Fugenlos gegen Keime

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Autor: Josef Ruhaltinger

In Kliniken sind Bodenqualität und Hygiene untrennbar verbunden. Seit der Pandemie rückt das Thema stärker in den Fokus. Robo-Reiniger, Design und Akustik heißen die anderen Herausforderer.

Dass Hände und Flächen in Krankenhäusern gründlich desinfiziert werden, macht jeder Binsenweisheit Ehre. Dass auch der Boden zur Keimverbreitung beitragen kann, ist dagegen erst in den vergangenen Jahren stärker ins Bewusstsein gerückt. „Früher hieß es: Der Boden ist hygienisch kaum relevant. Heute wird er zunehmend als Reservoir für Krankheitserreger und als bislang unterschätzter Faktor bei der Ausbreitung von Keimen betrachtet“, sagt Bettina Haffelder, Vice President Sales nora DACH, dem weltweit größten Hersteller von Kautschukböden in Kliniken. Die sogenannte Cross Contamination, also die Keimverschleppung über Rollen, Schuhe oder Reinigungsgeräte, ist ständiges Thema von Fach­diskussionen. Für Gesundheitseinrichtungen war Infektionskontrolle lange vor der Pandemie ein zentrales Kriterium bei der Bodenauswahl. In diesem Marktsegment zählt Hygiene laut Haffelder zu den wichtigsten Entscheidungsargumenten überhaupt – deutlich stärker als etwa im Bildungsbau oder im allgemeinen Wirtschaftsbau. Verschärft wird die Aufmerksamkeit durch schlechte Erfahrungen mit ungeeigneten Materialien: Bilden sich bei nicht materialbeständigen Belägen Blasen oder Löcher, werden Betreiber sensibler und fragen künftig gezielter nach Nachweisen zur Desinfizierbarkeit und Materialverträglichkeit.

Mit einem Lächeln
bei der Arbeit.
Die Wahl der Böden beeinflusst die Arbeitsatmosphäre einer Abteilung stark. Design und Akustik spielen dabei eine große Rolle. Hygiene ist Voraussetzung.

Was einen hygienischen Boden ausmacht

Ein zentraler, aber oft übersehener Faktor ist dabei nicht der Belag selbst, sondern die Fuge. Klassische PVC- beziehungsweise Vinylböden müssen verfugt werden, weil das enthaltene Weichmacher-Material nur physikalisch, nicht chemisch in den Materialmix eingebunden ist und über die Nutzungsdauer hinweg emittiert. Der Belag schrumpft dadurch, Fugen reißen mit der Zeit auf – und bieten Keimen einen idealen Nährboden, wenn sie nicht regelmäßig gewartet werden. Kautschukböden lassen sich dagegen über einen sogenannten Doppelnahtschnitt vollständig fugenfrei verlegen, auch über Jahrzehnte hinweg maßstabil. „Charakteristisch für Kautschukbeläge ist ihre Maßstabilität im verklebten Zustand. Daher ist eine Verfugung in der Regel nicht erforderlich. Zudem sind sie frei von bestimmten Weichmachern“, erklärt Haffelder. Neben der Fugenfreiheit spielt die Beständigkeit gegenüber Desinfektionsmitteln eine zentrale Rolle. Diese sind chemisch aggressiv, tropfen von Spendern häufig auf den Boden und dringen möglicherweise in den Belag ein. In der Entwicklungsabteilung von nora floor in Weinheim werden Böden deshalb permanent auf ihre Beständigkeit gegenüber gängigen Flächen- und Handdesinfektionsmitteln geprüft, in enger fachlicher Abstimmung mit den Herstellern der Mittel selbst.

Wirtschaftlich betrachtet wird die Bedeutung hygienischer, langlebiger Böden unterschätzt, weil Bauentscheidungen an den reinen Anschaffungskosten festgemacht werden. Über den gesamten Lebenszyklus gerechnet verschiebt sich das Bild deutlich: Bodenbeläge mit einer Nutzungsdauer von 35 bis 50 Jahren machen bei einem Gebäude in der Regel nur rund zehn Prozent der Gesamtkosten aus – der überwiegende Teil, etwa 90 Prozent, entfällt auf den laufenden Unterhalt. Eine geschlossene, fugenfreie Oberfläche lässt sich dabei deutlich einfacher und kostengünstiger reinigen als eine poröse, die regelmäßig neu beschichtet werden muss.

Digitalisierung der Bodenreinigung

Auch bei den Reinigungstechniken ist etliches im Wandel. Automatisierte Reinigungsgeräte liefern in der Regel ein gleichmäßigeres, hochwertigeres Ergebnis als rein manuelle Verfahren – flächendeckend im Einsatz sind sie allerdings noch nicht überall. Während in Deutschland weiterhin viel manuell gereinigt wird, ist man in Österreich laut Martina Hoock, Senior Segment Manager bei nora DACH und Spezialistin für das Gesundheitswesen, bereits deutlich stärker maschinell unterwegs, „was zu sehr guten Ergebnissen führt“. Noch einen Schritt weiter gehen vollautonome Reinigungsroboter und fahrerlose Transportsysteme, die bereits seit über 20 Jahren in einzelnen Krankenhäusern zum Einsatz kommen – möglich unter anderem, weil strapazierfähige Böden ein wiederholtes Befahren derselben Bahnen erlauben. Die eigentliche Hürde liegt laut Hoock weniger in der Technik als in der praktischen Umsetzung im laufenden Betrieb. „Solange die Station leer ist, ist alles machbar. Aber sobald Patientinnen und Patienten auf der Station sind, lassen sich Räume und Flächen nicht mehr ohne weiteres sperren.“

Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut beschäftigen sich intensiv mit dieser Frage; grundsätzlich sei maschinelle Unterstützung für die Reinigungsqualität aber immer zu begrüßen.

Im großen Bild.
nora-Floor-Managerinnen Bettina Haffelder (li) und Martina Hoock raten Klinikbetreibern, nicht in Anschaffungskosten, sondern in Gesamtkosten zu denken. Unterhalts-, Reinigungs- und Wartungskosten gehören von Beginn an eingepreist.

Akustik als Arbeitsplatzfaktor

Neben Hygiene und Reinigung rücken zunehmend weitere Kriterien in den Blick: Akustik und Ergonomie. Pflegepersonal legt im Klinikalltag durchschnittlich mindestens sechs Kilometer pro Tag zurück – ein Aspekt, der bei der Bodenplanung zu wenig Beachtung findet. Elastische Beläge bieten ergonomische Vorteile gegenüber härteren Materialien und reduzieren gleichzeitig den Trittschall spürbar, was sich unmittelbar auf das Arbeitsklima auswirkt. Auch beim Design spielt der Boden eine belastbare Rolle. Als größte zusammenhängende Fläche eines Raums prägt er dessen Wahrnehmung maßgeblich mit – ein Zusammenhang, der unter dem Begriff „Healing Environment“ zunehmend wissenschaftlich untersucht wird. Natürliche Optiken, etwa Holzdekore, sind in Kliniken gefragt, weil sie eine wohnlichere Atmosphäre schaffen und die Aufenthaltsqualität für Patientinnen und Patienten verbessern.

Aus Sicht von Haffelder und Hoock tun Krankenhausbetreiber gut daran, nicht in Anschaffungskosten, sondern in Gesamtkosten zu denken. In der Praxis bedeutet das, Unterhalts-, Reinigungs- und Wartungskosten von Beginn an in die Planung einzupreisen. Ergänzend raten die Expertinnen, bei der Materialwahl konsequent auf Nachweise zu Desinfektionsmittelbeständigkeit und hygienischer Unbedenklichkeit zu bestehen. Fugenfreiheit muss ebenso mitgedacht werden, um potenziellen Keimherden vorzubeugen. So verringern sich Infektionsrisiken und Folgekosten – über die gesamte, oft jahrzehntelange Nutzungsdauer eines Klinikbodens hinweg. 

nora und der Interface-Konzern

nora systems mit Sitz in Weinheim ist der weltweit führende Anbieter von Kautschuk-Bodenbelägen. Das Unternehmen produziert seit 1950 elastische Böden und gehörte bis 2007 zur deutschen Freudenberg-Gruppe. Nach einem MBO erwarb der US-amerikanische Bodenbelaghersteller Interface, Inc. (Atlanta, Georgia, 3.500 Mitarbeiter) 2018 nora systems für rund 420 Millionen US-Dollar. Am Stammsitz Weinheim arbeiten aktuell rund 880 Mitarbeitende. Weltweit ist nora in über 80 Ländern präsent.

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