Multimediale Module

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Michael Krassnitzer

Ob Unterweisungen in Sache Brandschutz oder medizinische Fortbildung: In den Krankenhäusern geschieht Weiterbildung immer häufiger in Form von e-Learning. Abwesenheitszeiten lassen sich deutlich reduzieren.

Die Halbwertszeit medizinischen Wissens wird immer kürzer, die Technik macht rasante Fortschritte, aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind ständigen Veränderungen unterworfen. Lebenslanges Lernen ist daher für alle Gesundheitsberufe, aber auch für die Institutionen und deren Mitarbeiter in Management und Verwaltung, zu einer Verpflichtung geworden. Immer häufiger geschieht dies in Form von e-Learning. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff für jene Lernformen, die auf elektronischen oder digitalen Medien basieren. Dazu zählen multimedial aufbereitete Lern­inhalte und digitale Lernplattformen.

Ob Pflichtunterweisungen in Sachen Hygienevorschriften, Datenschutzbestimmungen oder Brandschutz, ob fachlich-medizinische Fortbildung – e-Learning bietet eine Reihe von Vorteilen: Es ermöglicht ein einheitliches Fortbildungsangebot für große Gruppen an verschiedenen Orten, was gerade für Spitalsverbände mit mehreren Standorten von großem Nutzen ist. Es entfällt viel administrativer Aufwand und es müssen keine Mitarbeiter zur Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen abgestellt werden. Die Mitarbeiter können sich selbstständig, zeitlich flexibel und je nach Arbeitsaufkommen auf den aktuellen Stand des Wissens bringen. Dem e-Learning steht eine große Zukunft bevor – auch wenn es natürlich auch an Grenzen stößt.

In der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) zum Beispiel wird e-Learning seit 2018 genutzt, um die Mitarbeiter zeit- und ortsunabhängig fortzubilden. Davon unabhängig sind die Ausbildungen für Ärzte und Pflege. Die dafür zuständigen Institutionen Med Uni Graz bzw. Fachhochschule Joanneum verfügen jeweils über ihre eigenen e-Learning-Formate. Derzeit gibt es in der KAGes 35 Module, jedes Jahr kommen vier bis sechs neue hinzu. Die Module umfassen so unterschiedliche Themen wie Brandschutz, Datenschutz, Hygiene, KAGes-Kodex, Patientenidentifikation, Brandprävention im OP, Ernährungsversorgung, Delir/Demenz, elektronische Fieberkurve, Narkoseeinleitung und Intubation, Zytostatika, Selbststärkung, Zeitmanagement oder Resilienz – „die volle Bandbereite“, wie Siegbert Kaiser, e-Learning-Koordinator des LKH-Universitätsklinikums Graz, bekräftigt.

Das Ende des Stangl’ns.
Schulschwänzen ist bei e-Learning-Modulen nicht mehr nötig. Veranstalter versprechen hohe Commitment-Zahlen. In den Spitälern reicht das Modulangebot mittlerweile vom Brandschutz bis zur Fachweiterbildung.

Aus Lehrbüchern werden Module

Manche Module wie Brandschutz sind für alle rund 18.000 KAGes-Mitarbeiter verpflichtend, manche nur für ganz spezielle Zielgruppen, wie etwa die Unterweisung für den Hubschrauberlandeplatz, die nur insgesamt 90 Mitarbeiter absolvieren müssen. Andere Module sind zur Gänze auf freiwilliger Basis. „Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben jederzeit Zugriff auf alle bestehenden Module und können diese absolvieren“, erklärt Petra Portenschlager, e-Learning-Koordinatorin der KAGes.

Alle Module sind im KAGes-weiten Bildungskalender aufgelistet, der auch alle herkömmlichen Präsenzveranstaltungen umfasst. Verpflichtende Module müssen in regelmäßigen Abständen, etwa alljährlich oder alle zwei bis vier Jahre, absolviert werden. Wenn eine Qualifikation, wie der Fachterminus lautet, für eine bestimmte Position verpflichtend ist, bekommen die betreffenden Mitarbeiter 45 Tage vor Ablauf der Frist automatisch eine Benachrichtigung per E-Mail. Diese Erinnerungen erfolgen monatlich, so lange bis die Qualifikation erlangt wurde. Führungskräfte erhalten zusätzlich eine Auflistung jener Mitarbeiter, bei denen eine Qualifikation ausständig ist. Die Zeit der händisch geführten Teilnehmerlisten ist vorbei: Sämtliche Qualifikationen sind im Personalsystem gespeichert, daher kann man sich quasi mit einem Mausklick einen Überblick verschaffen, wie viele Mitarbeiter die verpflichtenden Module absolviert haben – etwa bei Überprüfungen seitens des Arbeitsinspektorates.

Aktuell haben mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter die für sie verpflichtenden Module absolviert. „Das ist eine sehr gute Quote“, unterstreicht Portenschlager. Wichtig auch: Im System wird nur das Datum gespeichert, an dem das Modul absolviert wurde, nicht wie viele Fragen falsch beantwortet wurden oder wie viele Anläufe der Einzelne gebraucht hat. „Niemand will beim e-Learning den gläsernen Mitarbeiter“, betont Kaiser. Die Mitarbeiter sind auch ausdrücklich angehalten, das e-Learning während der Dienstzeit durchzuführen.

In der KAGes bzw. am LKH-Universitätsklinikum Graz werden alle e-Learning-Module selbst entwickelt – von der didaktischen Aufarbeitung der Themen bis zur technischen Umsetzung. Aufbau und Erscheinungsbild der Module sind prinzipiell immer gleich. Teilweise sind zusätzliche Quizfragen und Übungsmöglichkeiten eingebaut, bei denen man sich ein Bild seines aktuellen Wissensstandes verschaffen kann. Die richtigen bzw. falschen Antworten werden ausführlich erklärt. Zentrale Elemente sind auch Videos: Beim Modul zum Thema Bluttransfusion etwa wird in einem Video der gesamte Prozess von der Anforderung bis zur Auslieferung einer Blutkonserve dargestellt. Der Sinn: Die Beteiligten sollen unter anderem Verständnis dafür entwickeln, dass es nun einmal eine gewisse Zeit dauert, bis die Blutkonserven im OP-Saal zur Verfügung stehen. In dem Modul werden auch die häufigsten Fehler beim Ausfüllen des Anforderungsformulares behandelt, die die Auslieferung einer Blutkonserve verzögern können. Beim freiwilligen Modul „Umgang mit psychosozialen Belastungen“ sind in mehreren Videos typische Situationen mit professionellen Schauspielern nachgestellt. Dabei wird vermittelt, wie man empathische Gespräche mit unter Stress stehenden Kollegen führt, welche Fragen man diesen stellen kann, aber auch welche Reflexionsfragen man an sich selbst richten kann, um den Grad der eigenen Belastung festzustellen. Auch Methoden zur Entspannung oder Hinweise auf Hotlines, bei denen man Unterstützung finden kann, werden vermittelt. Im Hygienemodul wiederum wird in Videos anschaulich demons­triert, wie sich Keime während einer Visite verbreiten können und wie Schutzbekleidung korrekt an- und ausgezogen wird.
Viele Module enden mit einem Wissenscheck: Werden beispielsweise 80 Prozent der Fragen richtig beantwortet, dann gilt das Modul als erfolgreich absolviert. Wer inhaltlich von vornherein sattelfest ist, kann direkt zum abschließenden Wissens­-
check springen.

Zusatz, nicht Ersatz.
E-Learning-Module können Präsenzveranstaltungen nicht ersetzen, aber ergänzen, ist Petra Portenschlager überzeugt. Die e-Learning-Koordinatorin der KAGes erwartet eine Steigerung des digitalen Lernangebotes.

Kein Ende der Präsentveranstaltungen

Dass e-Learning herkömmliche Formen der Weiterbildung ersetzen und Präsenzveranstaltungen obsolet machen könnte, glauben die e-Learning-Koordinatoren von KAGes bzw. LKH-Uniklinikum Graz nicht. „Präsenzveranstaltungen haben Persönlichkeitscharakter. Nicht jedes Thema ist für eine Online-Schulung geeignet“, sagt Portenschlager. „Es ist oftmals schon wichtig, dass sich die Leute treffen“, meint auch Kaiser: „Für uns ist e-Learning nicht die ,eierlegende Wollmilchsau‘. Bei manchen Themen gibt es einfach andere Methoden, die besser geeignet sind.“ Oft ist auch das sogenannte „Blended Learning“ die Lösung, also die Vermischung von Formaten. Die KAGes-eigene Fortbildung zum Thema Bezugspflege etwa besteht aus einem einleitenden Workshop, anschließend wird ein e-Learning-Modul absolviert, zuletzt steht wieder ein Workshop vor Ort auf dem Programm. Auch im Simulationszentrum der KAGes, in dem zum Beispiel die interprofessionelle Zusammenarbeit in OP-Teams trainiert wird, kommt e-Learning zum Einsatz. Früher wurde im Simulationszentrum wertvolle Zeit für organisatorische Einweisungen verbracht. Nun erfüllt diesen Zweck ein sogenanntes Onboarding-Modul mit allen relevanten Informationen, das vor dem Start eines Trainings zu absolvieren ist.

Spezielle Plattformen für Ärztefortbildung

Nicht nur Krankenhäuser bzw. Spitalsverbände bieten e-Learning-Module für ihre Mitarbeiter an. Es gibt auch eine Reihe von Anbietern am Markt, die e-Learning-Anwendungen für den medizinischen Bereich entwickelt haben. Soeben online gegangen ist Learning Hospital, eine maßgeschneiderte, offene und kostenlose Kommunikations- und Fortbildungsplattform für Fachärzte. Der Hintergrund: Der Alltag im Krankenhaus lässt Ärzten kaum die Möglichkeit, gemeinsam das täglich Erlebte zu besprechen und dieses besser zu verarbeiten oder nachhaltig zu verbessern. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann mehr Raum zum fachlichen Reflektieren mit Kollegen“, sagt Jörg Jahnel, Primarius am Klinikum Klagenfurt, der mit seinen Ärzte-Kollegen die Plattform maßgeblich mitentwickelt hat. Learning Hospital ermöglicht Austausch und Wissenstransfer unter allen teilnehmenden Ärzten. Zusätzlich können interne sowie offene Veranstaltungen digital organisiert und an die gewünschte Zielgruppe kommuniziert werden, wie beispielsweise die „Mittwochsakademie – Raum für Kinder“ am Landesklinikum Klagenfurt.

Ein anderes e-Learning-Tool ist MEDCH, eine digitale Plattform, die Medizinstudenten, jungen Ärzten, aber auch Pharmazeuten und Pflegefachkräften praxisorientiertes Wissen über die Applikation von Medikamenten im klinischen Alltag vermittelt. Ziel ist es, vor Ort die Arzneimittel- und Patientensicherheit zu erhöhen. Mit MEDCH können die User durch das Beantworten gezielter Fragen zu Indikation, Dosierung, Nebenwirkungen und Interaktion einzelner Wirkstoffe ihre Kompetenz in Sachen Medikamente einfach, spielerisch und anonym am Smartphone trainieren. Geübt werden Situationen, mit denen ein Arzt in seinem Fachbereich in der täglichen Routine zu tun hat, nicht außergewöhnliche Situationen, mit denen er einmal im Jahr konfrontiert ist. „Es geht nicht um trockene Theorie, sondern um Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag“, erklärt Gerhard Feilmayr, Chief Operating Officer von MEDCH.

„Ich behandle schon seit mehreren Monaten einen Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom mit einer Antiandro­gentherapie. Vor Jahren wurde er auch lebertransplantiert. Er zeigt mir seinen seronegativen Befund nach dreimaliger COVID-Impfung. Der Winter steht vor der Tür, der Patient hat Angst vor einer COVID-Infektion mit schwerem Verlauf und fragt mich um Rat. Was kann ich tun?“, lautet die Frage aus dem brandaktuellen COVID-Modul, um das MEDCH gerade erweitert wurde. Die richtige Antwort: „Ich kann ihm Tixagevimab + Cilgavimab verabreichen.“ Die Fragen bzw. die Antworten, die inhaltlich auf der Fachinformation zu den jeweiligen Arzneimitteln beruhen, werden von einem eigenen Redaktionsteam erstellt. „Qualitätssicherung ist ein ganz zentrales Element von MEDCH“, betont Feilmayr.