Florian Krammer: „Angst ist keine gute Basis für Diskussionen“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Pandemien sind ein wiederkehrendes Risiko globaler Gesellschaften, ist der Virologe Florian Krammer überzeugt. Er erklärt, warum klare Szenarien und eine wohlüberlegte Kommunikation für eine glimpfliche Krisenbewältigung entscheidend sind.

Florian Krammer schafft es, den Tag 36 Stunden haben zu lassen. Der aus X, vormals Twitter, und vielen Podcasts bekannte Virologe – früher hieß das Film und Fernsehen – hat die Leitung des im Sommer 2025 gestarteten Ludwig Boltzmann Instituts für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge übernommen (LBI SOAP für Science Outreach and Pandemic Preparedness).

Schon im Frühjahr 2024 hatte der Schüler des berühmten österreichstämmigen Virologen Peter Palese eine Teilzeitprofessur an der MedUni Wien angetreten. Nebenbei baut Krammer das neue Ignaz Semmelweis Institut auf, um es – nach seinen eigenen Worten aus einem früheren ÖKZ-Interview – zu „einer weltweit angesehenen Institution zu entwickeln, die im Bereich der Pandemic Preparedness internationale Standards setzt“. Um es nicht zu vergessen: Krammer verfügt auch noch über eine Teilprofessur an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York.

Geringe Lerneffekte.
Florian Krammer will neue Impfstoffe nicht nur erforschen, sondern deren Sinnhaftigkeit vermitteln. Er bleibt aber skeptisch, was die Lehren aus der Pandemie anbelangt.

Seine jüngste Leitungsfunktion am LBI SOAP hat der Virologe übernommen, um – nach seinen Worten – „das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken“. Krammer machte sich während der COVID-Zeit mit zahllosen Tweets und vielen Fernsehinterviews zu einem anerkannten Pandemieerklärer, dessen Expertise in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurde als in der Politik.

Ein zentraler Schwerpunkt des neuen Instituts nützt Krammers Kommunikationsfähigkeit: Das LBI SOAP forscht daran, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie für die breite Öffentlichkeit und für Entscheidungsträger verständlich werden. Ergänzt wird dies durch internationale Forschungsarbeit, die Analyse globaler Gesundheitsentwicklungen und den Aufbau neuer Kommunikationsinstrumente. LBI SOAP arbeitet an Strategien für künftige Pandemien. Denn diese werden kommen: Allein in den vergangenen hundert Jahren kam es weltweit zu vier Influenza-Pandemien, mehreren schweren Cholera- und Ebola-Ausbrüchen, zur anhaltenden HIV/AIDS-Pandemie sowie zur COVID-19-Pandemie. Vor diesem Hintergrund gilt eine weitere Pandemie nicht als absehbare Entwicklung, sondern als Gewissheit.

Prof. Krammer, Sie sind jetzt seit nahezu zwei Jahren wieder in Österreich wissenschaftlich aktiv. Wie geht es Ihnen mit der Rückkehr ins österreichische akademische Leben – nach den vielen Jahren im US-amerikanischen Wissenschaftssystem?
Florian Krammer: Sehr gut. Am Anfang läuft natürlich vieles langsamer an, das ist ganz normal. Mittlerweile haben wir aber konkrete Projekte, funktionierende Abläufe und ein gutes Team. Es sind viele motivierte Leute da, und wir bringen Dinge weiter.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie zusätzlich zu Ihren vielen Aufgaben auch den Vorstand des LBI SOAP übernommen haben?
Ich bin ja eigentlich kein klassischer Wissenschaftskommunikator. Ich bin da eher hineingewachsen, vor allem durch die Pandemie. In New York hatten wir 2020 schon vor COVID ein Projekt, bei dem wir gemeinsam mit Schülern Viren in urbanen Vogelpopulationen untersucht haben. Das war klassische Feldforschung, aber gleichzeitig Science Outreach. Wir mussten mit Medien kommunizieren, mit der Stadt, mit Schulen. Daraus haben sich ganz automatisch Fragen ergeben: Wie erklärt man Forschung? Wie spricht man über Risiken? Wie nimmt man Menschen mit, ohne zu vereinfachen oder zu dramatisieren? Der Ansatz beim LBI SOAP ist breiter und systematischer, und genau das hat mich gereizt.

Was will das neue LB-Institut genau?
Beim LBI SOAP geht es einerseits um Virusüberwachung, also darum, welche Viren in einer Stadt wie Wien zirkulieren. Andererseits geht es um Kommunikation und darum, wie man die Bevölkerung sinnvoll einbindet. Besonders spannend ist, dass wir eine Bildungspsychologin im Team haben, die wissenschaftlich untersucht, welche Kommunikationsstrategien funktionieren und welche nicht. Diese systematische Auswertung hatten wir in früheren Projekten nicht, und das ist aus meiner Sicht ein großer Fortschritt.

Gibt es Überschneidungen mit Ihrer Arbeit im Ignaz Semmelweis Institut?
Im Ignaz Semmelweis Institut liegt der Fokus stärker auf Technologien. Da geht es um Impfstoffe, therapeutische Ansätze und darum, wie man Pandemien oder bestehende Infektionskrankheiten medizinisch bekämpfen kann. Das ist deutlich klinischer ausgerichtet. Ich würde das nicht als Überschneidung sehen, sondern als Synergie. Die Institute sind organisatorisch getrennt, aber thematisch ergänzen sie sich gut.

Florian Krammer (43)
schloss seine Ausbildung in Biotechnologie 2010 an der Universität für Bodenkultur in Wien ab. Seine Spezialisierung liegt im Bereich der angewandten Virologie. Nach seinem Studium zog es Krammer in die USA, wo er als Post-Doc unter dem österreichischen Virologen Peter Palese an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Krankenhaus in New York arbeitete. Mittlerweile ist Krammer dort Professor für Vakzinologie. Er ist als Vielreisender auch Leiter des Ignaz Semmelweis Institutes und des LBI SOAP in Wien sowie Inhaber einer Professur an der MedUni Wien.

Die Pandemie hat viele Menschen in ihrem Vertrauen in Wissenschaft und Forschung erschüttert. Was ist passiert?
Ich glaube, die große Mehrheit der Menschen hat nach wie vor Vertrauen in Wissenschaft. Gleichzeitig hat die Pandemie eine starke Polarisierung sichtbar gemacht. Es gibt heute Diskussionen, die vor 2020 so nicht vorstellbar waren. Genau deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie Kommunikation funktioniert und wie man Menschen besser einbindet. Das LBI SOAP ist eine Reaktion auf die Beobachtung, dass manche Kommunikationsansätze während der Pandemie nicht gut funktioniert haben.

Was ist kommunikativ schiefgelaufen?
Es gab viele Faktoren. Eine neue, unbekannte und bedrohliche Situation erzeugt Angst, und Angst ist keine gute Basis für rationale Diskussionen. Gleichzeitig kamen Maßnahmen dazu, die als Zwang empfunden wurden. Das erzeugt Widerstand. In solchen Situationen suchen Menschen nach einfachen Erklärungen, die von sozialen Medien verstärkt werden. Es finden Menschen Gehör, die bis dahin keine Resonanz hatten. Dazu kam, dass Falschinformationen oft leichter verständlich waren als differenzierte wissenschaftliche Einschätzungen.

Unterschiedliche Expertenmeinungen haben für die Öffentlichkeit die Orientierung sehr schwer gemacht. Dies lässt sich in einer pluralistischen Medienlandschaft nicht verhindern. Wie geht man damit um?
Die Lautesten werden oft am stärksten gehört. Das sieht man auch beim Klimawandel. Wenn 98 Prozent der Meinungen in eine Richtung gehen, werden jene befragt, die sich gegen den Mainstream stellen. Damit wird man leben müssen. Umso wichtiger ist es, dass seriöse Kommunikation ruhig, nachvollziehbar und konsistent bleibt.

Was bedeutet das für künftige Pandemien?
Wissenschaft kann Daten liefern und Empfehlungen geben, aber Entscheidungen betreffen immer die gesamte Gesellschaft. Da kommen politische, soziale und wirtschaftliche Aspekte ins Spiel. Es braucht klare Pläne für viele Szenarien und einen funktionierenden Dialog zwischen Wissenschaft und Politik. Ziel muss sein, im Ernstfall mit möglichst geringem Schaden durch eine solche Situation zu kommen. Das ist schwierig, aber genau daran arbeiten wir.

Herr Krammer, hat sich in der Pandemie­vorbereitung in den vergangenen Jahren etwas bewegt?
Ich glaube, die Situation hat sich nicht grundlegend verändert. Technisch sind wir deutlich besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren. Wir können heute sehr schnell Impfstoffe entwickeln, wir haben bessere therapeutische Optionen und wissen mehr über Produktionsprozesse. Was aber nach wie vor fehlt, sind wirklich durchdachte, detaillierte Pläne für unterschiedliche Szenarien. Es gibt Pandemiepläne, aber die sind meist sehr grob. Was fehlt, ist das Durchspielen konkreter Situationen: Was passiert bei Szenario A, was bei Szenario B, wer entscheidet was, und auf welcher Basis.

Das heißt, die Lehren aus der Pandemie wurden nur teilweise gezogen?
Genau. Auf der technologischen Ebene hat man viel gelernt. Auf der organisatorischen und politischen Ebene deutlich weniger. Und das ist nicht nur ein österreichisches Problem, das sieht man international.

Wie gut sind wir denn heute auf europäischer oder globaler Ebene vorbereitet?
EU-weit würde ich mir deutlich detailliertere Pläne wünschen. Global sieht es noch schlechter aus. Die Rolle der WHO ist politisch geschwächt, und die internationale Koordination hat schon in der letzten Pandemie nicht besonders gut funktioniert. Wenn heute wieder eine Pandemie ausbrechen würde, wäre es vermutlich sogar schwieriger, Maßnahmen international abzustimmen als noch vor fünf Jahren.

Ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Länder im Ernstfall wieder nationale Schranken hochziehen?
Ja, davon gehe ich aus. Wir haben während COVID einen starken Impfnationalismus gesehen. Im Notfall sichern sich Länder zuerst selbst ab. Das ist nicht besser geworden, eher im Gegenteil. Man hat auch gesehen, dass Reisebeschränkungen oft viel zu lange aufrechterhalten wurden, obwohl sie epidemiologisch wenig Sinn gemacht haben.

Was ist damit gemeint?
Ein gutes Beispiel ist Südafrika. Dort wurde die Omikron Variante sehr früh identifiziert und gemeldet. Anstatt das zu honorieren, wurden Reisebeschränkungen verhängt. Das neue Virus war zu diesem Zeitpunkt längst global verbreitet. Für die Forschung war das extrem hinderlich. Wir hatten große Schwierigkeiten, Virusproben aus Südafrika in die USA zu bekommen, obwohl wir sie dringend gebraucht hätten. Am Ende haben wir das Virus lokal isoliert, bevor wir es offiziell aus Südafrika erhalten konnten. Das zeigt, wie kontraproduktiv manche Maßnahmen waren.

Sind Lockdowns ein geeignetes Instrument der Pandemiebekämpfung?
Das kommt sehr stark auf das Szenario an. Am Anfang einer Pandemie, wenn man wenig über den Erreger weiß, er sich aber schnell ausbreitet und das Gesundheitssystem zu kollabieren droht, kann ein Lockdown sinnvoll sein. In anderen Situationen ist er unnötig oder sogar schädlich. Genau deshalb braucht es detaillierte Planung. Man kann nicht mit einem einzigen Instrument auf alle Erreger reagieren.

Woran macht sich diese Unterscheidung fest?
Ein zentraler Punkt ist die Belastung des Gesundheitssystems. In New York war das zu Beginn von COVID ein massives Problem. Die Intensivstationen waren überlastet, und das hat unmittelbar Menschenleben gekostet. Bei anderen Erregern, etwa Influenza, ist die Dynamik eine andere. Die Übertragbarkeit ist geringer, es gibt etablierte Medikamente, man kennt das Virus besser. Auch die Verläufe sind anders. All das muss man berücksichtigen.

Ein großes Thema war die Skepsis gegenüber Impfstoffen. Die mRNA-Vakzine seien nicht ausreichend erprobt, hieß es häufig. Stimmt das?
Milliarden Menschen haben inzwischen Erfahrungen mit mRNA-Impfstoffen gemacht. Die Technologie ist nicht mehr unbekannt. Es war sicher ein Problem, dass Nebenwirkungen wie Fieber oder Niedergeschlagenheit sehr sichtbar waren. Das hat die Impfbereitschaft nicht gerade befeuert. Ich denke, dass die Akzeptanz bei Influenza-Vakzinen höher ist. Da können wir sehr schnell auf bestehende Impfstofftechnologien zurückgreifen. Diese Technologien gibt es seit Jahrzehnten, sie sind erprobt. Das wird besser akzeptiert werden als eine völlig neue Plattform, wobei die Vorbehalte gegenüber der mRNA-Technologie nach meiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit abnehmen.

Wobei man bestimmte Mitglieder der US-Regierung ausnehmen muss, wie ich glaube. Wenn wir schon dabei sind. Das Weiße Haus sorgt im Wissenschaftsbereich – und nicht nur dort – für große Unruhe. Wie erleben Sie derzeit die Situation an amerikanischen Universitäten?
Die Lage ist auch im Wissenschaftsbereich angespannt, vor allem im Bereich Infektionskrankheiten und Impfstoffforschung. Es wurden Förderungen gestrichen, auch wir waren davon betroffen. Man merkt, dass bestimmte Themen politisch unerwünscht sind. Andere Forschungsbereiche haben weniger Probleme. Das führt dazu, dass viele Forschende unsicher sind, wie es weitergeht.

Hat das konkrete Auswirkungen auf Karrieren und Standorte?
Ja, vor allem für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wer gerade ein eigenes Labor aufbauen will, ist stark von Förderungen abhängig. Wenn diese unsicher werden, überlegen sich viele, ob die USA noch der richtige Ort sind. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der US-Forschung von internationalen Forschenden getragen wird. Diese Menschen fragen sich jetzt, ob sie dorthin gehen sollen oder lieber nach Europa oder in andere Regionen.

Muss man vorsichtig sein bei dem, was man sagt?
Nicht in dem Sinn, dass man sich unter Kolleginnen und Kollegen nicht mehr frei äußern könnte. Kritik ist nach wie vor offen möglich. Was sich geändert hat, ist, wer politische Positionen im Gesundheitsbereich besetzt. Es gibt heute Personen in einflussreichen Funktionen, die sehr kritisch gegenüber Impfungen oder Pandemiemaßnahmen sind. Das prägt den Rahmen, in dem Forschung stattfindet.

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