Der neue Reha-Plan 2025: Das große Wunschkonzert

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Autor: Michael Krassnitzer

Der Bedarf an Rehabilitation ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Betreiber warten mit Spannung auf den neuen Rehabilitationsplan 2025, der im Herbst vorgestellt wird. Die Wunschliste ist lang.

Der demographische Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen, die Verbesserung der Behandlungsmethoden in der Akutmedizin: All das führt dazu, dass der Bedarf an Rehabilitation in Österreich kontinuierlich steigt. „Die Ressourcen haben nicht im selben Ausmaß wie der Bedarf zugenommen“, konstatiert Christian Wiederer, Medizinischer Geschäftsleiter der Klinikum Austria Gesundheitsgruppe und Präsidiumsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR).

Da trifft es sich gut, dass im Herbst der neue Reha-Plan 2025 vorgestellt wird. Das im Auftrag des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger erstellte Programm ist das Rückgrat des österreichischen Reha-Systems. In diesem zentralen Steuerungsinstrument finden sich die Bedarfsschätzung und die Angebotsplanung für die stationäre und ambulante Rehabilitation der Phase II. Alle fünf Jahre wird der österreichische Reha-Plan evaluiert und neu erstellt. Die ÖKZ hat sich daher umgehört, welche Nachbesserungen und Adjustierungen aus Sicht der Betreiber von Rehabilitationseinrichtungen vorgenommen werden sollten: Die orten einen großen Veränderungsbedarf.

Betroffen sind vor allem die Indikationen Stütz- und Bewegungsapparat, Neurologie, Psychiatrie, Kinder- und Jugendheilkunde. Aber auch auf anderen Gebieten wie etwa den Herzkreislauf-Erkrankungen gebe es trotz deutlich verbesserter Medikationen steigenden bzw. sich ändernden Bedarf, wie Wiederer erklärt: „Oft geht es dabei nicht um die Grunderkrankung, sondern um die psychischen Begleiterscheinungen oder wie mit oft chronifizierten Krankheiten generell umgegangen werden soll.“

Außer Takt.
Der Reha-Plan 2025 wird für die kommenden fünf Jahre die Investitionen im Rehabilitationsbereich steuern. Die vielen Wünsche der Betreiber ergeben eine lange Liste.

„Gewisse Notwendigkeit“

Für die Erstellung der Reha-Pläne ist die Gesundheit Österreich GesmbH (GÖG) zuständig. Daniela Reiter, verantwortliche Projektleiterin für Rehabilitation in der Abteilung Planung und Systementwicklung, räumte in einem früheren ÖKZ-Interview lediglich ein, dass es „eine gewisse Notwendigkeit der regionalen Umverteilung“ gebe. In den Rehabilitations-Indikationsgruppen Bewegungs- und Stützapparat sowie Rheumatologie, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und in der Indikationsgruppe Zentrales und peripheres Nervensystem gebe es Bedarf in den Versorgungszonen Ost (Niederösterreich, Wien und nördliches Burgenland) und West (Vorarlberg, Tirol), während in den Versorgungszonen Süd (Kärnten, Steiermark, südliches Burgenland) und Nord (Oberösterreich, Salzburg) ein Bettenüberschuss zu verzeichnen sei.

Doch mit einer regionalen Verschiebung von Plätzen wird es wohl nicht getan sein. Wiederer ist überzeugt, dass es einen Ausbau der Bettenzahl geben muss. „Je früher die Reha, desto besser die Prognose“, stellt der Mediziner klar. Durch eine Erhöhung der Bettenkapazitäten könnte die Wartezeit zur Überbrückung zwischen Akutkrankenhaus und Rehabilitation minimiert werden. Auf dieser Weise würde der Therapieprozess nicht unterbrochen und eine bessere Rehabilitationsprognose erreicht werden. Dies gilt in besonderem Maß für die neurologische Rehabilitation. Denn je mehr Zeit ungenutzt zwischen dem Ende der Akutbehandlung und der neurologischen Rehabilitation verstreicht, desto geringer ist der Effekt der Reha. Ausgerechnet dort jedoch sind die Wartezeiten „extrem lang“, wie Wiederer bekräftigt. Auch bei der Rehabilitation des Bewegungs- und Stützapparates sei eine Erhöhung der Bettenanzahl „vordringlich“.

Unterm Strich geht es ums Geld. Der Rechnungshof erhob in einem Ende November des Vorjahres veröffentlichten Bericht für 2022 1,077 Milliarden Euro, die in stationäre und ambulante medizinische Rehabilitationsverfahren geflossen sind. Den Großteil davon, 74 Prozent, finanzierte die Pensionsversicherungsanstalt (PVA). Der Bedarf ist dabei nach oben geschnellt: Zwischen 2003 und 2022 verdreifachte sich die Anzahl der Verfahren der PV. Verantwortlich sind der Dachverband der Sozialversicherungsträger, die PV und die Österreichische Gesundheitskasse. Die Grundsatzentscheidungen zu Organisation und Umsetzung trifft die PV, weil auf sie die meisten Rehabilitationsverfahren entfallen. Aktuell zählt der Rechnungshof 94 private Vertragseinrichtungen zur medizinischen Rehabilitation und 17 von der PVA.

In Hinblick auf den neuen Reha-Plan ist das Feilschen in der Kinder- und Jugendlichen-Rehabilitation am intensivsten. Die Wahrnehmung der Betreiber und Zahler über die Höhe der Tagessätze „differiert“, wie es einer der Beteiligten vornehm ausdrückt. „Wir mussten in den fünf Jahren seit der Eröffnung unserer Kinder-Reha-Einrichtungen feststellen, dass Kinder und Jugendliche in der effektiven Rehabilitation sehr viel aufwendiger und kostenintensiver sind als Erwachsene“, bekräftigt Stefan Günther, einer der Geschäftsführer der Klinikum Austria Gesundheitsgruppe. Weil nur jedes 40. Reha-Bett für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehe, seien die Gesamtkosten für die Volkswirtschaft bei einem aufwandsadäquaten Tagsatz sehr überschaubar.

Persönlichere Betreuung.
Christian Wiederer, Medizinischer Geschäftsleiter der Klinikum Austria Gesundheitsgruppe, wünscht sich eine individuellere Form der Rehabilitation. Das wäre allerdings mit mehr Personaleinsatz verbunden.

Zuweisungen haben zugenommen

Aufholbedarf gibt es auch bei der psychiatrischen Reha. Die Zahl der Zuweisungen habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, bestätigt Karin Reiter-Prinz, Geschäftsführerin von pro mente Reha: „Wir haben sehr lange Wartezeiten von acht bis zehn Monaten.“ So lange müssen die Patienten nach der Zuweisung durch Fach- und Hausarzt und nach der Genehmigung durch den Pensionsversicherungsträger warten, bis sie einen Reha-Platz in einer der sieben von pro mente Reha betriebenen Einrichtungen bekommen. Bei anderen Trägern sei es nicht anders, fügt die Geschäftsführerin hinzu. Sie wünscht sich daher eine österreichweite Aufstockung der Plätze – nicht nur im ambulanten, sondern auch im stationären Bereich. Denn ambulante psychiatrische Reha hat sich zwar unter bestimmten Voraussetzungen bewährt, kommt aber nur für Patienten infrage, die in der Nähe einer ambulanten Betreuungseinrichtung wohnen.

Reiter-Prinz würde sich auch Adaptionen bei der Finanzierung der ambulanten psychiatrischen Rehabilitation wünschen. Derzeit ist es so, dass jeder Patient einzeln abgerechnet wird. Wenn Patienten aber nicht zur Reha erscheinen – was bei psychiatrischen Patienten durchaus vorkommen kann – dann geht der Träger leer aus, weil er den ungenutzten Therapieplatz nicht auf die Schnelle an einen anderen Patienten vergeben kann. Die Lösung wäre eine zumindest teilweise Basisfinanzierung der Therapiegruppen in der ambulanten Reha.

Ein weiteres Problem der psychiatrischen Rehabilitation ist der akute Mangel an Fachärzten für Psychiatrie. Zu wenige Medizinerinnen und Mediziner entscheiden sich für eine entsprechende Facharztausbildung. Die Zahl der Absolventen sinkt, viele Ausbildungsplätze bleiben mangels Interessenten unbesetzt. Reiter-Prinz würde es begrüßen, wenn der Reha-Plan diesem Umstand Rechnung trage. Der Hebel, an dem man hier ansetzen kann, ist die Strukturqualität. So ist im Reha-Plan festgelegt, welche Berufsgruppe wofür zuständig ist. „Man müsste einen kreativen Prozess anstoßen, um Elemente der psychiatrischen Reha zu identifizieren, die auch von anderen Berufsgruppen übernommen werden können“, schlägt die pro-mente-Reha-Geschäftsführerin vor.

Nicht alle sind bereit, ihre Erwartungen und Wünsche an den Reha-Plan 2025 zu offenbaren. In der Pensionsversicherungsanstalt fand sich niemand, der Zeit für ein Gespräch mit der ÖKZ hatte. Die PV ist größter Zahler im System und wichtiger Betreiber zahlreicher Reha-Einrichtungen. Auch Christian Breitfuß, Geschäftsführer VAMED care Österreich, gibt sich sehr zurückhaltend. „Wir sehen aktuell besonders hohe Belegzahlen in der Orthopädie und einen großen zukünftigen Bedarf in den Bereichen der psychosozialen und der neurologischen Rehabilitation“, sagt er diplomatisch. Je eher den Patienten ein Platz in der Rehabilitation zur Verfügung gestellt werde, umso besser für die Patienten und für das gesamte Gesundheitssystem: „Wenn der Rehabilitationsplan 2025 das sicherstellt, hat er seinen Zweck erfüllt.“ Ziel müsse es sein, den Zugang zu Rehabilitation für die Patientinnen und Patienten zu vereinfachen und Wartezeiten zu verkürzen. Immerhin lässt er sich zu der Aussage hinreißen, dass ambulante Rehabilitation forciert werden müsse. Die Zahl der ambulanten Verfahren habe sich innerhalb von fünf Jahren verdoppelt. „Der große Vorteil der ambulanten Rehabilitation ist, dass sie wohnortnahe und familienfreundlich erfolgt und auch berufsbegleitend durchgeführt werden kann“, erläutert Breitfuß. Überdies seien im Vergleich zu einer stationären Rehabilitation die Kosten einer ambulanten Versorgung um ein Drittel geringer.

Aus medizinischer Sicht hingegen sei eine ambulante Rehabilitation oft nicht die optimale Variante, wendet Wiederer ein: Die stationäre Rehabilitation habe für die meisten Patienten den Vorteil, dass sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausgenommen werden. „Haus- und Care-Arbeit fallen für den Zeitraum von drei bis fünf Wochen weg“, erläutert er. „Die Patienten können sich ganz auf ihre Gesundheit konzentrieren.“ Außerdem sei die ambulante Rehabilitation für die Patienten nicht überall in einer vertretbaren Zeit erreichbar.

Mehr Flexibilität

Die Betreiber wünschen sich in bestimmten Punkten auch eine Lockerung bei den Leistungsprofilen. Günther würde sich über mehr Flexibilität freuen, um auf die konkreten Bedürfnisse der Patienten reagieren zu können: „Nicht immer ist die Hauptdiagnose das größte Problem unserer Patienten.“ Wiederer schlägt in dieselbe Kerbe: „Wir wollen die Rehabilitation noch individueller gestalten können.“ Auch die gängige Beurteilung der Effektivität einer Rehabilitation nach durchgeführten Therapieminuten sei problematisch: Jeder Patient habe sein persönliches individuelles Rehabilitationsziel. Ausschließlich die Erreichung dieses Zieles sollte zur Beurteilung des Rehabilitationserfolgs herangezogen werden.

Der volkswirtschaftliche Nutzen der Rehabilitation ist jedenfalls unstrittig. „Die Rehabilitation ist der kostengünstigste Weg, nachhaltig die Ergebnisse der Akutbehandlung zu optimieren und Menschen in den Alltag zu reintegrieren“, betont Wiederer. Wenn durch Reha-Maßnahmen eine schnelle Rückkehr ins Arbeitsleben bzw. die Verhinderung von Folgeschäden erreicht wird, rechnet sich Reha oft bereits innerhalb einiger Monate. Auch Breitfuß hebt den volkswirtschaftlichen Nutzen hervor und beruft sich dabei auf eine Untersuchung, dass in Österreich jeder in Rehabilitation investierte Euro etwa zwei bis vier Euro an Einsparungen im Gesundheitswesen und an wirtschaftlichen Vorteilen zurückbringt. 

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