Bislang verrichteten fahrerlose Transportsystem ihre Arbeit ohne jeden Patientenkontakt. Das ändert sich nun: Kleine, wendige Maschinen sollen jetzt auch auf die Stationen fahren. Eine stammt aus Linz. Ihr Name: Sally.
Sally hat einen klaren Auftrag. Um acht Uhr muss das Sterilgut am Zimmer sein. Sie macht sich zügig auf den Weg: raus aus dem Aufzug, links den Gang hinunter zur Station, dann nach rechts, ungefähr 20 Meter weiter, die vierte Tür auf der rechten Seite, fast geschafft. Vor ihr geht ein älterer Herr mit Krücken. Er sieht sie nicht und läuft ihr direkt vor die Füße. Sally bleibt sofort stehen. Nichts passiert. Der Mann hat sie nicht einmal bemerkt.
Situationen wie diese passieren Sally immer wieder. Sie heißt mit vollem Namen Sally Kurier. Und noch genauer genommen hat sie keine Füße, sondern Rollen. Das liegt daran, dass sie ein Roboter ist – und zwar ein sogenannter Autonomer Mobiler Roboter (AMR). Sally wird in Spitälern eingesetzt, um einzelne Gegenstände wie Medikamente, Sterilgut, Dokumente, Laborproben und Instrumente zu transportieren. Das Besondere an Sally und ihren Kolleginnen und Kollegen: Sie sind in der Lage, sich selbstständig in Bereichen zu bewegen, in denen sich auch Patienten und Besucher aufhalten.

R2D2 und seine Cousins.
Der Sally Kurier transportiert
kleinere Lasten wie Medikamente oder sterile Instrumente.
Er nutzt dabei auch Aufzüge oder schmale Gänge.
Kein Neubau ohne FTS
Das ist neu. Fahrerlose Transportsysteme – kurz FTS – sind in vielen Krankenhäusern seit vielen Jahren im Einsatz. „Es gibt im deutschsprachigen Raum praktisch keinen größeren Krankenhausneubau mehr ohne FTS“, sagt Stefan Nickel, Sprecher des Instituts für Operations Research am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Vorstand des FZI – Forschungszentrum Informatik. Die Fahrzeuge übernehmen Aufgaben, die früher Mitarbeiter ausgeführt haben – etwa den Transport von Essen, Medikamenten, Wäsche oder Müll. Aber im Unterschied zu Sally und ihren smarten Brüdern und Schwestern verrichten die FTS ihre Arbeit in eigenen Versorgungsgängen. Ohne Kontakt mit Patienten oder Besuchern, gelenkt durch eine zentrale Leitsteuerung, bringen sie Container von A nach B.
Das Prinzip ist einfach und effektiv: In der Küche, Apotheke oder dem Versorgungszentrum wird ein Container beladen, ein Transportauftrag ausgelöst, und das Fahrzeug macht sich auf den Weg. Es fährt autonom unter den Container, hebt ihn an, nutzt Aufzüge und bringt das Transportgut an den vorgesehenen Übergabepunkt – meist vor der jeweiligen Station. Dort übernimmt das Stationspersonal die Verteilung. Später holt das System das Leergut ab und bringt es zurück. Auch automatische Reinigungsstationen für die Transportcontainer gehören mittlerweile zur Routine. Es initiiert weniger Personalaufwand, reibungslose Prozesse, reduzierte Lagerbestände, mehr Übersicht und weniger Fehler. „FTS erhöhen die Effizienz und helfen, die Abläufe zu stabilisieren“, meint Logistikexperte Nickel.
Vor allem aus Sicherheitsgründen wurde den fahrenden Robotern bislang allerdings der Zutritt zu den Stationen untersagt – die FTS sind zu groß, ihre Sensorik nicht ausgefeilt genug. Das ändert sich nun. Die nächste Stufe der Automatisierung beginnt: Kleine, wendige und intelligente AMR wie Sally, die mit besserer Sensorik und Kameratechnik als klassische FTS ausgestattet sind, sollen nun auch vermehrt in die Stationen fahren dürfen. „Wir stehen hier am Anfang einer neuen Entwicklung“, sagt Günter Ullrich, langjähriger Experte für Kliniklogistik und Leiter des Forum-FTS.

„Es gibt im deutschsprachigen Raum praktisch keinen größeren Krankenhausneubau mehr ohne FTS“, erklärt Stefan Nickel vom Karlsruher Institut für Technologie.
Sally aus Linz
Sally Kurier wird von dem Linzer Unternehmen DS Automotion hergestellt, einer mittlerweile 100-Prozent-Tochter des deutschen Logistik-Spezialisten SSI Schäfer. Die kompakte Artgenossin der Kamerahelden R2/D2 und C3PO ist rund 60 Zentimeter breit, 90 Zentimeter lang und knapp 1,80 Meter hoch. Ausgestattet mit Fächern und gesicherten Schubladen transportiert sie kleinere Güter wie Medikamente oder Verbrauchsmaterialien auf die Stationen. Über eine IT-gesteuerte Zugriffskontrolle ist sichergestellt, dass nur berechtigtes Personal die Inhalte entnehmen kann. „Unsere Systeme erkennen selbstständig Personen oder Hindernisse und reagieren flexibel – anders als klassische FTS, die in solchen Fällen einfach stehen bleiben würden“, erklärt Markus Gartner, Vertriebsverantwortlicher bei DS Automotion. „Die Fahrzeuge orientieren sich autonom im Gebäude, folgen dabei keiner starren Route, sondern passen sich der Umgebung an – etwa, wenn ein Infusionsständer im Gang steht oder eine Besuchergruppe den Weg blockiert.“
Der kleine Roboter aus Linz ist bereits in Frankreich und in Kanada im Einsatz. In Deutschland oder Österreich noch nicht. Doch es tut sich etwas. Logistik-Experte Nickel ist an einem Projekt im Rahmen eines Krankenhausneubaus in Deutschland beteiligt, das 2029 in Betrieb gehen soll. Dort werden Szenarien für den Einsatz von AMR geprüft. Eine Möglichkeit: Ein FTS bringt die Lieferung bis vor die Station. Dort übernimmt ein AMR die Ware und fährt weiter ins Schwesternzimmer oder gar bis vor das Patientenzimmer. „Technisch wäre es sogar denkbar, Tabletts direkt neben dem Bett abzustellen – vorausgesetzt, es ist baulich vorgesehen“, so Nickel. Ob und wie weit das tatsächlich umgesetzt wird, ist noch offen.
Doch der Weg in die Station ist mit Hürden gepflastert. Denn, obwohl die Technik weit fortgeschritten ist, stellen sich vor allem sicherheitstechnische, rechtliche und praktische Fragen. „Der Roboter muss mit dem wuselnden Treiben auf der Station zurechtkommen, es braucht Sicherheitsabstände, spezielle Sensorik – und man muss genau wissen, wie das Gerät in welcher Situation handelt“, betont FTS-Experte Ullrich. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den vulnerablen Gruppen: Kindern, älteren Menschen, Patient*innen mit eingeschränkter Wahrnehmung oder Mobilität. Ein dünner Infusionsständer, ein auf dem Boden krabbelndes Kind – das sind Herausforderungen, die klassische Sensorik oft nicht erkennt.
Noch zurückhaltend
Deshalb werden in den neuen AMR zusätzliche Sicherheitsmechanismen verbaut: 3D-Kameras, präzise Abstandssensoren, redundante Bremssysteme. Hinzu kommt die Frage der Verantwortung und Akzeptanz: In Ländern wie Kanada, Dänemark oder Schweden zeigt man sich offener und experimentierfreudiger – in Österreich und Deutschland ist man zurückhaltender. „Bei uns gibt es derzeit keine klaren rechtlichen Normen für den Einsatz im öffentlichen Bereich“, erklärt DS Automotion-Manager Gartner. Und es gibt noch weitere Details, die zu klären sind. Dazu zählt die Übergabe der Lieferung. Denn auch der modernste Roboter kann das Tablett nicht anreichen oder dem Patienten das Wasser einschenken. „Für viele Anwendungsfälle braucht es weiterhin menschliches Personal – oder zumindest klar definierte Schnittstellen“, meint Nickel und verweist auf einen weiteren Aspekt: „Ein AMR kann Pflegerinnen oder Pfleger, die mit den Patienten sprechen und medizinischen Sachverstand besitzen, nicht ersetzen.“
Trotz aller Herausforderungen sind sich die Experten einig: Der Trend zur Automatisierung in der Krankenhauslogistik wird anhalten – vor allem mit Blick auf den zunehmenden Personalmangel. „FTS und AMR können helfen, Routinetätigkeiten zu übernehmen, die keine medizinische Expertise erfordern“, sagt FTS-Fachmann Ullrich. „Damit bleibt dem Pflegepersonal mehr Zeit für die Betreuung der Patienten.“ Wichtig sei dabei, die Systeme sinnvoll zu integrieren – technisch, organisatorisch und architektonisch. Denn was auf dem Papier gut aussieht, kann in der Realität schnell vor Hürden stoßen: Besucherinnen, die Aufzüge blockieren, Transportwege, die durch neue Bauvorgaben eingeschränkt werden, oder Prozesse, die am Ende doch nicht zusammenpassen. DS Automotion-Mann Gartner ist davon überzeugt, dass die AMR auf Dauer nicht aufzuhalten sind: „Wenn erste Referenzen geschaffen sind und die Systeme ihre Praxistauglichkeit beweisen, wird der Markt wachsen.“
Quellen und Links:
DS Automotion:
www.ds-automotion.com/de
Forum FTS:
forum-fts.com
Institut für Diskrete Optimierung und Logistik:
dol.ior.kit.edu/index.php
