmid; DGKP Katja-Susanne Repitsch.
Der Benefit
87 % der Mitarbeiter an der ICU 2 aus beiden Berufsgruppen sehen durch die Einführung des Frühmobilisationskonzeptes einen Vorteil für den Patienten. 13 % sehen darin wenig bis keinen wesentlichen Patientenbenefit. Den Benefit für das Betreuungsteam sehen 81 % der Mitarbeiter in der Einführung des Mobilisationskonzeptes an der ICU 2 und 19 % der Befragten sehen darin wenig bis keinen wesentlichen Benefit für das Betreuungsteam. Dabei wurde das Mobilisationsequipment von 54 % als ausreichend vorhanden beschrieben, 46 % der befragten Mitarbeiter*innen gaben an, dies sei nicht ausreichend vorhanden. Im offenen Textteil wird der Wunsch nach einem optimalen Mobilisationsequipment deutlich (… Lagerungspölster sind nicht ausreichend vorhanden, Lagerungskissen sind teilweise noch nicht erneuert, Füllung ist nicht mehr weich, sehr veraltete und teilweise kaputte Lehnstühle …).
Die Implementierung des Konzeptes der Frühmobilisation in den Arbeitsalltag und das Handlungsfeld der Pilotstation ICU 2 ist gut gelungen. Der Theorie-Praxistransfer wurde durch das Kernteam gut begleitet. Das Interesse an Verbesserungen des Konzeptes konnte mit einer Beteiligung an der Befragung mit 67 % als hoch eingeschätzt werden. Das Konzept der Frühmobilisation kann letztendlich als Gewinn für die ICU-Patienten und das Betreuungsteam gesehen werden. Die pflegerische Expertise wurde durch die Fallanalyse zur Frühmobilisation gut dargestellt. Das Mobilisationskonzept der Frühmobilisation wird aktuell an allen ICU-Stationen des Klinikums Klagenfurt am Wörthersee ausgerollt und das Mobilisationsequipment wurde erneuert.
Quellen und Links:
Sabrina Eggmann (Hrsg.) Peter Nydahl (Hrsg.): Frühmobilisation in der Intensivbetreuung Mobilität einschätzen, umsetzen, evaluieren1. Auflage Erscheinungsjahr: 2023
Frühmobilisation und Rehabilitation von Intensivstationspatient*innen Charité anaesthesieintensivmedizin.charite.de/forschung
Handgraaf et al (2018): Frühmobilisation auf der Intensivstation: Ein qualitative Studie zur Identifizierung von Förderfaktoren und Barrieren in der interprofessionellen Zusammenarbeit Vortrag beim 17. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V. 10. – 12.10.2018, Berlin www.medi-karriere.de/magazin/fruehmobilisation-auf-der-intensivstation 2021
Strukturierte Frühmobilisation auf der Intensivstation 2024: www.anaesthesie.news/aktuelles/strukturierte-fruehmobilisation-auf-der-intensivstation
Frühmobilisation auf der Intensivstation Wie ist die Evidenz? verfasst von: Dr. med. Kristina Fuest, PD Dr. med. Stefan J. Schaller Erschienen in: Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin | Ausgabe 8/2019, Springer Medizin
Implementierung eines Programms zur Frühmobilisation bei kritisch kranken Patienten langs.physio-pedia.com/de/implementing-an-early-mobility-programme-for-critically-ill-patients-de Aktuelle Leitlinien Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI): register.awmf.org/de/leitlinien/aktuelle-leitlinien/fachgesellschaft/001
