Das österreichische Gesundheitssystem kann mehr, als es derzeit leistet. Beim 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress ging es deshalb weniger um neue Konzepte als um die Frage, wie vorhandene Lösungen endlich wirksam werden.
WIR.K.S.A.M. – Wir könnten sicher auch mehr. Es ist der Konjunktiv, der den Leitgedanken des 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses so vieldeutig macht. Wir könnten mehr, schaffen es aber nicht? Gesundheitsstadtrat Peter Hacker nennt dies in seiner Begrüßungsrede auch „das Dilemma des österreichischen Gesundheitssystems“. Alle wüssten, es sei mehr drin. Das grundsätzlich ausgezeichnete österreichische Gesundheitssystem sei zu größerem fähig. Aber bewegen müssten sich die anderen. Am 18. und 19. Juni diskutierten und analysierten rund 420 Health-Verantwortliche und Entscheider, wo in den kommenden zehn Jahren die Herausforderungen für das österreichische Gesundheitssystem warten – und wie man diesen begegnen kann.

Viele Bälle in der Luft.
Die Gesundheitswirtschaft jongliert mit zahllosen Herausforderungen. Kabarettist Günther Lainer zeigte beim Abendprogramm, wie das geht.
Befindlichkeiten als Realitätscheck
Das Kongresspräsidium wollte die eigene Themenwahl einem Realitätscheck unterziehen. Parallel zur Programmgestaltung wurde deshalb eine österreichweite Befragung zur „Wirksamkeit unseres Gesundheitssystems“ durchgeführt. „Wir wollten nicht einfach unsere Ideen im Kongress verwirklichen, sondern auch ein gewisses Feedback aus der Community haben“, erklärt Kongresspräsident Heinz Brock. Die Ergebnisse flossen als zusätzliche Perspektive in die Diskussionen der vier Themenstreams ein (siehe dazu den Beitrag von Studienautor Anton Prettenhofer Seite 34). Brock warnt allerdings davor, daraus eine objektive Zustandsbeschreibung des Gesundheitssystems abzuleiten. Abgefragt worden seien keine Tatsachen, sondern Wahrnehmungen und Befindlichkeiten. Dabei zeigte sich quer durch die Themen ein beträchtliches Maß an Unzufriedenheit – mit dem System ebenso wie mit der eigenen Position. Gerade dieser subjektive Blick sei für den Kongress wertvoll gewesen: Die Wahrnehmung der Befragten konnte den Einschätzungen der Expertinnen und Experten gegenübergestellt werden.

Wechsel im Präsidium.
Auch personell markierte der 16. Gesundheitswirtschaftskongress einen Übergang. Romana Ruda (Mitte) übernimmt ab sofort die Kongresspräsidentschaft von Heinz Brock (li.). Brock wird bis Ende des Jahres weiter im Präsidium mitarbeiten. Verlagschef Alexander Barta (re.) gratuliert. Zweiter Wechsel, der bereits im vergangenen Jahr eingeleitet wurde: Die langjährige Vize-Präsidentin Susanne Herbek scheidet endgültig aus dem Präsidium aus und zieht sich ins Privatleben zurück.
Der Kongress sei aber kein Hort des Jammerns und der Schuldzuweisungen gewesen, unterstreicht der Kongresspräsident. „Wir haben bei den Themenstellungen Wert darauf gelegt, lösungsorientiert zu denken.“ Viele Beiträge hätten gezeigt, dass die Leistungen des heimischen Gesundheitssystems immer noch hervorragend sind. So verwies Jakob Hochgerner, Leiter der Direktion Soziales und Gesundheit der oberösterreichischen Landesregierung, auf grundsätzlich ausgewogene rechtliche Konstruktionen im Verhältnis von Bund, Ländern und Sozialversicherungen. Die Rahmenbedingungen hätten auch schwierigen Situationen wie der Pandemie standgehalten. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H., unterstrich wiederum, dass es zahlreiche funktionierende Kooperationen zwischen Krankenhäusern und dem niedergelassenen Bereich gäbe. Die Integration der Sektoren könnte besser sein, aber es existieren zahlreiche Formen der Zusammenarbeit zwischen ambulant und stationär. Eingriffe in das System seien aber unumgänglich – die Frage sei, wie man diese kommuniziere und moderiere. Österreich sei ein kleines Land mit „überbordenden Strukturen“ – mit einer „viel zu hohen Krankenhausdichte, einer hohen Anzahl an Ärzten“, so Fleisch. Auch für Manfred Pascher, Geschäftsführender Gesellschafter von MP2 IT-Solutions & Digital-Healthcare-Experte, ist das Glas halb voll und nicht halb leer.
Für ihn steht im System Angst gegen Hoffnung. „Grundsätzlich haben wir ein in vielen Zügen großartiges Gesundheitssystem“, sagt Pascher. Im Detail könne vieles besser funktionieren. Das Problem: Vieles bleibe Einzelinitiative und wird nicht systematisch übertragen. Was fehle, seien Konsequenz und Leadership, um bekannte und teilweise bereits erprobte Lösungen tatsächlich in die Breite zu bringen.
Genau hier lag auch die programmatische Idee des Kongresses. Nicht noch einmal sollte eine umfassende Diagnose des Systems erstellt werden. Gefragt wurde vielmehr nach der Wirksamkeit vorhandener Instrumente: Was kommt tatsächlich bei Patientinnen und Patienten an? Wo verhindern Strukturen, Zuständigkeiten oder Berufsgrenzen bessere Ergebnisse? Und wo braucht es weniger neue Konzepte als veränderte politische und organisatorische Weichenstellungen, vorhandene Möglichkeiten zu nutzen?
Vier Wege zu mehr Wirksamkeit
Dafür gliederte das Präsidium das Kongressprogramm in vier über beide Tage laufende Themenstreams:
… produktiv arbeiten. (Stream 1)
… Abläufe anders gestalten. (Stream 2)
… verbindlich kooperieren. (Stream 3)
… Menschen verantwortlich beteiligen. (Stream 4)
Die Ergebnisse wurden am Ende wieder zusammengeführt und mit Auditorium und Podium auf nächste Schritte abgeklopft.

Entscheider und Akteure.
Der Gesundheitswirtschaftskongress bringt Politik und Management zusammen. Die Herausforderungen sind bekannt, neue Antworten darauf umso gefragter.
Stream 1: Produktiver arbeiten.
Der erste Stream stellte die Frage nach Effizienz und Effektivität. Aufgabenverteilung, Finanzierung, Berufsgruppen, Technologien und das Zusammenspiel der Sektoren wurden hinterfragt: Können vorhandene Ressourcen bessere Ergebnisse liefern? Die drei Diskussionsrunden führten zu einem bemerkenswert einheitlichen Befund: Produktivität scheitert weniger am Fehlen von Lösungen als an mangelnder Konsequenz. Alexander Degelsegger, Leiter der Sektion Gesundheitssystem und Digitalisierung im Gesundheitsministerium, brachte die Herausforderung auf eine einfache Formel: Was kostet der Input, der den Output erzeugt – und was geht sich unter den gegebenen Bedingungen aus? Der Reformdruck wächst schließlich von mehreren Seiten gleichzeitig: durch demografische Veränderungen, knappe Ressourcen, neue Technologien und hohe Erwartungen an die Versorgung. Gefragt sind daher nicht nur zusätzliche Angebote, sondern auch eine bessere Lenkung von Patientenströmen und eine stärkere Nutzung digitaler Möglichkeiten. Stephanie Federspiel-Kleinhans, Geschäftsführerin des Krankenhauses St. Vinzenz, plädierte dafür, die Versorgung stärker auf regionaler Ebene zu betrachten. Durchlässigkeit müsse zwischen Einrichtungen und Sektoren ebenso entstehen wie zwischen den Berufsgruppen. Sinnvolle Veränderungen dürften nicht an einzelnen Personen oder festgefahrenen Zuständigkeiten scheitern. Digitalisierung kann unterstützen, benötigt aber klare rechtliche Rahmenbedingungen. KI wird aber die Probleme nicht lösen. Und bei der Erfolgsmessung sollten nicht Mengen – etwa die Zahl der e-card-Kontakte –, sondern Outcomes zählen: Entscheidend ist, ob Patientinnen und Patienten tatsächlich besser versorgt werden.
Stream 2: Abläufe anders gestalten.
Der zweite Stream setzte bei den Versorgungsprozessen an. Mehr Zeit und Aufmerksamkeit für Patientinnen und Patienten sollten zum Maßstab werden, an dem Prozessoptimierung gemessen wird. Diskutiert wurden konkrete Beispiele aus Versorgung und Langzeitpflege ebenso wie Digitalisierung, Telemedizin, Patientenlenkung und Bürokratieabbau. Dabei ging es bewusst nicht darum, ob ein Prozess neuer oder digitaler geworden ist, sondern ob dadurch nachvollziehbar bessere Ergebnisse entstehen. Digitalisierung wurde anschließend am Beispiel automatisierter Gesundheitsanwendungen und der Ablöse des Fax durch sichere integrierte Kommunikation konkretisiert – ein Vorgang, der im vergangenen Jahr große Unruhe in den Systemen hervorgerufen hatte. Am zweiten Kongresstag sollte ein Acht-Punkte-Plan entstehen: von der Diagnose zur „Therapie“ wirksamere Abläufe.
Stream 3: Verbindlich kooperieren.
Kooperation ist im Gesundheitswesen schnell gefordert – schwieriger wird es, wenn daraus Verbindlichkeit entstehen soll. Genau dort setzte Stream drei an. Neue Rollen der Gesundheitsberufe, Kooperation zwischen Versorgungsstufen und Krankenhausstandorten, Rettungsdienste als Schnittstelle sowie die Frage, wie Innovation überhaupt ins System gelangt, bildeten den Ausgangspunkt. Ein weiterer Schwerpunkt war das Zusammenspiel von klinischer Forschung, Versorgung und Nachsorge: Für Carmen Lilla, Country Medical Head bei Bristol Myers Squibb, hakt es da in Österreich an einigen Stellen: an einem dezentral organisierten Gesundheitssystem und damit einhergehend komplizierten vertraglichen Strukturen, wenn es etwa um die vertragliche Verankerung von Studien geht, aber auch zum Beispiel an einheitlicher Datenqualität. Für Elisabeth Bräutigam, Vorständin der Landesgesundheitsagentur Niederösterreich, ist dies eine zentrale Frage: Der Transfer medizinischer Daten funktioniere nur innerhalb einer monolithischen Struktur. „Wenn es dann aber einen anderen Träger gibt, dann tut sich eine Schnittstelle auf, die oft zum Bruch führt“, so Bräutigam. Verbindliche Schnittstellen, gemeinsame Standards und funktionierende digitale Prozesse sollten zeigen, wie Kooperation nicht nur Versorgung verbessern, sondern auch Innovation und Wertschöpfung ermöglichen kann. Für Peter Gläser, Ärztlicher Direktor der Klinik Ottakring, machen Datenerhebungen jedenfalls nur dann Sinn, wenn das auch in einem großen Einzugsgebiet passiere – und bei „niedrigen Mauern der jeweiligen Einrichtungen“, wenn es um Zusammenarbeit und Informationsfluss geht. Zugleich müsse man aber auch sicherstellen, dass man in der Flut der Daten nicht ertrinke. Gläser sagt: Die Zeit der alleine agierenden Spezialisten und Alleskönner sei vorbei, Kooperation, Kommunikation, ein fachlicher Austausch seien unumgänglich.
Stream 4: Menschen verantwortlich beteiligen.
Der vierte Stream erweiterte die Perspektive über Institutionen und Health Professionals hinaus. Beteiligung sollte mehr bedeuten als Information und positives Storytelling. Im Mittelpunkt standen frühzeitige Einbindung, Co-Creation und Eigenverantwortung –, aber auch die Frage, ob Kompetenz und Verantwortung dort liegen, wo Entscheidungen getroffen werden. Nach einer Bestandsaufnahme österreichischer und internationaler Beteiligungsmodelle wurde das Thema unter anderem entlang der digitalen Patient Journey praktisch durchgespielt. Zum Abschluss diskutierten Systemverantwortliche und Praktiker, welche Beteiligungskultur tatsächlich zu besseren Lösungen führen kann. In der abschließenden Ergebnis-Session liefen die vier Stränge wieder zusammen. Produktivität, Prozesse, Kooperation und Beteiligung sollten ausdrücklich nicht als voneinander getrennte Reformfelder stehen bleiben, sondern zu nächsten Schritten für die gemeinsame Arbeit im Gesundheitswesen verdichtet werden.
Das Fazit von Heinz Brock ist positiv, aber nicht euphorisch. Österreich mangle es nicht grundsätzlich an Instrumenten oder funktionierenden Beispielen. 1450, Primärversorgungseinheiten und andere Entwicklungen seien richtige Ansätze. Ihre Wirkung werde jedoch oft erst langfristig sichtbar. „Die dicken Bretter werden nur langsam gebohrt“, beschreibt Brock die politische Realität. Die zentrale Frage bleibt damit auch nach dem Kongress bestehen: Wie wird aus vielen richtigen Einzelmaßnahmen eine konsequente Veränderung des Gesamtsystems?
Lesen Sie hier die Zusammenfassung der Ergebnis-Session am Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress 2026.

