Roman Praschberger: „Groß denken und es probieren“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Roman Praschberger erforscht, warum manche Nervenzellen neurodegenerativen Erkrankungen besser widerstehen als andere. Im Interview spricht er über neue Forschungsmethoden, molekulare Resilienzmechanismen und die Bedeutung des ERC Starting Grants für seine Arbeit.

Herr Praschberger, Sie sind Mediziner mit einem Bachelor in Philosophie. Eine ungewöhnliche Kombination. Wie kam es dazu?
Roman Praschberger: Das Interesse an Philosophie entstand schon in der Schule durch einen sehr guten Lehrer. Als ich Medizin studierte, habe ich aus Interesse zusätzlich philosophische Lehrveranstaltungen besucht. Letztlich waren das so viele Kurse, dass es logisch war, auch das Bachelorstudium Philosophie abzuschließen.

Warum?
Ich wollte immer schon wissen: Was steckt hinter den Dingen? Dieses Denken prägt mich bis heute, auch als Wissenschaftler und Humangenetiker.

Warum sterben bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder ALS bestimmte Nervenzellen ab, während andere im selben Gehirn widerstandsfähig bleiben? Diese Forschungsfrage ist rund 100 Jahre alt. Welche Antworten finden Sie heute, die früher nicht möglich waren?
Entscheidend sind neue Technologien. Mit der Einzelzell-RNA-Sequenzierung können wir aus singulären Zellen molekulare Profile erstellen. Dadurch sehen wir in einem bisher nicht möglichen Detailgrad, welche Nervenzellen bei neurodegenerativen Erkrankungen betroffen sind und welche widerstandsfähig bleiben. Ich verbinde diese Methode mit genetisch sehr genau kontrollierten Modellen im Gehirn der Fruchtfliege. Dort können wir mehr als 200 verschiedene Nervenzell­typen parallel untersuchen und beobachten, wie sie auf Neurodegeneration verursachende toxische Proteine reagieren. Die Ergebnisse können wir mit bioinformatischen Verfahren auf das menschliche Gehirn projizieren und anschließend experimentell überprüfen. Oft sind es neue Methoden, die fundamentale neue Einsichten ermöglichen.

Roman Praschberger leitet als Assistenzprofessor das Neurogenetik-Labor am Institut für Humangenetik der Medizinischen Universität Innsbruck. Er erhält vom Europäischen Forschungsrat (ERC) einen der begehrten Starting Grants in Höhe von 1,5 Mio. Euro zur Erforschung von vulnerablen und resilienten Nervenzellen.
Der Mediziner und Philosoph promovierte am University College London und forschte anschließend am VIB-KU Leuven Center for Neuroscience. Sein Schwerpunkt liegt auf Resilienzfaktoren bei neurodegenerativen und neurogenetischen Erkrankungen.

Was wollen Sie nach fünf Jahren Forschung wissen, das wir heute noch nicht wissen? Was ist das Forschungsziel?
Ich möchte verstehen, welche molekularen und zellulären Faktoren Nervenzellen widerstandsfähiger gegen den toxischen Stress machen, der bei neurodegenerativen Erkrankungen auftritt. Das ist zunächst Grundlagenforschung, hat aber eine starke translationale Perspektive. Wenn wir die Mechanismen der Resilienz verstehen, können wir überlegen, wie wir sie therapeutisch nutzen können. Von einer solchen Erkenntnis bis zu einer neuen Therapie ist es allerdings ein sehr langer Weg.

Was sind die Voraussetzungen für einen ERC Starting Grant?
Man braucht eine solide wissenschaftliche Expertise. Typischerweise erwirbt man die während eines PhD und anschließend in der postdoktoralen Forschung, häufig in starken Forschungsgruppen und Instituten. Für mich waren meine Stationen am University College London und am VIB-KU Leuven Center for Neuroscience in Leuven entscheidend.

1,5 Millionen Euro klingt zunächst nach sehr viel Geld. Was lässt sich damit tatsächlich bewegen?
Der Grant ermöglicht mir, diese Forschungsfrage mit einem Team und modernen Technologien zu bearbeiten. Wir können wichtige Impulse für zukünftige Forschung setzen. Das wäre sonst nicht möglich. Für anspruchsvolle Life-Science-Projekte braucht man erhebliche finanzielle Ressourcen. Außerdem ist die Teuerung in der Wissenschaft deutlich spürbar. Daher sind 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre kein endloser Geldsegen. Man muss Prioritäten setzen.

Wofür wird das Geld konkret eingesetzt?
Ein wesentlicher Teil fließt in den Aufbau meines Teams. Ich werde junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen re­krutieren, die gemeinsam mit mir an diesen Fragen arbeiten. Dazu kommen die Reagenzien für unsere Experimente, die sehr kostspielig sind. Mein eigenes Gehalt muss nicht aus dem Grant finanziert werden. Ich bin bei der Universität angestellt.

Was bedeutet der ERC Starting Grant für Sie persönlich?
Ich kann meine eigenen wissenschaftlichen Ideen verwirklichen. Außerdem hilft der Grant sehr bei der internationalen Sichtbarkeit unserer Arbeit. Das eröffnet die Möglichkeit, daraus weitere Forschungsfragen und Projekte zu entwickeln.

Gibt es einen Rat an junge Forscher?
Denkt an die großen wissenschaftlichen Fragen. Und bewerbt euch. Nur wenn man es probiert, bekommt man die Chance, eine derartig Förderung zu bekommen.

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