Werner Ruppitsch: Im Kampf gegen Keime

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Autor: Michael Krassnitzer

Die Forschung nach neuartigen Antibiotika ist milliardenteuer und renditenarm. Der Innsbrucker Mikrobiologe Werner Ruppitsch erklärt im Interview die Gründe für die schaumgebremste Forschungsdynamik und zeigt mögliche Auswege.

Wie realistisch ist es, dass eines Tages Antibiotika gegen viele Erreger wirkungslos werden?
Werner Ruppitsch: Das ist durchaus realistisch. Nicht umsonst zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO Antibiotikaresistenzen zu den zehn größten Bedrohungen für die Gesundheit der Menschheit. Auch in Österreich gibt es bereits jetzt immer wieder einzelne Fälle, in denen man es mit Erregern zu tun hat, die resistent gegen alle Antibiotika sind.

Negativer Trend.
Weltweit nehmen die Fälle fruchtloser Antibiotika-behandlungen zu. Für die Pharmaindustrie ist die teure Forschung nach neuartigen Antibiotika wenig attraktiv. Arzneien, die nur in Extremfällen zum Einsatz kommen, sind wenig renditeträchtig.

Wie ist denn die generelle Situation in Sachen multiresistenter Keime in Österreich?
Das Problem ist bei uns nicht so groß wie in anderen Ländern. Wir haben das ganz gut im Griff. Aber wir leben in einer globalen Welt, und da kommen immer wieder mal Erreger ins Land, gegen die kein Antibiotikum mehr verfügbar ist.

Wie drängend ist das Problem?
Prinzipiell gibt es keinen dramatischen Anstieg. Bei manchen Enterobakterien wie E. coli oder Klebsiella ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Dafür stellen andere Erreger, die vor einigen Jahren noch problematisch waren – zum Beispiel der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) –, im Moment kein großes Problem dar. Nach der COVID-Pandemie ist es insgesamt zu einem Anstieg von Infektionskrankheiten gekommen. Dieser kann jedoch darauf zurückgeführt werden, dass das Immunsystem der Bevölkerung aufgrund der COVID-Maßnahmen schlecht trainiert war und viele Menschen daher einfach empfindlicher waren gegenüber ganz gewöhnlichen Keimen. In Österreich haben wir jedenfalls ein relativ gutes Überwachungssystem, bei dem vieles über die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit läuft. Und wenn wir Probleme sehen, dann kann man relativ gut und schnell reagieren.

Auf der Weltantibiotika-Woche 2025 wurde die Suche nach neuen Waffen gegen Antibiotikaresistenzen ausgerufen. Was sind die Hoffnungsgebiete?
Derzeit wird oft versucht, mehrere Antibiotika gleichzeitig einzusetzen – in der Hoffnung, dass diese Kombination an Wirkstoffen wirksam ist. Die Entwicklung neuer Antibiotika ist nur noch sehr eingeschränkt möglich. In den letzten 70 Jahren wurden so gut wie alle in der Natur vorkommenden antibiotischen Wirkstoffe erforscht und gegebenenfalls zu antibiotischen Medikamenten entwickelt. Die WHO listet 90 neue Antibiotika auf, die in der Testung bzw. Zulassung sind – nur zwei davon haben einen neuen Wirkmechanismus. Auch die Möglichkeiten, diese Naturstoffe zu modifizieren, sind größtenteils ausgeschöpft. Zusätzlich wird die Lage dadurch erschwert, dass es wirtschaftlich uninteressant ist, neue Antibiotika zu entwickeln.

Wie das?
Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet mehrere Milliarden Euro. Etwaige neue Antibiotika, gegen die es noch keine Resistenzen gibt, würden jedoch sinnvollerweise nur als Last-Resort-Präparate eingesetzt. Das heißt: nur dann, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Da dies nur relativ selten der Fall ist, zahlt sich die Entwicklung eines solchen Medikaments für die Unternehmen nicht aus, und sie lassen die Finger davon. Es gibt Firmen, denen die Entwicklung neuer Antibiotika den Bankrott eingebracht hat.

Werner Ruppitsch ist seit April 2025 Professor für Antibiotikaresistenzen und mikrobielle Genomik am Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Davor war der gebürtige Kärntner bei der Bundesagentur für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (AGES) maßgeblich am Aufbau einer der größten Genomdatenbanken beteiligt. In Innsbruck fokussiert er sich verstärkt auf die Erforschung von antibiotikaresistenten Keimen, Krankenhauskeimen und die Erfassung, Sequenzierung und Typisierung von Mikroorganismen unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz.

Als eine weitere Möglichkeit, resistente Keime zu bekämpfen, gelten Bakteriophagen – also Viren, die ausschließlich Bakterien angreifen. Was hat es damit auf sich?
Das ist ein hervorragender Ansatz, weil Bakteriophagen sehr spezifisch auf Bakterien oder Bakterienspezies wirken. Meines Wissens aber gibt es in Europa derzeit noch keine Anwendung. Eine Herausforderung bei Bakteriophagen ist, dass sie im Körper sowohl gezielt als auch in ausreichender Menge und Konzentration an die Infektionsorte gebracht werden müssen, um dort wirksam zu werden. Das ist nicht so einfach.

Welche Ansätze gibt es noch in der Abwehr multiresistenter Keime?
Eine der wichtigsten Maßnahmen ist, Antibiotika möglichst sparsam einzusetzen. In Österreich müssen sie ärztlich verschrieben werden, aber es gibt nach wie vor Länder, wo Antibiotika einfach in der Apotheke gekauft werden können. Aber sogar in Österreich gibt es frei erhältliche Medikamente gegen Halsschmerzen, Husten oder Schnupfen, die in niedriger Dosierung antibiotisch wirksame Sub­stanzen enthalten. Hier wäre meines Erachtens ein Eingreifen der Gesundheitspolitik angebracht. Wir müssen auch von der unspezifischen Breitband-Behandlung wegkommen. Statt also auf Medikamente zu setzen, die gegen eine große Bandbreite verschiedener Bakterien­arten gleichzeitig wirken, sollte man besser ein Mittel einsetzen, das spezifisch auf den im konkreten Fall vorliegenden Erreger wirkt.

Was tragen Patienten zur Entwicklung von Resistenzen bei?
Zwei Drittel der Antibiotika werden im niedergelassenen Bereich verschrieben. Da gibt es – anders als im Krankenhaus – keine Möglichkeit zu kontrollieren, ob die Therapie korrekt durchgeführt wird. Antibiotika müssen ja über einen längeren Zeitraum – oft eine Woche oder zehn Tage – eingenommen werden; viele Patienten beenden die Therapie aber schon nach ein paar Tagen, sobald es ihnen besser geht. Wenn zu diesem Zeitpunkt aber immer noch Bakterien vorhanden sind, dann führt dies zu einer schleichenden Resistenzentwicklung. Auch die persönliche Hygiene spielt eine wichtige Rolle. Dazu zählen einfache Maßnahmen im täglichen Leben, wie etwa das Händewaschen mit Seife, wenn man in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war.

Wie lässt sich die Awareness für die Problematik der Antibiotikaresistenzen – sowohl bei den Ärzten als auch bei den Patienten – erhöhen?
Ein Arzt möchte natürlich einem Patienten Gutes tun. Leider passiert es nach wie vor, dass etwa bei Schnupfen Antibiotika verschrieben werden. Das sollte eigentlich nicht mehr vorkommen – natürlich mit der Ausnahme, wenn es im Anschluss zu einer Bakterieninfektion kommt. Man muss aber auch versuchen, die Bevölkerung mit einzubeziehen. Das ist aus meiner Sicht bisher vernachlässigt worden. Man müsste den Menschen im Sinne eines One-Health-Konzepts erklären, dass die Problematik weit über die Humanmedizin hinausreicht. Ihnen muss klargemacht werden, dass Antibiotika sorgsam verwendet werden müssen und man sich mit einer unnötigen Einnahme der künftigen Verteidigungsfähigkeit gegen Erreger beraubt.

Was verändert die Technologie der Künstlichen Intelligenz in der Antibiotikaforschung?
Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, neue Substanzen bzw. die Wirksamkeit von neuen Substanzen in der Vortestung schneller zu identifizieren. Wir beginnen gerade an der Universitätsklinik in Innsbruck, die Genomsequenzierung zu etablieren. Damit lassen sich unter anderem aus der DNA von Mikroorganismen deren Resistenzmechanismen herauslesen. Da es sich dabei um riesige Datenmengen handelt, liegt es nahe, Künstliche Intelligenz einzusetzen. Wir sind natürlich nicht die Einzigen, die das versuchen. Wenn es klappt, könnte es die Diagnostik insgesamt günstiger machen. Es tut sich also viel in diesem Bereich.