WHO: Zweifel an der Weltgesundheit

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Autor: Heinz Brock

Die WHO hat seit ihrer Gründung im Jahre 1948 beispiellose Erfolge für die Gesundheit der Weltbevölkerung erzielt. Der Austritt der USA verschärft ihre Finanzierungsprobleme und die Abhängigkeit von freiwilligen Spenden stürzt sie in Interessenskonflikte.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika übt scharfe Kritik an der Weltgesundheitsorganisation. Es ist absehbar, dass er der Organisation die Unterstützung seines Landes entziehen wird. Bereits 2020 wollte er die USA aus der WHO austreten lassen. Seine Amtszeit endete aber vor dem Ablauf der festgeschriebenen einjährigen Wartefrist und Joe Biden machte den Austritt rückgängig. In seiner zweiten Präsidentschaft war Trump schneller und machte gleich an seinem ersten Tag im Amt mit einer „Executive Order“ ernst. Nicht überraschend sind seine Argumente – die USA würden für die Mitgliedschaft zu viel bezahlen und hätten zu wenig Einfluss auf Entscheidungen. „Die WHO hat uns abgezockt“, sagt Trump. Tatsächlich zahlte keiner der 193 anderen Mitglied­staaten annähernd so viel wie die USA: etwa so viel wie die beiden nächst­größeren Geber-Nationen Großbritannien und Deutschland zusammen und beinahe viermal so viel wie China. Und der Einfluss Chinas auf die WHO ist nach Trumps Meinung unverhältnismäßig groß.

„Güldener“ Käfig.
Die WHO „hat uns abgezockt“, meint der gegenwärtige US-Präsident. Tatsächlich haben die USA bisher viermal so viel wie China beigetragen. Daher sei der Einfluss Chinas auf die WHO nach Trumps Meinung unverhältnismäßig groß.

Die Folgen des Austritts der USA aus der WHO sind unabsehbar, weil ihr damit gut ein Zehntel der Finanzmittel wegbrechen. Die US-Beiträge flossen zum großen Teil in Programme, die Gesundheitssysteme stärken sollen oder in Pandemic-Preparedness-Initiativen, welche künftig wohl gekürzt werden müssten. Aber nicht nur die finanzielle Lücke, sondern auch der Braindrain durch den Austritt der USA wird zum Problem für die WHO. Renommierte Institutionen wie die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) werden mit ihrer Expertise dem WHO-Netzwerk für die Erarbeitung seiner globalen Empfehlungen und Standards nicht mehr zur Verfügung stehen.

Nachteile könnten sich jedoch auch für die USA selbst ergeben, da die CDC und andere Institutionen formal keinen Zugang zu WHO-Datenbanken hätten, was die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen behindern würde. Und geopolitisch könnte durch den Rückzug der USA der Einfluss von China in Afrika, Lateinamerika und anderen Ländern noch zunehmen, wenn der bisherige Hauptakteur bei Themen der Weltgesundheitsversammlung, der Hauptversammlung der WHO, nicht mehr präsent ist. Ob und wie der von Präsident Trump per Dekret erklärte Austritt schließlich die rechtlichen Instanzen durchlaufen kann, wird sich im Laufe dieses Jahres herausstellen. Immer deutlicher zeigt sich aber, dass Trump nicht das einzige Problem der WHO ist.

Segen und Fluch der Philanthropie

Seit ihrer Gründung im Jahre 1948 befasst sich die WHO als Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit wichtigen Fragen der internationalen Gesundheitspolitik. Bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten konnte mit der Ausrottung der Pocken ein historischer Erfolg erzielt werden. Polio könnte der nächste Meilenstein im Kampf gegen Seuchen sein. In der COVID-19-Pandemie war die WHO in ihrer Kernkompetenz gefordert. Ihr heutiges Aufgabenspektrum umfasst aber nicht nur die Pandemiebekämpfung, sondern auch die Stärkung der Gesundheitssysteme insbesondere im Globalen Süden und Maßnahmen gegen zunehmende klima- und umweltbedingte Gesundheitsrisiken. Sie hat den Auftrag, allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen. In Anbetracht dieser hohen Ziele gilt die Organisation als chronisch unterfinanziert und ist, stärker denn je, von freiwilligen Beiträgen von Staaten und Stiftungen abhängig. 1993 setzten die USA durch, dass die Pflichtbeiträge eingefroren wurden. Deren Anteil am Budget der WHO sank daraufhin kontinuierlich. Von den rund sieben Milliarden US Dollar der Finanzmittel der WHO stammten in der Periode 2024/25 nur 16 Prozent aus den festgelegten Mitgliedsbeiträgen, 77 Prozent hingegen aus freiwilligen, projekt- und themengebundenen Beiträgen. Geldgeber der freiwilligen Beiträge sind Staaten, internationale Organisationen, Stiftungen und Pharma-Unternehmen. Die jeweiligen Spender sehen es als ihr gutes Recht an zu bestimmen, wofür die WHO ihr Geld ausgeben darf und wofür nicht. Mit dieser zunehmenden Abhängigkeit von Spenden verliert aber die WHO die Möglichkeiten, staatliches Handeln weltweit zu verbessern, und unterwirft sich den wirtschaftlichen Interessen von Stiftungen und Konzernen.

Am Beispiel der Gates Foundation, dem wichtigsten Geldgeber der WHO, lässt sich das Dilemma verdeutlichen. Die philanthropische Einstellung von Bill und Melinda Gates soll keineswegs in Zweifel gezogen werden, schließlich hat sie für unzählige Menschen auf allen Kontinenten Unterstützung oder sogar Rettung bewirkt, indem sie Projekte gegen Infektionskrankheiten, für Impfkampagnen und die Bereitstellung von Medikamenten fördert. Für Kritiker, welche das Anlagevermögen der Gates-Stiftung analysiert haben, gilt „pecunia non olet“ jedoch nicht uneingeschränkt. Das Geld für die großzügigen Spenden stammt letztlich aus Aktiengewinnen der Anteile von Coca-Cola, PepsiCo, Unilever, Kraft-Heinz und vielen anderen Konzernen der „Big Food“- und „Big Pharma“-Branche. Je mehr Profite diese Konzerne machen, desto mehr Geld kann die Gates Foundation für die WHO ausgeben, und mit jedem gezielten Programm gegen die gesundheitsschädlichen Aktivitäten der Nahrungs-, Süßgetränke- und Alkoholindustrie würde die WHO die Einnahmen der Gates Foundation schmälern und somit das Spendenaufkommen reduzieren – ein klassischer Interessenkonflikt!

Zusätzlich verlieren die strategischen Ziele der WHO durch die Zweckgebundenheit der freiwilligen Spenden an Bedeutung, was wiederum Kritikern Argumente liefert. Dass die Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 außer Kontrolle geriet, wird als Versagen der WHO gewertet. Die Organisation reagierte viel zu langsam auf die Epidemie. Ein paar Jahre davor wurden der WHO die Gelder für die Vorsorge von solchen Situationen massiv gekürzt von den Mitgliedstaaten, von den Gebern. Sie hatte dann schlicht und einfach kein Geld, um schneller aktiv zu werden.

Die WHO als Feindbild der Verschwörungsszene

Die Narrative der unzureichenden oder, konträr dazu, der überschießenden Reaktionen auf weltbedrohende Gesundheitskrisen werden von politisch höchstrangigen Gegnern der WHO gerne verwendet, um ihre Abneigung gegen multilaterale Organisationen zu argumentieren. Donald Trump hatte in Bezug auf die Corona-Pandemie der WHO vorgeworfen, zu China-freundlich zu sein und damit zur weltweiten Ausbreitung des Virus von China aus beigetragen zu haben. Im Windschatten Trumps ist auch Argentinien aus der WHO ausgetreten. Präsident Milei sagte, Argentinien werde einer internationalen Organisation keinen Eingriff in die nationale Souveränität gestatten. Bezeichnend für die schwierige Lage der WHO ist auch das jahrelange Ringen um einen Pandemievertrag, der bei neuen globalen Gesundheitskrisen chaotische Zustände, wie bei der Corona-Pandemie, verhindern soll. Der Vertrag regelt unter anderem eine geordnete Beschaffung von Schutzmaterial und soll eine faire Verteilung von Impfstoffen sicherstellen. In sozialen Netzwerken, aber auch in einflussreichen Medien wurde hingegen die falsche Information verbreitet, die WHO könne nun bei der nächsten Pandemie Zwangsmaßnahmen anordnen und würde mit dem neuen Vertragswerk faktisch zur mächtigsten Behörde der Welt. In Artikel 22 des Pandemievertrags ist jedoch ausdrücklich festgelegt, dass weder die WHO noch ihr Generaldirektor innerstaatliche Maßnahmen anordnen, Reisebeschränkungen verhängen, Impfungen erzwingen oder Lockdowns anordnen können. Der Vertrag wurde im Mai 2025 von der 78. Weltgesundheitsversammlung angenommen. Er gilt nur in Ländern, die ihn ratifizieren und tritt erst in Kraft, wenn 60 Länder ihn ratifiziert haben. Bis er aber endlich zur Ratifizierung vorgelegt werden kann, sind noch technische Details betreffend den Mechanismus für den Zugangs- und Vorteilsausgleich beim Austausch von Krankheitserregern (Pathogen Access and Benefit Sharing, PABS) zu erarbeiten.

Neben dem immanenten Finanzierungs-Dilemma hat die WHO also ihre strategischen Ziele auch gegen irrationale Unterstellungen und die divergierenden Einzelinteressen der verbleibenden 192 Mitgliedstaaten zu verteidigen, was verdächtig nach „mission impossible“ aussieht. Wohlmeinende Optimisten sehen in der aktuellen Krise der WHO aber auch die Chance für einen Neustart, welcher allerdings ein Kraftakt der internationalen Gemeinschaft wäre. Zum Ersten sollte sich die WHO auf die Entwicklung globaler Fähigkeiten zur Beherrschung von Krankheiten und zur Gesundheitsförderung fokussieren und die Implementierung von Programmen mit oftmals begrenzter Wirksamkeit beenden. Zum Zweiten werden strukturelle organisatorische Veränderungen für eine Steigerung der Effizienz als notwendig erachtet, was das Schreckgespenst der zentralen Weltsteuerung natürlich wieder auf die große Bühne holt.

Die Gründung der WHO folgte dem Wunsch vieler Nationen, die Lehren aus den kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu ziehen. Man wollte eine Organisation schaffen, die die Gesundheit der Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich für die Bekämpfung von Krankheiten und die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt. Die Idee von der friedlichen Welt scheint heutzutage etwas an Attraktivität verloren zu haben. Ob die Länder der Welt zeigen können, wie wichtig ihnen die Weltgesundheit wirklich ist?

Quellen und Links:

Shenglan Tang, Michael Merson. Transforming WHO: incremental reform is no longer sufficient. www.thelancet.com   Vol 407   April 25, 2026

www.britannica.com/topic/Global-Health-Council

www.spiegel.de/ausland/who-was-ist-die-weltgesundheitsorganisation

www.zeit.de/gesundheit/2025-01/usa-who-austritt-donald-trump-finanzen

www.who.int/about/accountability/budget/programme-budget-digital-platform-2026-2027/executive-summary

www.who.int/about/structure

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