Pflege mit Matura: Viele Bewerber, begrenzte Plätze

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Autor: Michael Krassnitzer

Die neue Ausbildung an den Höheren Lehranstalten für Pflege und Sozialbetreuung (HLPS) ist bislang eine Erfolgsgeschichte. Die Verbleibsstatistik ist positiv. Von den ersten Absolventen blieben fast alle im Gesundheitsbereich.

Der Mangel an Pflegefachkräften in Österreich ist eklatant. Um den aktuellen Versorgungsstand aufrecht zu erhalten, müssen bis zum Jahr 2030 rund 51.100 Pflege- und Betreuungspersonen nach- oder neubesetzt werden. Bis zum Jahr 2050 sind es rund 196.400 Pflege- und Betreuungspersonen, wie die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) in einer Bedarfsprognose errechnet hat.

Dazu bedarf es klarerweise einer breiten Palette von Maßnahmen. Ein Beitrag zu dieser großen Anstrengung besteht in neuen Formen der Ausbildung. Eines dieser Modelle ist „Pflege mit Matura“: Seit dem Schuljahr 2020/21 können junge Menschen an einer Höheren Lehranstalt für Pflege und Sozialbetreuung (HLPS) die Reifeprüfung absolvieren und zugleich die Berufsqualifikation zur Pflegefachassistenz (PFA) erwerben. Die Absolventen können an Fachhochschulen und Universitäten im In- und Ausland ein Studium beginnen, aber auch bereits nach der Matura in den Berufsalltag einsteigen. Die Ausbildung an diesen berufsbildenden höheren Schulen dauert fünf Jahre. Die HLPS kooperieren dabei eng mit örtlichen Gesundheits- und Krankenpflegeschulen.

Brückenschlag.
Akademische Perspektiven mit Möglichkeiten zum frühzeitigen Geldverdienen kommen den Bedürfnissen vieler Teenager entgegen. Im Bild das Skill Lab (lernen durch Simulation) der Caritas Schule in Wiener Neustadt.

Neue Zielgruppen

„Mit dieser Ausbildung erreichen wir eine ganz andere Zielgruppe als die klassischen Pflegeausbildungen“, betont Susanne Lissy, Leiterin der HLPS Villach, die von der Diakonie getragen wird. Das Angebot richtet sich an Jugendliche nach der achten Schulstufe – also an 14- bis 15-Jährige. Die Jugendlichen werden dabei schrittweise an die Pflege herangeführt. Die erste Bilanz fällt positiv aus: „Die Ausbildung ist ein voller Erfolg“, bekräftigt Lissy. Der Andrang ist groß; es gibt deutlich mehr Interessenten als Ausbildungsplätze. Und die bisherigen Absolventen bleiben fast zur Gänze der Pflege bzw. dem Gesundheitsbereich erhalten, obwohl ihnen ja jede erdenkliche akademische Ausbildung offensteht.

Die HLPS Villach gehörte zu den ersten Schulen dieser Art, die den Betrieb aufgenommen hat. Daher hat der erste Jahrgang mit dem im Vorjahr zu Ende gegangenen Schuljahr die Ausbildung bereits erfolgreich absolviert. Von den 14 jungen Leuten, die die Ausbildung beendet haben, sind bis auf eine Ausnahme alle dem Pflege- bzw. Gesundheitsbereich treu geblieben: Acht Absolventen haben das Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege begonnen, eine Absolventin arbeitet als Pflegefachassistenz, eine hat eine Ausbildung zur Fach-Sozialbetreuung Behindertenarbeit drangehängt und ist bereits in diesem Bereich beruflich tätig, einer bewirbt sich gerade für eine Ausbildung zum Physiotherapeuten; zwei junge Männer leisten derzeit ihren Grundwehrdienst und planen einen jener Studienplätze für das Medizinstudium zu ergattern, die für das Bundesheer reserviert sind. Nur eine Absolventin hat eine ganz andere Richtung eingeschlagen: Sie hat ein Lehramtsstudium in Mathematik und Geographie begonnen. „Unsere Absolventen berichten, dass sie in ihren weiteren Ausbildungen einen großen Vorsprung haben, weil sie in der HLPS bereits so viel gelernt haben“, sagt Lissy. Außerdem kann man sich einiges anrechnen lassen: In Kärnten werden für das Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege zum Beispiel zwei Semester angerechnet, wenn man eine PFA-Ausbildung vorweisen kann.

Die HLPS der Caritas Wien hat ihren Betrieb ein Jahr später aufgenommen, daher wird der erste Jahrgang erst mit Ende des laufenden Schuljahres die Ausbildung abschließen. Daniela Rohm, Leitung Schulen und Ausbildungen Caritas der Erzdiözese Wien, kann allerdings von den ersten Erfahrungen aus anderen HLPS berichten, die die Caritas in Österreich betreibt: Zirka die Hälfte der Absolventen mache mit dem Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege weiter, ein Viertel gehe als PFA direkt in den Pflegeberuf und ein Viertel beginnt ein anderes Bachelorstudium im Bereich Gesundheit. Eine Schülerin des heurigen Jahrgangs zum Beispiel ist fest entschlossen, ein Hebammenstudium an einer Fachhochschule anzugehen, weiß Rohm. Auch sie kann sich dafür Teile ihrer PFA-Ausbildung anrechnen lassen.

Kernpunkt Praktikum

Ein zentraler Baustein der „Pflege mit Matura“ sind die zahlreichen Praktika, in denen die Schülerinnen und Schüler umfassend auf ihre zukünftigen Aufgaben im Pflegeberuf vorbereitet werden. Die ersten finden in Kindergärten, Integrationsklassen oder Integrationseinrichtungen statt, wo sich die Schüler erstmal orientieren und ihre Sozialkompetenzen ausbauen können. Danach folgen Praktika in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Für die Praktika erhalten die Schüler sogar eine Bezahlung, die freilich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. Das Land Kärnten zahlt etwa den Schülern im Nachhinein pro Praktikumsmonat 700 Euro. Die Stadt Wien lässt in zehn von zwölf Monaten eine Ausbildungsprämie von derzeit knapp 200 Euro monatlich springen. Kärnten ist besonders großzügig und übernimmt überdies die Schulgebühr in der Höhe von 170 Euro.

Der erste Jahrgang ist der HLPS Bad Ischl befindet sich derzeit im dritten Ausbildungsjahr, in dem die Schüler und Schülerinnen ihre ersten echten Pflegepraktika absolvieren. Zwei der Praktikantinnen machten ihr erstes Praktikum auf der Unfallstation des Salzkammergut Klinikums Bad Ischl und berichten aus der Praxis. „Ich habe mir davor nicht richtig vorstellen können, was mich erwartet, aber ich bin richtig glücklich. Es hat mir wirklich gut gefallen“, erzählt die 17-jährige Carolin Muhr. „Es ist etwas anderes, nur darüber zu hören oder wirklich dabei zu sein“, sagt ihre Kollegin Mariella Mayer: „Ich war mir zunächst nicht sicher, ob der Pflegeberuf wirklich das Richtige für mich ist. Aber jetzt weiß ich: Ja, das will ich machen.“ Auch Stationsleiterin Manuela Feichtinger, die die jungen Praktikantinnen vom ersten Tag an begleitete, zeigt sich höchst zufrieden: Die Schülerinnen seien sehr engagiert und motiviert und legten große Teamfähigkeit an den Tag: „Man merkt, dass sie wissbegierig und sehr offen sind, obwohl es ihr erstes Praktikum war.“ Feichtinger blickt voller Optimismus in die Zukunft der beiden Nachwuchskräfte.

Ähnliche Erfahrungen hat die Leiterin Schulen und Ausbildungen der Wiener Caritas aus ihrer Perspektive gemacht. „Wir bekommen immer wieder Rückmeldungen, dass unsere Schülerinnen und Schüler, obwohl sie so jung sind, sehr gut vorbereitet in das erste Pflegepraktikum kommen“, sagt Rohm. In die gleiche Kerbe schlägt auch die Leiterin der HLPS Villach: „Unsere Schüler werden bereits während der Praktika mit Jobangeboten überhäuft“, freut sich Lissy.

Platzmangel.
Die Nachfrage nach dem Bildungsformat sprengt das Angebot bei weitem. „Mit dieser Ausbildung erreichen wir andere Zielgruppen als die klassischen Pflegeausbildungen“, unterstreicht die Leiterin der HLPS Villach, Susanne Lissy.

Geld dazu verdienen

An ihrer Schule nämlich gibt es eine Besonderheit: Anders als bei vielen anderen HLPS können hier die Schüler ihre Ausbildung zur Pflegefachassistenz optional bereits nach dem dritten Ausbildungsjahr absolvieren. Das bietet Vorteile in mindestens zweierlei Hinsicht: Zum einen werden damit Schulabbrecher aufgefangen. Nicht jeder Jugendliche will letztlich die Matura machen. Mit einer PFA allerdings haben sie dann eine Ausbildung in der Tasche, mit der sie auf eigenen Füßen stehen können und die ihnen auch weitere Ausbildungswege eröffnet. Tatsächlich arbeiten all jene Schüler, die in Villach ihre Ausbildung zur „Pflege mit Matura“ abgebrochen haben, als Pflegefachassistenzen. Zum anderen erlaubt eine abgeschlossene PFA-Ausbildung den Schülern, sich nebenbei etwas dazu zu verdienen. „Man glaubt nicht, wie viele junge Menschen während der Oberstufe arbeiten müssen, weil ihre Familie nicht genügend Geld hat“, sagt Lissy. Auf diese Weise können sie weitere Erfahrungen im Beruf sammeln, statt zum Beispiel in einem Supermarkt Regale einzuschlichten. Auch die künftige Mathematiklehrerin verdient sich neben dem Lehramtsstudium Geld als Pflegefachassistentin dazu und ist auf diese Weise dem Gesundheitssystem doch nicht ganz verloren gegangen.

Bewerber stehen Schlange

Die Anfänge der neuen Schulform waren holprig. Die allerersten HLPS-Jahrgänge begannen just während der Corona-Pandemie. In dieser Zeit war es für Interessenten nicht einmal möglich, sich die Schule vorher anzuschauen. Außerdem war das neue Ausbildungsmodell damals noch wenig bekannt. Das hat sich geändert. Die HLPS der Caritas Wien startete mit neun Schülern, die HLPS Villach mit 20. Mittlerweile jedoch stehen die Bewerber Schlange: In Wien haben sich für das kommende Schuljahr nicht weniger als 96 junge Leute für einen Ausbildungsplatz interessiert. „In den beiden letzten Jahren hätten wir aufgrund der großen Zahl von Bewerbern zwei Klassen aufmachen können“, meint Lissy. Insgesamt machen an der HLPS Villach derzeit etwa 140 Schüler in fünf Jahrgängen „Pflege mit Matura“, an der HLPS der Caritas Wien sind es 104.

Voraussetzung für den Eintritt in eine HLPS ist ein positives Zeugnis der siebten Schulstufe bzw. eine positive Schulnachricht der achten Schulstufe. Darüber hinaus gibt es ein ausführliches Aufnahmegespräch. Darin geht es um Fragen wie: Welche Motivation haben die Bewerber? Ist die Erwartungshaltung an den Pflegeberuf realistisch? Man müsse auf jeden Fall sichergehen, dass den Bewerbern klar sei, dass Pflege mit ungewohnten und körpernahen Tätigkeiten verbunden sei, sagt Lizzy. „Das Wichtigste ist, dass sie soziale Kompetenzen mitbringen und die Arbeit mit Menschen bereichernd finden“, unterstreicht Rohm. Wer zwar im Pflegebereich, aber nicht direkt an Menschen arbeiten möchte, dem empfiehlt sie eine andere Ausbildung. Die Caritas Wien zum Beispiel betreibt am gleichen Standort auch eine höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe mit Schwerpunkt Sozialmanagement. Wer sich etwa einen Job in der Verwaltung von Pflegeeinrichtungen vorstellen kann, ist hier an der richtigen Adresse.  

So verläuft die Pflegeausbildung mit Matura

Die Ausbildung „Pflege mit Matura“ wird an Höheren Lehranstalten für Pflege und Sozialbetreuung (HLPS) angeboten. Sie richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren, dauert fünf Jahre und kombiniert die Reifeprüfung mit dem Abschluss zur Pflegefachassistenz (PFA). HLPS-Standorte gibt es unter anderem in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark. Voraussetzung ist der Abschluss der 8. Schulstufe sowie ein positives Aufnahmeverfahren. Dieses „Aufnahmeverfahren“ ist kein zentraler Test, sondern umfasst typischerweise Zeugnisbewertung, persönliches Gespräch/Kennenlernen und eine schulinterne Entscheidung über die Aufnahme (bei begrenzten Plätzen).

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