Arm- und Handaktivitäten nach Schlaganfall einfach klassifizieren

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: Kabeg

Nach einem Schlaganfall bleiben Arm und Hand häufig beeinträchtigt. Die in der KABEG Gailtal-Klinik Hermagor entwickelte Arm-Hand-Aktivitäten-Skala (AHAS) soll deren Einsatz im Alltag rasch erfassen und die Therapieplanung erleichtern.

Die Rehabilitation von Arm- und Handfunktion zählt zu den zentralen Zielen der Schlaganfallrehabilitation. Mit der Arm-Hand-Aktivitäten-Skala (AHAS) steht nun ein einfaches und aktivitätsbasiertes Instrument zur Verfügung, das eine rasche und verständliche Einschätzung von Arm-und Handaktivitäten im klinischen Alltag ermöglicht. Arm-Hand-Paresen gehören zu den häufigsten und folgenschwersten Langzeitbeeinträchtigungen nach Schlaganfall. Einschränkungen beim Greifen, Halten und Manipulieren von Gegenständen beeinflussen die Selbstständigkeit im Alltag sowie die soziale Teilhabe erheblich. Für die Therapieplanung und Verlaufskontrolle in der Neurorehabilitation stehen zwar zahlreiche Assessments zur Verfügung, deren routinemäßiger Einsatz im klinischen Alltag ist jedoch häufig durch Zeitaufwand, Schulungsbedarf und komplexe Interpretation limitiert. Während mit den Functional Ambulation Categories (FAC) seit Jahrzehnten eine etablierte und leicht verständliche Klassifikation der Gehfähigkeit existiert, fehlte bislang ein vergleichbares System zur Beschreibung von Arm-Hand-Aktivitäten. Aus diesem Bedarf heraus wurde die Arm-Hand-Aktivitäten-Skala in der Gailtal-Klinik entwickelt.

Einordnung.
Bislang fehlte eine anerkannte und leicht verständliche Klassifikation von Arm-Hand-Aktivitäten nach einem Schlaganfall – diese Lücke soll die in der Gailtal-Klinik entwickelte Arm-Hand-Aktivitäten-Skala schließen.

ICF-basierte Kategorisierung der Arm-Hand-Aktivitäten

Die AHAS orientiert sich an der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) und fokussiert auf die Aktivitäts- und Partizipationsebene. Die Skala umfasst fünf Kategorien: „keine Aktivitäten“, „Fixierarm/-hand“, „Haltearm/-hand“, „Hilfsarm/-hand“ sowie „Funktionsarm/-hand“.

Im Gegensatz zu umfangreichen Messinstrumenten steht nicht die detaillierte Quantifizierung einzelner motorischer Funktionen im Vordergrund, sondern die praxisnahe Beschreibung des tatsächlichen Einsatzes des betroffenen Armes im Alltag. Dies ermöglicht eine gemeinsame Sprache für das behandelnde interprofessionelle Team.

Die psychometrischen Eigenschaften der AHAS wurden in mehreren Untersuchungen evaluiert. Dabei zeigte sich eine hohe Verständlichkeit der Kategorien über unterschiedliche Berufsgruppen hinweg sowie eine gute bis exzellente Interrater-Reliabilität. Darüber hinaus konnten starke Zusammenhänge mit etablierten Assessments wie dem Fugl-­Meyer-Assessment für die obere Extremität und dem Action Research Arm Test (ARAT) nachgewiesen werden.

Besonders relevant für die klinische Anwendung ist die nachgewiesene Veränderungssensitivität. Im Rahmen eines vierwöchigen stationären neurorehabilitativen Settings konnten signifikante Verbesserungen von Arm-Hand-Aktivitäten anhand der AHAS erfasst werden. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial der AHAS als Instrument zur Verlaufskon­trolle und zur Unterstützung klinischer Entscheidungsprozesse.

Beitrag zur Versorgungsqualität

Eine wesentliche Herausforderung in der neurologischen Rehabilitation besteht darin, funktionelle Einschränkungen der oberen Extremität berufsgruppenübergreifend einheitlich zu beschreiben und daraus zielgerichtete therapeutische Maßnahmen abzuleiten. Unterschiedliche Assessments und Terminologien erschweren oftmals die Kommunikation innerhalb interprofessioneller Teams.

Die AHAS adressiert dieses Problem durch eine klar definierte und alltagsnahe Kategorisierung von Arm-Hand-Aktivitäten. Analog zu den Functional Ambulation Categories ermöglicht sie eine rasche Einordnung des aktuellen tatsächlichen Aktivitätsniveaus. Darüber hinaus unterstützt die Skala die transparente Formulierung von ICF-basierten Therapiezielen, die strukturierte Verlaufsdokumentation sowie die Kommunikation mit Patient*innen und Angehörigen. Gleichzeitig eröffnet die standardisierte Beschreibung von Arm-Hand-Aktivitäten neue Möglichkeiten für Qualitätsentwicklung, Outcome-Messung und Benchmarking innerhalb neurologischer Rehabilitationseinrichtungen.

Ausblick: der nächste Schritt in Richtung Implementierung

Nach erfolgreicher Entwicklung und Validierung steht nun die Überführung der AHAS in die klinische Versorgung im Mittelpunkt. Im Oktober 2026 startet eine multizentrische Studie in neurologischen Rehabilitationszentren in Österreich. Ziel ist die Untersuchung der Veränderungssensitivität, Praktikabilität und klinischen Anwendbarkeit der Skala. Langfristig soll die AHAS als standardisiertes, ICF-basiertes Instrument zur Beschreibung von Arm-Hand-Aktivitäten nach Schlaganfall etabliert werden. Durch eine einheitliche Terminologie und eine alltagsorientierte Bewertung funktioneller Fähigkeiten könnte sie künftig einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung, zur Harmonisierung rehabilitativer Dokumentation sowie zur Verbesserung der interprofessionellen Kommunikation in der österreichischen Neurorehabilitation leisten.  

Autorin:

Christina Hebenstreit, MSc
Junior Researcher, Physiotherapeutin
KABEG Gailtal-Klinik Hermagor,
Neurologische Rehabilitation

Quellen und Links:

Hebenstreit C, Binter M, Wissel J, Fheodoroff K (2026): Establishing Levels of Arm-Hand Activities in Stroke Patients: The Arm-Hand-Activities-Scale (AHAS). Journal of Rehabilitation Medicine, 58: jrm44414.

Kwakkel G et al. (2017): Standardized measurement of sensorimotor recovery in stroke trials: consensus-based core recommendations from the Stroke Recovery and Rehabilitation Roundtable. International Journal of Stroke, 12: 451–461.

World Health Organization (2001): International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF). WHO, Geneva.

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