Ergebnisse Themenstream 4: WIR.K.S.A.M. – Wir könnten sicher auch mehr ... Menschen verantwortlich beteiligen.

Lesedauer beträgt 8 Minuten
Autor: Romana Ruda

Lesen Sie hier die Ergebnisse der drei Sessions im Themenstream 4 beim 16. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress: Partizipation für gemeinsame Verantwortung: eine Bestandsaufnahme, Gelungene Partizipation: Lösungen mit Menschen gestalten und Wirksame Beteiligungskultur: Potenziale und Rezepte

Akzeptanz und Einbindung bei Entscheidungen, die Kommunikation im Gesundheitssystem und zur Bevölkerung sind weit mehr als positives Storytelling, Medienarbeit und niedrigschwelliges Informationsangebot. Wirksame Beteiligung öffnet ein Spannungsfeld zwischen Wollen und Brauchen, in dem Bevölkerung, Verantwortungsträger und Health Professionals gefordert sind: Frühzeitige Beteiligung, Co-Creation, die Beachtung der Eigenverantwortung, das Hinterfragen gewohnter Wege und überkommener Handlungsroutinen, die Kongruenz von Kompetenz und Verantwortung müssen gemeinsame gute Lösungen für bessere Strukturen, Prozesse und Ergebnisse ermöglichen.

Kernaussagen aus Umfrageergebnissen und dem Eröffnungs-Podium:

Nur 16% sind der Meinung, dass wir bei Beteiligung schon sehr weit sind.

Auch FSTS Königsberger-Ludwig betont in ihrer Eröffnung die Wichtigkeit und Notwendigkeit von frühzeitigen Partizipationsprozessen.

T. Gamsjäger: „patient first“ muss die Devise sein, wenngleich das viel Energie in der Organisation braucht, und wir daher zu rasch Patient:innen-Interessen nach hinten stellen; es ist eine Frage der Kultur. Er spricht sich dafür aus, dass jeder Patient in jeweiliger Situation am Best Point of Service sein soll; idZ braucht es einen aktiven Dialog mit anderen Partnern, die es dafür braucht; Aufruf, stärker aktiv auf andere zuzugehen.

B. Kadlec: Vorgehen in NÖ hat gezeigt, wie wichtig es ist, diejenigen, die an der Basis stehen, zu beteiligen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es drei Gruppen von Menschen gibt: (1) wollen reden, hören zu und bilden sich auf Basis von Fakten ihre Meinung; (2) Thema ist ihnen egal, sie wollen schlichtweg, dass es funktioniert; (3) verharren in Emotionen, sind nicht interessiert an Fakten. Wichtig ist es, die Menschen aus Gruppe 1 erfolgreich abzuholen.

H. Ostermann: Es braucht einen strukturierten Dialog mit Patienten & Patientenorganisationen sowie mit Leistungserbringern; ähnlich wie im gemeinsamen Bundesausschuss in Deutschland, wo Zahler, Leistungserbringer, Patienten, etc. in kooperierender Runde zusammenkommen und dahin 360° Blick möglich ist.

Abschluss-Statements: „Wie erhöhen wir Wirksamkeit?“

  • Persönliche Verantwortung wahrnehmen von jedem an jeder Stelle
  • Zuversicht nicht verlieren
  • Patient first in allen Belangen (immer wieder am Riemen reissen und darauf besinnen)
  • Missmatch ändern zwischen Entscheidung & Verantwortung

Die drei Podiumsdiskussionen

Session 4.1 – Partizipation für gemeinsame Verantwortung: eine Bestandsaufnahme (Do, 18.06.)

Welche Formen von Beteiligung gibt es und wie weit ist erfolgreiche Beteiligung im österreichischen Gesundheitssystem bereits realisiert? Welche internationalen Good-Practices gibt es? Welche Herausforderungen bringt Beteiligung auf systemischer Ebene mit sich und welche Rolle spielt erfolgreiches Storytelling dabei?

Input „Systemischer Blick: Herausforderungen und Chancen von Partizipation im öffentlichen Bereich”
Michaela Moser
Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten, Dozentin und Senior Researcher

Input „Formen von Beteiligung & Partizipation im Gesundheitswesen und Internationale Good Practices”
Iris Schönherr
Future Health Lab, Innovation Managerin

Input „Beteiligung im österr. Gesundheitswesen – eine Bestandsaufnahme”
Daniela Rojatz
Gesundheit Österreich GmbH, Senior Health Expert

Input „Partizipation gestalten heißt Zukunft erzählen: Die Rolle von Storytelling im Gesundheitssystem”
Sabrina Oswald
Österreichische Marketing-Gesellschaft, Vorständin

Anschl. Podiumsdiskussion

Moderation:
Katharina Lichtenegger
Medizinische Universität Graz, Pflegeforscherin

Zusammenfassung von Romana Ruda:

M. Moser startet ihren Vortrag damit, dass Partizipation mit einem V beginnt: Vertrauen, Verstehen-Wollen, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Veränderungsbereitschaft, Verantwortung teilen, Verfahrensklarheit

>> Gelingende Partizipation ist daher eine Frage von Haltung, Strukturen und Bereitschaft, Macht zu teilen!

Sie streicht die große demokratiepolitische Bedeutung von Beteiligungsprozessen generell und speziell für das Gesundheitssystem hervor.

Die wichtigsten Voraussetzungen für qualitätsvolle Partizipation:

  • Gemeinsames Verständnis von Beteiligung (was ist Ziel, wer ist beteiligt, welche Stufe/Intensität von Beteiligung, …)
  • adäquate Vertretung(sstrukturen)
  • Sicherstellung von Verbindlichkeit
  • Verfahrensklarheit: Herstellung von Transparenz
  • Verstetigung und Verankerung durch Aufbau notwendiger Strukturen
  • Sicherstellung verfügbarer Ressourcen und deren Finanzierung

Für I. Schönherr ist Beteiligung sowohl Mittel als auch Zweck. „Die Menschen brauchen das Gesundheitssystem. Das Gesundheitssystem braucht die Menschen.“ Denn: Erlebte Erfahrungen und Lebensrealitäten sind wichtige Rückkoppelungen für Entscheidungsträger. Auch können Gesundheitsbewusstsein und -kompetenz – vgl. Umfrageergebnisse – durch Beteiligungsprozesse erhöht werden.

Die gezeigten internationalen Beispiele – v.a. aus UK – dienen als inspirierende Good-Practices, weshalb I. Schönherr abschließend die Frage in den Raum stellt: „Was wäre, wenn wir gemeinsam mit Stakeholdern und Bürger:innen Antworten auf zentrale Zukunftsfragen unseres Gesundheitssystems entwickeln würden?“

D. Rojatz bringt eine fundierte Definition für ein gemeinsames Begriffsverständnis. Bei Partizipation geht es um

  • die mehr oder weniger formalisierte und gesicherte, unmittelbare Einflussmöglichkeit
  • auf Prozesse der Meinungsbildung, Entscheidungsfindung, -umsetzung und -bewertung
  • durch jene Personen oder Gruppierungen, die nicht qua professionellem Expertenstatus, formale, politische oder bürokratische Legitimation oder informelle Machtpositionen ohnedies eingebunden sind, und
  • die von diesen Entscheidungen direkt oder indirekt, faktisch oder potentiell betroffen sind (Forster 2015).

Sie schlägt weiters die Brücke zum nationalen Gesundheitssystem, wobei eine vollständige Übersicht von Beteiligungsprozessen und -strukturen nicht möglich ist. Wichtig erscheint ihr, auf bestehenden Prozessen und Strukturen aufzusetzen. Diese bestehen vor allem im Bereich „Beratung“ (Bürger:innen / Patient:innen können ihre Expertise einbringen), was zeigt, dass für wirkliche Entscheidungsprozesse noch keine Beteiligungsmöglichkeiten etabliert sind. Auf Systemebene sind gremiale Strukturen für eine künftig strukturierte(re) Einbindung von Selbsthilfe- und Patientenorganisationen geplant.

S. Oswald ist davon überzeugt, dass wir kein Informations- oder Kommunikationsproblem, sondern ein Bedeutungsproblem haben. Denn: noch nie wurde so viel über Prävention gesprochen, war Gesundheitswissen so leicht verfügbar und waren Fitness-Apps, Wearables und KI-Systeme zu präsent. Aber unser Verhalten ändert sich nicht im selben Ausmaß.

Es sind Wünsche und Präferenzen, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Menschen wollen keine Gesundheit. Menschen wollen Zukunft: sie wollen das Leben, das Gesundheit ermöglicht. Menschen wollen und brauchen Sinn:

  • als Individuum, um ihre Handlungskompetenz auszubauen und vorhandene Strukturen zu nutzen
  • vom System, um (1) soziale Gefüge auf- und auszubauen; es braucht die Einladung vom System, sich zu beteiligen; müssen System verstehen, um (2) darin navigieren zu können
  • auf kultureller Ebene, damit Beteiligung als Normalität wahrgenommen wird

Dh Menschen brauchen Geschichten, um an etwas teilzunehmen und selbst für ihre Gesundheit zu sorgen. Partizipation gestalten heißt Zukunft erzählen!

Die Take Home Message der Moderatorin, K. Lichtenegger: Wo möchte ich selbst mehr mitgestalten und mehr Verantwortung übernehmen?

Session 4.2 – Gelungene Partizipation: Lösungen mit Menschen gestalten (in Kooperation mit MP2) (Do, 18.06.)

Digital Healthcare ist ein zentraler Treiber für Effizienz und Qualität im Gesundheitswesen. Entlang der digitalen Patient Journey wird deutlich, wie wichtig es ist, Lösungen gemeinsam mit Patient:innen, Fachpersonal und Entscheidungsträger:innen zu gestalten – durch frühzeitige Beteiligung, Co-Creation und eine wirksame Kommunikation – eine gelungene Partizipation. Highlight der Fachsession ist die Präsentation der Ergebnisse Österreichs erste Studie zur digitalen Patient:innen-Reise. Diese zeigt auf, welchen evidenzbasierten Nutzen Digital Healthcare im Spannungsfeld zwischen Bedarf, Akzeptanz und Umsetzung entlang der Patient Journey bereits schafft und welches Potenzial es gibt.

Eröffnungsworte
Alexander Barta
Springer-Verlag GmbH, Geschäftsführer

Impuls: Digital Healthcare braucht Evidenz – Österreichs erste Studie zur digitalen Patient Journey
Gerlinde Macho

MP2 IT-Solutions, Unternehmensführung

Keynote: Der Bruttonutzen von Digital Healthcare – primärdatenbasierte Evidenz zu Effizienzgewinnen. Neue Ergebnisse einer österreichweiten Studie
Christian Helmenstein

Privatuniversität Schloss Seeburg, Professor für Volkswirtschaftslehre

Fachimpuls: Patient:innen digital begleiten – Menschen, Prozesse & Technologie im Einklang
Christoph Kitzler, CDC

Leiter Competence Center Digital Healthcare & MP2-Geschäftsführer
Manfred Pascher
Geschäftsführender Gesellschafter MP2 IT-Solutions & Digital Healthcare Expert

Im Dialog: Von der Vision zur Wirkung – Digital Healthcare entlang der Patient Journey im Alltag
Edith Lachinger

CCPO Mavie Med, Geschäftsführerin Mavie Med Holding GmbH

Moderation:
Kasia Greco, MIEM CSE
Stadträtin | Gesundheitspolitische Expertin | Moderatorin | Unternehmerin

Zusammenfassung von MP2:

Hier können Sie die Zusammenfassung dieser Fachsession lesen und als PDF herunterladen.

Session 4.3 – Wirksame Beteiligungskultur: Potenziale und Rezepte (Fr, 19.06.)

Systemverantwortliche und Expert:innen aus der Praxis diskutieren gemeinsam konkrete Handlungsbedarfe und erfolgversprechende Lösungsansätze für mehr Wirksamkeit im österr. Gesundheitswesen durch frühzeitige Beteiligung und Co-Creation.

Podiumsdiskussion:
„Potenziale und Rezepte für eine wirksame Beteiligungskultur im österreichischen Gesundheitswesen”

Katharina Reich
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Leiterin der Sektion VII –“Öffentliche Gesundheit”

Ursula Weismann
Sozialversicherungs-Chipkarten Betriebs- und Errichtungsgesellschaft m.b.H. – SVC, kfm. Geschäftsführung

Christoph Powondra
PVE Böheimkirchen, Arzt für Allgemeinmedizin

Thomas Holzgruber
Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, Generalsekretär und Patientenombudsmann

Igor Grabovac
Medizinischen Universität Wien, außerplanmäßiger Professor

Moderation:
Franz Tschida
Future Health Lab, Innovation Lead

Maria Kletečka-Pulker
Danube Private University, Head of the Research Centre Patient Safety and Digital Health (PaDiH)

Zusammenfassung von Romana Ruda:

Nur 16% sind der Meinung, dass wir bei Beteiligung schon sehr weit sind. Andererseits ist TOP 1 der Maßnahmen, um mehr Wirksamkeit zu erzielen, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern. Das kann nur mit frühzeitiger Beteiligung funktionieren.

Die SV(C) verfügt über ein Online-Panel mit 23.000 Versicherten, das für Beteiligungsprozesse genützt wird.

Es gibt bereits gremiale Strukturen von Beteiligung, die genützt und ausgebaut werden sollen. Fokus dabei soll auf eine frühzeitige(re) Einbindung – Problemverständnis – gelegt werden, damit die Menschen wissen, was auf sie zukommt.

Bei vielen bestehenden online-Formularen / -Eingaben könnte am Ende die Frage „wollen sie mitwirken…?“ stehen, sodass bei vorhandenen touch-points das Interesse an Beteiligung abgefragt werden könnte; denn die Menschen sind dann offen für so etwas, wenn sie selbst gerade ein Anliegen / einen Bedarf verspüren

Es braucht oftmals „Check“ für bestimmte Zielgruppen, nicht unmittelbar und zwingend für alle; dh Fokus auf zielgruppenspezifische Formate; besonders herausfordernd dabei ist Dialog mit Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status bzw. Migrationshintergrund

Bei all diesen Strukturen ist Finanzierung zu beachten, die möglichst von neutraler Stelle kommen sollte, weil andernfalls „Bias“; Vorschlag: 1 EUR auf e-card Gebühr

Gedanke der „Los-Demokratie“, für möglichst objektive Zusammensetzung von solchen Beteiligungsformaten

Es braucht eine Beteiligungs-/Partizipationsstrategie; diese soll bis 2028 vorliegen; es braucht Bereitschaft, „Macht zu teilen“ > haben wir diese?

Dabei sind die unterschiedlichen Ebenen und Nutzenaspekte zu beachten: Individuum, System, Gesellschaft (Kultur)

Es braucht viel Vertrauen, um nachhaltige Strukturen zu etablieren; darf nicht in Alibi-Aktionen münden; daher auch zu berücksichtigen, dass Ergebnisse der Beteiligung (Wirksamkeit!)

Wichtig erscheint, die Augenhöhe mit den beteiligten Menschen zu wahren; es braucht daher eine gute Moderation einschlägiger Formate

Beachtet werden muss zudem, dass die beteiligenden Organisationen/Personen entsprechend geschult sind

Ziel ist es, dass Beteiligung im österr. Gesundheitssystem zur Selbstverständlichkeit wird. Folgende konkrete Schritte nehmen sich die Panelist:innen im eigenen Wirkungsbereich vor:

Möglichkeit des Online Tools „SV fragt“ stärker nutzen und Lobbying dafür machen

Neben Fokus auf Feedback zu vorhandener Idee stärker frühzeitiges Abholen „was sind eure Themen/Probleme“, um die brennendsten Themen in einen strukturieren Prozess zu überführen

Mehr Verständnis für Beteiligung und deren Wirksamkeit schaffen

Ordnung schaffen: sortieren, strukturellen Aufbau und gesetzlich verbindlichen Rahmen schaffen

Für Selbsthilfe-Organisationen eigenes Gesetz schaffen, um diese zu strukturieren und ordnungspolitisch zu regeln

Über die Autorin:

Mag.a Romana Ruda, MA, MBA
Romana Ruda wurde am 23. Jänner 1978 in Wien geboren. Das Studium der Rechtswissenschaften absolviert sie an der Universität Wien, es folgten Masterstudien in Führung, Politik & Management (FH Campus Wien) sowie in Digital Transformation (FH BFI Wien).

Tätigkeiten nach Ausbildung:

Juristin Abteilung Vertragspartner Spitäler | Hauptverband der österr. Sozialversicherungsträger | März 2003 – August 2003

Projektleiterin Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention | Hauptverband d. österr. Sozialversicherungsträger | August 2003 – April 2008

Stellvertretende Abteilungsleiterin IT-Organisation | Hauptverband d. österr. Sozialversicherungsträger | April 2008 – Jänner 2014

Referentin des Bundesministers | Bundesministerium f. Gesundheit | Jänner 2014 – Juli 2014

Leiterin Abteilung Versorgungsmanagement & Netzwerkmanagerin Competence Center Integrierte Versorgung d. Sozialversicherung | Österreichische Gesundheitskasse (vormals Wiener Gebietskrankenkasse) | August 2014 – April 2022

Managing Director | Future Health Lab GmbH | Mai 2022 – aktuell

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