Die heimischen Spitäler haben alle Hände voll zu tun, weil der IT-Konzern SAP seine Patientenmanagement-Software IS-H einstellt. Nun droht weiteres Ungemach mit den Anbietern von hochspezialisierter Krankenhaussoftware namens KIS.
Die Situation in Österreich wäre an sich vergleichsweise gut. Aber mit den neuen harten Einschlägen, die die KIS-Hersteller angekündigt haben, schaut die Lage wieder anders aus.“ Walter Schinnerer, Fachvorstand der Vereinigung der Deutschsprachigen SAP-User (DSAG) in Österreich, hat derzeit gemischte Emotionen, wenn er an die Herausforderungen denkt, mit denen die IT-Verantwortlichen der heimischen Spitäler derzeit konfrontiert sind.
Angefangen hat alles mit einer Entscheidung des deutschen Softwareriesen SAP, seine Software IS-H schrittweise aus dem Betrieb zu nehmen: SAP hat angekündigt, bis Ende 2027 den regulären Support und bis Ende 2030 den aufpreispflichtigen Extended Support für die Software einzustellen. Diese Ankündigung kam im Herbst 2022. Sie schlug damals wie eine Bombe bei den Spitalsbetreibern ein. Denn eine Umstellung dieser Größenordnung ist so kompliziert wie die Operation eines Oberschenkelhalsbruchs – sie dauert nur deutlich länger: Es geht um Jahre. Die Vorbereitungen laufen seitdem auf Hochtouren (die ÖKZ berichtete mehrfach, zuletzt in der Ausgabe 08-09/2023).

Verwaltungstechnisches Nirwana.
Ohne IS-H können keine Patientinnen oder Patienten aufgenommen werden, keine Leistungen beschrieben, keine Entlassungen vollzogen und keine Abrechnungen durchgeführt werden.
95 Prozent betroffen
Betroffen sind hierzulande praktisch alle öffentlichen Krankenhäuser und damit 95 Prozent der Patienten. Das Dumme: Die Bedeutung von IS-H für den Spitalsbetrieb ist kaum zu überschätzen. Über das leistungsstarke Programm werden die gesamte Administration der Patientendaten und die höchst komplexe Patientenabrechnung abgewickelt. „Ohne IS-H können keine Patientinnen oder Patienten aufgenommen werden, keine Leistungen beschrieben, keine Entlassungen vollzogen und keine Abrechnungen durchgeführt werden“, so DSAG-Mann Schinnerer. In anderen Worten: Ohne IS-H geht nichts.
Damit nicht genug. Es kann noch komplizierter werden: IS-H ist in zwei Dritteln der Häuser eng mit i.s.h. med verknüpft. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Krankenhausinformationssystem (KIS), mit dem die medizinischen Daten der Patienten erfasst werden – von der Anamnese über die Therapie bis zur Nachbehandlung. Das Programm wurde ursprünglich von SAP entwickelt und läuft daher auf der Technologie des Hauses. Es gehört aber mittlerweile Mitbewerber Oracle, der einen Nachfolger auf den Markt bringen will. Die Folge: Die Spitäler brauchen auch ein neues KIS.
Es kommt aber noch besser: IS-H und i.s.h. med sind eng mit dem Kernprodukt von SAP verknüpft. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes ERP-System. Mit ihm steuern Unternehmen die Finanzbuchhaltung, die Kostenrechnung und die Materialwirtschaft. Das alte ERP von SAP soll nun durch das neue Programm S/4 Hana ersetzt werden. Mit diesen drei Transformationsprojekten haben die Krankenhäuser nun alle Hände voll zu tun – ganz abgesehen von der Aufrechterhaltung des Regelbetriebs und dringend notwendigen Investitionen in Cybersecurity und Telemedizin. „Wir stehen vor einigen Herausforderungen“, formuliert es der IT-Manager eines Spitals mit milder Ironie.
Immerhin – und damit schließt sich der Kreis zum Befund von DSAG-Vertreter Schinnerer –: Die Situation in Österreich schaut etwas besser aus als in Deutschland. Denn bei der IS-H-Umstellung gibt es einen Lichtblick: Die Österreich-Tochter des deutschen IT-Anbieters T-Systems entwickelt derzeit einen IS-H-Nachfolger. Das Gute daran: T-Systems Austria war in der Vergangenheit bereits der Lokalisierungspartner für IS-H in Österreich und der Schweiz und ist mit dem Programm bestens vertraut. Das Softwarehaus plant, IS-H so zu adaptieren, dass es auf der neuen S/4 Hana-Architektur von SAP laufen kann. „Die Migration der Daten auf ein neues System entfällt mit dieser Lösung. Damit wird zumindest die IS-H-Problematik ein Stück weit entschärft“, meint Schinnerer.
Die meisten setzen auf T-Systems
Das T-Systems-Programm soll ab Anfang 2026 zur Verfügung stehen. An einem IS-H-Nachfolger, der auf S/4 Hana läuft, arbeitet zudem das deutsche Softwarehaus GITG. Beide Anbieter nehmen dem Vernehmen nach an einer Ausschreibung für die IS-H-Nachfolge teil, die derzeit von der staatlichen Bundesbeschaffung GmbH (BBG) durchgeführt wird. Sie soll bis zum 15. Juni 2025 abgeschlossen werden. Dann können die heimischen Spitalsbetreiber auf Basis der vereinbarten Konditionen in Detailgespräche mit den Anbietern treten. Christian Neubauer, IT-Leiter bei den Barmherzigen Brüdern, geht davon aus, „dass mehr als 90 Prozent der Häuser sich für die T-Systems-Lösung entscheiden werden.“
Die BBG führt allerdings noch eine zweite Ausschreibung durch, die im dritten Quartal abgeschlossen werden soll. An dieser Ausschreibung nehmen Anbieter teil, die eine IS-H-Nachfolgelösung anbieten, die nicht auf SAP-Technologie basiert. Zu den potenziellen Kandidaten zählen große Softwarehäuser wie Dedalus oder CGM. Sie sind bestens im Gesundheitswesen vertreten. Es ist aber nicht bekannt, ob sie an dem Verfahren tatsächlich teilnehmen.
Beide Anbieter sind vor Kurzem in die Kritik der DSAG geraten – ebenso wie die DTHS, eine deutsche Schwestergesellschaft von T-Systems Austria. Die Unternehmen werden namentlich für die „harten Einschläge“ verantwortlich gemacht, die der DSAG die Stimmung verderben. Alle drei bieten sowohl Patientenmanagementsysteme wie IS-H als auch KIS an. „Zentrale Anbieter wie CGM, Dedalus und DTHS“ planen, „die Anbindung von Abrechnungslösungen anderer Hersteller nicht zu unterstützen“, so der Vorwurf der DSAG in einem Statement. Dies würde bedeuten: Spitäler, die sich für ein KIS dieser Hersteller entscheiden, müssen sich auch bei der Nachfolge von IS-H für ein Patientenmanagementsystem des gleichen Herstellers entscheiden.

Krisenzustand.
Walter Schinnerer, Fachvorstand der Vereinigung der Deutschsprachigen SAP-User (DSAG) in Österreich, vertritt Anwender und Unternehmen, die die großen Betriebssysteme installieren. Die von SAP ausgelöste Krisensituation lässt Interessen kollidieren.
Das Ende droht
Es gibt ja noch die anstehende Umstellung auf die neue S/4 Hana-Architektur von SAP. Die Krankenhäuser müssen sich laut DSAG nun fragen, „wie die SAP-S/4 Hana-Einführung mit einem KIS, das mit einem eigenen ERP-System kommt, abbildbar“ sei. Außerdem würden Standard-Schnittstellen wie FHIR, die gesetzlich für Abrechnungslösungen gefordert seien, fehlen, so DSAG-Vertreter Pfeil. Das erschwere es Krankenhäusern, auf wirtschaftlich sinnvolle Alternativen zu setzen.
Die angesprochenen KIS-Anbieter können die Besorgnis der deutschen Anwendervereinigung erwartungsgemäß nicht teilen. T-Systems Austria verweist darauf, dass man das neue IS-H-Nachfolge-Programm als „offenes System mit standardisierten Schnittstellen“ konzipiert habe. Dies ermögliche die „Anbindung aller gängigen KIS-Systeme“. DSAG-Österreich-Vertreter Schinnerer bestätigt das, ergänzt aber: „In Deutschland fährt T-Systems allerdings einen anderen Ansatz.“
Bei CGM will man von den Vorwürfen ebenfalls nichts wissen: „GCM schließt keine anderen Abrechnungslösungen aus. Zudem investieren wir massiv in FHIR-basierte Schnittstellen und nutzen diese selbstverständlich“, heißt es. „Unsere Systeme sind offen für eine Anbindung an Abrechnungssysteme von Mitbewerbern.“ DSAG-Mann Schinnerer zeigt sich über diese Klarstellung erfreut: „In den bisherigen Gesprächen“ habe sich die Sachlage anders dargestellt. „Umso erfreulicher ist die Nachricht, dass CGM in FHIR-basierte Schnittstellen investiert und diese nutzt.“
Und auch Dedalus, Marktführer mit 900 Kunden im KIS-Geschäft in Deutschland, weist die Kritik von sich: Die unterstellte „Absicht, Marktvielfalt einzuschränken und Interoperabilität zu behindern, ist eine Sichtweise, die wir nicht nachvollziehen können“, meint das Unternehmen in einem schriftlichen Statement gegenüber der ÖKZ. Wer die Marktmechanismen und technologischen Anforderungen im KUR-Bereich kenne, wisse, dass es sich um ein „hochkomplexes“ Feld handle. Als Anbieter eines Systems wie Orbis – das KIS von Dedalus – mit mehr als 5.000 Schnittstellen sei Dedalus „integraler Bestandteil eines vielfältigen, vernetzten IT-Ökosystems“ im deutschsprachigen Gesundheitsmarkt. „Insofern überrascht uns die pauschale Unterstellung mangelnder Offenheit.“
DSAG-Vertreter Schinnerer hofft auf die Anpassungen: „Dass Dedalus mit seinem System Orbis zahlreiche Schnittstellen zu anderen Anbieterlösungen bietet, ist unbestritten. Stand jetzt fehlt allerdings immer noch die entscheidende Schnittstelle zu Abrechnungssystemen anderer Hersteller.“
Fristverlängerung bitte
Die IT-Manager der heimischen Spitäler beobachten gespannt, wie sich die Situation in den kommenden Monaten weiterentwickelt. Das Gleiche gilt für eine Entscheidung, die sie sich vom deutschen Software-Konzern SAP wünschen, der mit seinem Entschluss, der Gesundheitsbranche den Rücken zu kehren, die komplexe Problematik vor knapp drei Jahren losgetreten hat. Experten wie DSAG-Mann Schinnerer befürchten, dass die Kapazitäten bei den Softwarehäusern nicht ausreichen werden, um bis Ende 2027 die Umstellung auf die neuen Programme durchzuführen. Zur Erinnerung: Ende 2027 läuft der aufpreisfreie Support für IS-H aus. Die Spitalsbetreiber fordern, dass SAP diese Frist bis 2030 verlängert. Der Konzern hat bislang nicht auf diese Forderung reagiert.
Quellen und Links:
Gesundheitswirtschaft: Hoffnung für die heimischen Spitäler: Wer ist der neue Anbieter, der den Software-Riesen SAP ablösen kann?
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/64-jg-2023-8-9/hoffnung-fuer-die-heimischen-spitaeler-wer-ist-der-neue-anbieter-der-den-software-riesen-sap-abloesen-kann
Gesundheitswirtschaft: SAP: Und tschüss!
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/64-jg-2023-8-9/hoffnung-fuer-die-heimischen-spitaeler-wer-ist-der-neue-anbieter-der-den-software-riesen-sap-abloesen-kann
DSAG: Nach IS-H-Aus: DSAG kritisiert KIS-Hersteller für eingeschränkte Wahlfreiheit bei Krankenhaus-IT
dsag.de/presse/dsag-kritisiert-kis-hersteller-fur-eingeschrankte-wahlfreiheit-bei-krankenhaus-it

