Dominik Bammer ist Allgemeinmediziner und Gründer mehrerer Gesundheitszentren in Oberösterreich. Er erklärt, warum private Anbieter es im österreichischen Kassenvetragssystem schwer haben.
Herr Dr. Bammer, Sie sind praktizierender Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag, Gründer und Geschäftsführer von Salvida mit sechs Gesundheitszentren und als „Dr. Klartext“ in den sozialen Medien präsent. Fühlten Sie sich als 35-jähriger Gemeindearzt zu wenig ausgelastet?
Nein, keineswegs. Aber ich habe mir im jugendlichen Übermut manches einfacher vorgestellt. Ich war naiv. Das gebe ich offen und ehrlich zu.
Was sind die Momente, in denen Sie sich fragen: Warum tue ich mir das an?
Ich bin überzeugt, dass jeder einen Beitrag leisten kann, die Welt Stück für Stück besser zu machen. Mit dieser Haltung bin ich an das Projekt Salvida herangegangen. Ich war und bin der Meinung, dass das österreichische Gesundheitssystem nicht zukunftsfähig ist. Und ich wollte nicht nur jammern, sondern auch etwas tun.
Und was war daran naiv?
Ich war überzeugt, dass mein Modell von den Stakeholdern – Kammer, Kassen, Land – positiv aufgenommen wird. Ich musste aber feststellen, dass in Österreich nicht immer die Sinnhaftigkeit der Idee zählt, sondern auch bedacht werden muss, ob Partikularinteressen dadurch befriedigt werden.

Außerplanmäßig.
Dominik Bammer ist angetreten, mit modernen Gesundheitszentren effiziente Alternativen zu den überforderten Versorgungseinrichtungen anzubieten. Die Zielsteuerungspläne der Kassen und Kammern finden dafür keinen Platz.
Kämpfen private Unternehmen im heimischen Gesundheitsbereich mit Vorbehalten?
Gesundheit ist eine Leistung, die zu 80 Prozent über soziale und staatliche Versicherungen konsumiert wird. Das bedeutet, Leistungserbringer müssen mit Sozialversicherungen und Landesgesundheitsfonds Einvernehmen erzielen, um Leistungen nicht nur anbieten, sondern auch verrechnen zu dürfen. Ganz allgemein muss man sich auch die Frage stellen: Haben wir im Gesundheitssystem ein Einnahmen- und/oder ein Ausgabenproblem? Und wenn wir ein Ausgabenproblem haben, müssen wir wissen, ob man effizient ist. Welche Betreiber haben überhaupt ein Interesse an Effizienz? Das ist eine zentrale und grundlegende Herausforderung nicht nur im Gesundheitssystem. Entweder man geht als Unternehmer und Gründer den rein privaten Weg – oder man versucht, im solidarischen System Fuß zu fassen – so wie wir das tun. Das erfordert Verhandlungen über Abrechnungsberechtigungen und Verträge. Und hier gibt es zwar zahlreiche unbesetzte Stellen, aber noch nicht genügend Interesse, das durch neue Wege versorgt zu bekommen.
Haben Sie den Eindruck, dass Ihnen mehr Steine in den Weg gelegt werden als einem herkömmlichen niedergelassenen Arzt?
Das ist schwer zu beurteilen. Jede Veränderung kann als Gefahr gesehen werden, und aktuell lebt man sehr gut im System. Der Schmerz zur Veränderung ist noch nicht groß genug.
Warum finden wir trotz hoher Ärztedichte immer weniger Medizinerinnen und Mediziner für die Grundversorgung?
Ein objektiver Fachkräftemangel liegt in Österreich nicht vor. Das eigentliche Problem sind Strukturen und Effizienz. Wir haben durch die duale Finanzierung viele Doppelgleisigkeiten, Parallelitäten und Opportunitätsverluste. Was fehlt, ist eine Steuerung aus einer Hand. Für den Patienten bedeutet das: Er hat eine Gesundheit und will diese betreut wissen – ohne Passierschein 38, wie bei Asterix (Sinnbild für die bürokratischen Hürden des Alltags, bekannt geworden durch den Kult-Comic „Asterix erobert Rom“/Red.). Müssen alle Systeme bespielt werden, vergeuden wir dadurch enorme Ressourcen, aber gleichzeitig leben auch mehr Stakeholder davon als in einer effizienten Struktur.
Brauchen wir eine andere Kommunikation mit den Patienten?
Ja. Vertreter von Kassen und Kammern meinen, dass der Patient inzwischen „fordernd“ sei und sprechen von angebotsinduzierter Nachfrage. Das halte ich für falsch. Unser System ist auf Einzelprobleme zugeschnitten. Eine ganzheitliche Betrachtung findet kaum statt, weil die Honorierungssysteme falsche Anreize setzen – die Leistung folgt dem Geld, nicht der Gesundheit des Menschen.
Was wäre die Alternative?
Ich halte es für zentral, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen. So sollte man auch in der Medizin denken: interdisziplinär, berufsgruppenübergreifend, mit klaren Prozessen und gemeinsamer Verantwortung und auch einer Gesundheitsförderung, damit es die Behandlung gar nicht oder erst später braucht.
Das klingt nach einem erweiterten Primärversorgungszentrum.
Heute sind Primärversorgungszentren meist noch fachgleich besetzt. Ich plädiere dafür, sie weiterzuentwickeln: mit einem Kernteam, das umfassend behandeln kann, ergänzt um Pflege, Fachärzte, Allgemeinmediziner und andere Professionen. Nur so entsteht ein wirklicher Mehrwert für Patienten – sie erhalten ihre fachübergreifende Versorgung an einer Stelle, aus einer Hand, ohne von Pontius zu Pilatus geschickt zu werden.
Es kann nicht in jedem Dorf ein ambulantes Zentrum geben. Das würde zu weiteren Anfahrtswegen führen.
Einzelpraxen werden weiterhin am Land für die gesundheitliche Nahversorgung zuständig sein. Aber ich bin überzeugt, dass man einen Großteil der medizinischen Leistungen in solchen Zentren erbringen und damit auch die Ressource Krankenhaus deutlich entlasten könnte. Andere Länder machen das längst vor.
War diese Perspektive der Ausgangspunkt für Ihre Idee der Ärztezentren?
Ja. In einem ambulanten Gesundheitszentrum haben wir ein „Ressourcenklavier“, das wir vielseitig bespielen können: Infrastruktur, Räume, Geräte, Fach- und Assistenzpersonal, IT und klare Prozesse. Damit könnten wir Leistungen weit über die klassische Primärversorgung hinaus anbieten – etwa ambulante Rehabilitation oder Tageskliniken. Ein Orthopäde könnte vormittags konservativ behandeln und nachmittags operieren. Die Ressourcen sind vorhanden, nur die vertraglichen Rahmenbedingungen fehlen, damit wir diese Leistungen auch abrechnen dürfen.
Derzeit wird über einen bundeseinheitlichen Gesamtvertrag verhandelt. Was sollte aus Ihrer Sicht da drinstehen?
Die Honorierung müsste grundsätzlich neu überdacht werden. Heute ist alles auf Einzelleistungen ausgelegt, was eine ganzheitliche Betrachtung des Patienten erschwert. Wir brauchen neue Anreizsysteme – etwa Kopfpauschalen kombiniert mit Leistungspaketen und erfolgsabhängigen Komponenten. So ließen sich auch Leistungen abgelten, die derzeit gar nicht honoriert werden, etwa präventive oder gesundheitsfördernde Maßnahmen.

Dominik Bammer
ist gebürtiger Scharnsteiner und mittlerweile in Gmunden ansässig. Der Arzt für Allgemeinmedizin mit Kassenordination in Kirchham verfügt über ein abgeschlossenes Betriebswirtschaftsstudium. Im Jahr 2022 eröffnete er als Gründer und Geschäftsführer den ersten von sechs Salvida-Standorten. Die RLB Oberösterreich ist dabei Investor. Bammer war bis 2018 Profihandballer und Mitglied des ÖHB-Nationalteams.
Ist Ihr Social-Media-Auftritt „Dr. Klartext“ ein Ventil oder eher ein pädagogischer Ansatz?
Eindeutig letzteres. Die Idee als Papa von zwei Kindern war: Wenn Kinder die Zusammenhänge verstehen, versteht es jeder. Kurz, prägnant und ohne Fachsprache zu erklären, wie unser Körper funktioniert – das ist mein Ziel.
Kommen wir zu aktuellen Entwicklungen: Wie stehen Sie zur geplanten Diagnose-Codierung?
Ich halte sehr viel davon. Wir brauchen eine belastbare Datengrundlage für retrospektive und prospektive Analysen. Ich bin ein großer Freund von objektivierten Entscheidungskriterien und von Zahlen/Daten/Fakten.
Die ÖGK hat eine Ausschreibung für eine telemedizinische Ambulanz gestartet. Wie bewerten Sie das?
Grundsätzlich halte ich von Telemedizin und digitalen Technologien viel. Aber es darf nicht eine zusätzliche Parallelebene geschaffen werden. Gesundheit basiert auf Vertrauen. Deshalb plädiere ich dafür, diese Leistungen in interdisziplinäre Versorgungszentren einzubinden. Dort kann man einen Versorgungssprengel abdecken und im Zusammenschluss mit anderen Zentren Nacht- und Wochenenddienste telemedizinisch organisieren.
Das politische Schlagwort lautet „digital vor ambulant vor stationär“. Ist das sinnvoll?
Die Struktur kann durchaus auch abseits des Arztes organisiert sein. Wichtig ist aber, dass sie in regionale Versorgungskonzepte eingebettet ist, damit Opportunitätskosten minimiert werden. Ich halte viel von einer abgestuften Versorgung, in der Pflege und andere Gesundheitsberufe mehr Verantwortung übernehmen, allerdings in einem Team mit Ärzten. Konkret sehe ich ein multiprofessionelles Gesundheitszentrum als Versorgungseinheit für eine Region. Horizontale Parallelwelten sind nicht zielführend, weil ihre Produktivität nicht mit der regionalen Lösung vergleichbar ist.
Welche Rolle spielt in der ambulanten Versorgung die Digitalisierung?
Eine zentrale. Heute stützen wir Entscheidungen oft auf sehr wenige Datenpunkte. KI-gestützte Diagnosealgorithmen haben hier klare Berechtigung, weil es unmöglich ist, als Allgemeinmediziner in allen Bereichen immer am letzten Stand zu sein. Meine Kernkompetenz muss sein: Kommunikation mit dem Patienten und das Erkennen der „Red Flags“. Dabei kann mich KI unterstützen. Meine Vision ist eine vernetzte Datenstruktur, die mir etwa nach einer Laboranalyse vorschlägt, bei einem Medikament die Dosis anzupassen. So könnten wir viele Probleme vermeiden. Wir sind aber meilenweit von einer umfassenden Lösung entfernt, weil wir die Daten noch nicht einmal zentral zur Verfügung stellen.
Sie denken also an eine Art digitales Monitoring?
Ja. Wenn ein Patient mit Bluthochdruck Zielwerte hat und seine digitale Assistenz ihn täglich erinnert, Blutdruck zu messen und einzugeben, können Datenmodelle rechtzeitig warnen. Das System könnte ihm einfache Hinweise geben wie: „Beweg dich mehr, iss weniger Salz, hast du deine Medikamente genommen?“ Und es könnte Eskalationsstufen enthalten, wenn die Werte nicht stabil bleiben.
Wir geben viel Geld für Gesundheit aus. Dabei liefern wir nur durchschnittliche Gesundheitswerte und eine öffentliche Wahrnehmung der Zweiklassen-Medizin. Was bremst das solidarische Gesundheitssystem in Österreich?
Wir ziehen nicht an einem Strang. Ärzteschaft, Berufsgruppenvertretungen, Sozialversicherungen, Krankenanstaltenträger – jeder sucht Gründe, warum es nicht gehen kann, statt Lösungen, wie es gehen könnte. Deshalb haben wir trotz ELGA und vieler Initiativen rückblickend kaum große Fortschritte gemacht.
Hat die Pandemie das nicht verändert?
Aus meiner Sicht nicht. Da war kurz ein öffentlicher Hype spürbar. Partikularinteressen haben den Drive wieder deutlich rausgenommen.
Eine persönliche Frage: Vermissen Sie Ihr Leben als Profihandballer?
Das Profidasein nicht, aber den Sport an sich schon. Mir fehlt der Ausgleich zwischen geistiger Arbeit und körperlichem Auspowern. Und mir fehlt das Teamgefühl. Das sollte es auch im Gesundheitswesen geben.
Würden Sie Salvida wieder gründen?
Ich ringe mit mir. Bevor ich Vater geworden bin, hätte ich sofort Ja gesagt. Aber wenn ich heute früh in die Arbeit gehe und meine kleine Tochter sagt: „Papa, geh nicht“, dann frage ich mich schon, ob es das alles wert ist. Bei all den Hindernissen, die man überwinden muss, ist der Abgleich mit der Familie schwer.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, dass unser Gesundheitssystem den aktuellen Standard auch 2035 bieten kann?
Wir können mit den vorhandenen Mitteln und mit Innovation ein großartiges Gesundheitssystem weiterentwickeln – eines, das vorbereitet ist auf die soziodemografischen Entwicklungen. Aber dafür müssen alle an einem Strang ziehen und sich auch vor neuen Lösungen nicht scheuen. Macht das solidarische System in dem aktuellen Tempo weiter, wird es unfinanzierbar und muss Leistungen einschränken, die die Privatmedizin weiter gewinnen lassen.
Brauchen wir für eine Effizienzsteigerung des Systems eine Finanzierung und Steuerung aus einer Hand?
Wenn alle mitziehen, geht es auch mit dem aktuellen System. Aber solange das nicht passiert, braucht es eine zentrale Planung, Finanzierung und Umsetzung. Heute schieben wir nur zwischen Töpfen hin und her. Mein Modell zeigt: Man könnte extrem viele Leistungen in einem Zentrum bündeln und effizient für die Menschen erbringen. Aber dafür braucht es Modernisierung der Honorierungsmodelle und insbesondere Vertragsstrukturen, damit die Leistungen auch ins solidarische System einfließen können. Da muss man vielen Partikularinteressen entgegentreten. Dafür braucht es Mut.


