Autorin Birgit Kofler-Bettschart im ÖKZ-Brennpunkt-Interview über die Medizingeschichte der Frauen und wozu sie jungen Medizinstudentinnen rät.
Frau Kofler, Sie haben für Ihr Buch 125 Jahre Medizingeschichte der Frauen recherchiert. Wie beurteilen Sie mit diesem Wissen die heutige Position der Frau im Gesundheitsbereich?
Birgit Kofler: Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist die Gegenwart der Medizin längst weiblich. Genau in dem Jahr, in dem 125 Jahre Frauenzulassung zum Medizinstudium gefeiert wurden, lag die Ärztinnenquote erstmals bei 50 Prozent. Bei den Studierenden und bei den Bewerbungen für das Studium ist der Frauenanteil noch höher. Qualitativ muss man genauer hinschauen. Bei Primariaten oder Professuren sind Frauen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Gleichzeitig sieht man aber, dass sich in den letzten Jahren etwas bewegt hat. Die ersten ordentlichen Professorinnen wurden in klinischen Fächern erst Ende der 90er-Jahre berufen. Wenn man das bedenkt, sind heute rund 30 Prozent Professorinnen an Medizinuniversitäten durchaus bemerkenswert.

Birgit Kofler-Bettschart
ist Autorin, Journalistin und Kommunikationsberaterin im Gesundheitsbereich. Die gebürtige Tirolerin arbeitete nach Studien in Innsbruck und Paris unter anderem bei der UNESCO, im diplomatischen Dienst und als Kabinettchefin im Gesundheitsministerium. Heute lebt und arbeitet sie in Wien und Triest. 2025 veröffentlichte sie das Buch „Ärztinnen, die Geschichte schrieben“.
Kann man heute jungen Medizinstudentinnen raten, im Ärztinnenberuf Karriere zu machen?
Auf jeden Fall. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten als früher. Die Medizin ist ein strukturierter Bereich mit klaren Ausbildungs- und Karrierewegen. Dazu kommen Mentoringprogramme, Netzwerke und Förderprogramme, vor allem an den Universitäten. Das heißt nicht, dass alle Benachteiligungen sich in Luft aufgelöst hätten. Aber die Voraussetzungen dafür, dass Frauen in der Medizin Karriere machen können, sind heute wesentlich besser als noch vor 20 oder 30 Jahren.
Kann man den Karriere-Knick infolge der Betreuungspflichten gesellschaftlich überwinden?
Mit Appellen allein funktioniert das nicht. Dafür braucht es rechtliche Regelungen. Wir müssen Betreuungspflichten gesetzlich viel stärker aufteilen. Wir diskutieren seit Jahrzehnten über „halbe-halbe“. Bewegt hat sich nicht wirklich viel.
Welche der Persönlichkeiten, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, haben Sie besonders beeindruckt?
Eigentlich unglaublich viele. Gerade das war für mich eine der großen Erkenntnisse. Es gibt nicht die eine große Heldin, sondern sehr viele Frauen, die jeweils als Erste etwas erreicht haben – und die heute fast vergessen sind. Beeindruckt hat mich etwa Rosa Kerschbaumer-Putjata (geboren 1851 als Raissa Wassiljewna Schlykowa bei Moskau; gestorben 1923 in Los Angeles, Red.). Sie war eine der ersten praktizierenden Ärztinnen Österreichs und durfte nur aufgrund eines persönlichen Gnadenakts des Kaisers überhaupt arbeiten. Frauen konnten damals ihre Studienabschlüsse noch gar nicht nostrifizieren lassen. Oder Gabriele Possanner von Ehrenthal (geboren 1860 in Buda; gestorben 1940 in Wien, Red.), die oft als erste österreichische Ärztin bezeichnet wird. Sie musste trotz abgeschlossenen Studiums in Zürich sämtliche Prüfungen in Wien noch einmal ablegen – insgesamt 21 Rigorosen. Männern wurden damals oft Prüfungen erlassen, ihr nicht. Auch Margarete Hilferding-Hönigsberg war eine beeindruckende Pionierin (geboren 1871 in Wien; gestorben 1942 auf dem Transport ins Ghetto Theresienstadt, Red.). Sie war die erste Frau, die das reguläre Medizinstudium an der Universität Wien abschloss, und arbeitete später, so wie ihre Schwester Clara, als eine der ersten Kassenärztinnen im Roten Wien. Hilferding-Hönigsberg wurde 1910 das erste weibliche Mitglied in Sigmund Freuds exklusiver „Mittwoch-Gesellschaft“. Sie wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Sie waren auch Büroleiterin unter der Gesundheitsministerin Christa Krammer in deren Amtszeit von 1994-1997. Wir stehen jetzt wieder vor einer Gesundheitsreform. Was kann die zuständige Bundesministerin bewegen?
Eine Gesundheitsministerin kann nicht viel entscheiden, aber sie wird für alles verantwortlich gemacht. Es hat sich ja seit den 90ern strukturell nicht viel verändert. Es kommt immer darauf an, wie man mit den verschiedenen Stakeholdern vernetzt ist. Auch zu unserer Zeit ist es schon um Standortplanung und Spitalszusammenlegungen gegangen. Ich erinnere mich noch an die Diskussion um die Spitäler Kufstein und Wörgl, wo es zur Schließung des BKH Wörgl kam. Das war schon heftig. Und man braucht Ideen für die alternativen Versorgungsformen. Heute arbeiten in Wörgl am Standort ein Gesundheitszentrum und eine Privatklinik.

Birgit Kofler-Bettschart:
Ärztinnen, die Geschichte schrieben. 125 Jahre Medizinstudium für Frauen in Österreich
Ampuls Verlag, Wien 2025
224 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-9505385-8-8
Preis: 29,90 Euro.
