Andrea Kurz, die Rektorin der Med Uni Graz, und Erwin Petek, Vizerektor für Studium und Lehre, überraschen im Interview mit der ÖKZ: Sie erklären, warum es viele Absolventen ins Ausland zieht – und warum die Zahl der medizinisch ausgebildeten Emigranten sehr rasch schrumpfen wird.
Frau Kurz, Herr Petek, 30 bis 40 Prozent der Absolventen der heimischen Medunis entscheiden sich nach ihrem Studium gegen eine Tätigkeit als Arzt oder Ärztin in Österreich. Sie gehen nach Deutschland, in die Schweiz – oder in die Privatwirtschaft. Warum ist das so?
Erwin Petek: Ich kann nur für uns in Graz sprechen. Bei uns sehe ich die Abwanderung ins Ausland nicht mehr als ein echtes Problem. Sie gilt in erster Linie für Studentinnen und Studenten aus Deutschland, die nach ihrem Studium wieder zurück in ihre Heimat gehen. Hier verzeichnen wir aber eine klare Entwicklung: 2018 lag der Anteil der deutschen Staatsbürger bei den Studienanfängern noch bei 22,3 Prozent. 2024 waren es nur noch 9,9 Prozent. Das bedeutet: Bei einer Mindeststudiendauer von sechs Jahren haben wir jetzt noch eine Kohorte mit einem hohen Anteil an deutschen Studierenden, von denen viele Österreich verlassen werden. Aber in den kommenden Jahren wird diese Zahl stetig zurückgehen. Daher meine Aussage: Die Abwanderung nach Deutschland ist nicht mehr das Problem.

Vollbelegung. Rektorin Andrea Kurz und Vize-Rektor Erwin Petek verweisen auf volle Hörsäle und fehlende Lehrkapazitäten in den Kliniken. Bei 400 Studienplätzen sei für die Med Uni Graz die Grenze des Machbaren erreicht.
Das überrascht. Auf Bundesebene sehen das viele Experten deutlich weniger entspannt. Sie beklagen die Flucht ins Ausland.
Petek: Sobald wir bei den deutschen Absolventen den Anteil von 10 Prozent erreicht haben, erwarte ich ein Geben und Nehmen. Denn im Gegenzug studieren ja auch viele junge Österreicherinnen und Österreicher in Deutschland, die nach dem Studium wieder zurückkehren. Bei uns an der Universitätsklinik hat zum Beispiel vor kurzem ein Chirurg die Arbeit aufgenommen, der in Deutschland studiert hat.
Andrea Kurz: Das Gehaltsniveau ist mit der letzten Gehaltserhöhung in der Steiermark mittlerweile sehr gut, und die Arbeitsbedingungen haben sich deutlich verbessert. Wenn ich meine Erfahrungen aus dem Ausland anschaue, wie in der Schweiz und den USA, sind die Arbeitsbedingungen in Österreich sehr gut.
Man könnte viele Absolventen vielleicht zum Bleiben bewegen, wenn man um sie wirbt. Zum Beispiel, indem man ein Ärgernis beseitigt, das viele Absolventen zur Flucht ins Ausland bewegt – auch viele Österreicher. Ich meine die umstrittene Basisausbildung. Die gibt es in Deutschland und in der Schweiz nicht.
Kurz: Ja, die Basisausbildung ist sicher ein Thema. Zumal es an manchen Standorten wie in Wien Wartezeiten für freie Stellen von bis zu einem Jahr gibt. Es ist sicher ein Wettbewerbsvorteil, wenn ich dem Absolventen gleich anbieten kann, in seinem Fachgebiet mit der Arbeit zu beginnen.
Zudem gibt es an der Qualität der Basisausbildung reichlich Kritik. Die jungen Medizinerinnen und Mediziner beschweren sich darüber, dass sie mit administrativen Aufgaben überschüttet werden und zu wenig Zeit für das Lernen bleibt.
Kurz: Wir können das schwer beurteilen, da die Basisausbildung außerhalb der universitären Lehre stattfindet. Aber die Kritik ist bekannt. Die neue Bundesregierung hat das Thema aufgegriffen und prüft eine Reform der Basisausbildung.

Neugestaltung der Basisausbildung. Die vier heimischen MedUnis arbeiten an der Vereinheitlichung der Ausbildung im Klinisch-Praktischen Jahr. So soll eine Anrechenbarkeit an der (außeruniversitären) Basisausbildung möglich werden.
Eine der angedachten Reformen besteht darin, dass man das Klinisch-Praktische Jahr, also das KPJ, das Teil des Studiums ist, für die Basisausbildung anrechnen kann. Was halten Sie davon?
Kurz: Es ist noch offen, ob das kommt. Aber wir bereiten uns darauf vor. Wir haben hier als Med Uni Graz die Initiative ergriffen und stimmen uns mit den anderen drei öffentlichen Universitäten in Wien, Innsbruck und Linz ab. Wir arbeiten daran, die Inhalte des KPJ so anzupassen, dass es als Basisausbildung anerkennungswürdig wäre – wenn es so kommt.
Und wenn nicht?
Kurz: Dann hat sich die Arbeit dennoch gelohnt. Wir wollen die Ausbildungsqualität im KPJ an den vier öffentlichen Universitäten harmonisieren, indem wir die Standards abgleichen: Was muss man können, wenn man ins KPJ geht? Und was muss man können, wenn man das KPJ absolviert hat? Egal ob ein Studierender das KPJ bei uns in Graz macht oder in einem Spital in St. Pölten: Das Niveau sollte das gleiche sein.
Wie weit sind Sie hier mit der Umsetzung?
Kurz: Die Curricularkommission in Graz erarbeitet derzeit unter der Führung unserer Kollegin Regina Roller-Wirnsberger ein österreichweit harmonisiertes Ausbildungsprofil, das in zukünftige Logbücher einfließen soll. In diesen Logbüchern werden die Lernziele und -inhalte detailliert festgelegt. Wenn Sie im Rahmen Ihrer klinischen Ausbildung in die Famulatur gehen, weiß Ihr Betreuer genau, über welche Fähigkeiten Sie bereits verfügen und welche Sie noch erlangen müssen. Die Aussage „Wir werden mit Administration überschüttet“ wird sich damit in Zukunft hoffentlich erübrigen. Das ist das Ziel.

Assoz. Prof.in Dr.in Andrea Kurz
ist seit 15. Februar 2024 Rektorin der Medizinischen Universität Graz. Von 2014 bis 2024 leitete sie die Abteilung für allgemeine Anästhesiologie an der Cleveland Clinic. Seit rund 25 Jahren betreibt die Anästhesistin und Intensivmedizinerin klinische Forschung nach höchsten Standards und hat mehr als 250 wissenschaftliche Artikel publiziert.
Ich würde gerne einen anderen Aspekt der Debatte ansprechen: Das Abspringen vieler Nachwuchsmediziner ins Ausland ist ja vor allem deshalb ein Problem, weil uns die Ärzte auszugehen drohen. Davor warnen jedenfalls manche Experten. Und manche Politiker fordern eine Verdopplung der Medizin-Studienplätze. Teilen Sie diese Forderung?
Kurz: Nein, eine Verdopplung der Studienplätze würde nichts bringen. Die Zahl der Ärzte im Verhältnis zur Bevölkerung ist in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr hoch. Wir haben genug Ärzte. Aber wir haben sie nicht unbedingt an den richtigen Stellen – wo wir sie benötigen. Im ländlichen Bereich herrscht teilweise ein echter Mangel an Fachärzten. In der Oststeiermark gibt es zum Beispiel viele Gegenden, wo wir keine Kinderärzte haben. Die Hochsteiermark wird oftmals von Ärzten betreut, die in Graz wohnen und Fahrgemeinschaften bilden. Ich nehme an, dass es in anderen Bundesländern ganz ähnliche Probleme gibt. Diese Probleme werden Sie mit einer Verdopplung der Studienplätze nicht lösen.

Ao. Univ.-Prof. Mag. DDr. Erwin Petek
ist Vizerektor der Med Uni Graz für Studium und Lehre. Seit Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn ist er in den Belangen der universitären Lehre aktiv. Erwin Petek ist erster stellvertretender Leiter des Diagnostik- und Forschungsinstitutes für Humangenetik sowie gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für die menschliche Erbbiologie.
Gut, eine Verdopplung ist eine Radikal-Forderung. Erhöhen Sie in den kommenden Jahren die Studienplätze?
Petek: Ja, wir haben heuer 364 Studienanfängerinnen und -anfänger. Wir werden diese Zahl 2026 um 18 erhöhen und 2028 noch einmal um 18. Dann sind es 400. Und das ist die Grenze des Machbaren. Bei den Vorlesungen ist eine Erhöhung der Studierenden kein Problem. Aber beim Bedside Teaching wird es irgendwann schwierig, die Qualität zu gewährleisten. Für eine Verdoppelung hätten wir nicht die Kapazitäten …
Kurz: … und auch gar nicht die Patienten. Aber mir ist noch ein anderer Aspekt wichtig.
Ich bin ganz Ohr.
Kurz: Der Ärztemangel ist für unser Gesundheitssystem nicht das größte Problem, sondern der Pflegemangel. Wenn wir im Spital Betten sperren müssen, dann nicht, weil uns die Ärzte fehlen, sondern weil es am Pflegepersonal mangelt. Bei den Ärztinnen und Ärzten sehe ich übrigens gegenläufige Tendenzen: Einerseits entwickelt sich die Medizin sehr dynamisch. Wir werden in 15 bis 20 Jahren völlig neue Möglichkeiten haben. Ich denke da an Digitalisierung, Automatisierung und völlig neue Behandlungsmethoden. Möglicherweise wird es in 15 Jahren zum Beispiel keine offene Herzoperation mehr geben. Ich erwarte durch die technologische Entwicklung eine gewisse Entlastung beim Bedarf nach Ärzten.
Und die gegenläufigen Entwicklungen?
Kurz: Da sehe ich vor allem zwei: Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge werden für einige Jahre zu einem erhöhten Personalbedarf führen. Aber die Kurve flacht dann wieder ab. Ein anderer Trend ist vermutlich langfristiger: Immer mehr Medizinerinnen und Mediziner arbeiten nur mehr Teilzeit. Dazu kommt, dass der Anteil der Frauen an den Studierenden wächst. Das wird in weiterer Folge die Teilzeitquote zusätzlich erhöhen. Die große Frage lautet nun: Wie wirken sich diese unterschiedlichen Trends auf den Personalbedarf aus? Das kann heute niemand exakt vorhersagen.
Quellen und Links:
Website der Meduni Graz: www.medunigraz.at
Informationen zu Andrea Kurz: www.medunigraz.at/rektorat/rektorin
Informationen zu Erwin Petek: www.medunigraz.at/rektorat/vr-studium-lehre

