In Österreich gilt das Spital traditionell als Herzstück des Gesundheitssystems. Das führt zu einer hohen, personalintensiven und teuren Dichte an stationären Betten. Das Dogma „ambulant vor stationär“ bleibt Fiktion. Bei Krankenbehandlung, Reha, Kuren oder Geburt gilt nach wie vor „stationär vor ambulant“. Die extramurale Versorgung blieb viel zu lange unterentwickelt, wurde verwaltet, aber nicht gestaltet. Die Folge: Nicht einmal jeder zehnte Arzt arbeitet als allgemeinmedizinischer Kassenarzt und nicht einmal jede zehnte Pflegekraft ist außerhalb von Spitälern oder stationären Pflegeeinrichtungen tätig. Schlechte Voraussetzungen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen.
Jahrzehntelanger Dornröschenschlaf
Jahrzehntelang befand sich die Primärversorgung in einem Dornröschenschlaf. Es dominierte das Modell der Einzelpraxis mit einer frequenzsteigernden Vergütung von Einzelleistungen, ohne echte Qualitätssicherung oder Gatekeeping, ohne Erhebung des Versorgungsbedarfs, mit marginaler akademischer Verankerung und Versorgungsforschung, ohne adäquate Struktur- und Angebotsplanung, ohne Ziel und Strategie. Die Zahl der Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag blieb seit 1960 unverändert. Stattdessen boomten Fachärzte und Wahlärzte. Allgemeinmedizinischer Kassenarzt konnte man werden, ohne einen Tag in einer Praxis gearbeitet zu haben. Pflegekräfte oder andere Gesundheitsberufe waren nur sehr vereinzelt angestellt tätig. Kein Wunder, dass im Jahr 2012 eine europäische Vergleichsstudie die österreichische Primärversorgung als „schwach“ bewertete.
Die Gesundheitsreform 2013 löste eine Aufbruchsstimmung aus. Erste multiprofessionelle Primärversorgungseinheiten (PVE) wurden gegründet, akademische Institute für Allgemeinmedizin eingerichtet, Primärversorgungskongresse organisiert, Primärversorgungsgesetz und Gesamtverträge beschlossen, eine Anstellung von Ärzten bei Ärzten möglich, die Plattform Primärversorgung mit EU-Mitteln finanziert und vieles mehr. Plötzlich war der Ausbau der Primärversorgung ein zentrales Anliegen der Politik und 2017 wurde sie erstmals Teil des Österreichischen Strukturplans Gesundheit (ÖSG). Inzwischen gibt es einen Fleckerlteppich von öffentlichen und privaten Anbietern, Einzelordinationen, Gruppenpraxen und PVE. Aber auch die Organisations- und Finanzierungsformen der PVE, von denen es 300 bis 2030 geben soll, haben eine Komplexität erreicht, die niemand mehr überblickt.
Qualität statt Quantität
Angesichts dieser zunehmenden Heterogenität sollten Bund, Länder und Sozialversicherung zumindest einen einheitlichen Versorgungsstandard garantieren. Qualität statt Quantität sollte das Ziel sein. Der ÖSG 2023 definiert zwar Aufgabenprofile und Kernkompetenzen für den extramuralen Bereich, lässt aber offen, wie diese vermittelt werden. Da die Ausbildung der Gesundheitsberufe nach wie vor primär stationär erfolgt, kommen interprofessionelle Zusammenarbeit und andere Kompetenzen für die Arbeit im extramuralen Bereich zu kurz.
Seit dem 1. Jänner 2026 stellt der neue Gesundheitsreformfonds den Krankenkassen zusätzliche Mittel für den Ausbau der Primärversorgung zur Verfügung. Diese sollten aber nicht nur in weitere Strukturen, sondern auch den Kapazitätsaufbau fließen. Sowohl bei den Gesundheitsberufen als auch in der Verwaltung. Diese Investitionen in den Aufbau von Netzwerken, Wissen und Fähigkeiten sind essenziell, um die Fiktion von „ambulant vor stationär“ endlich zu verwirklichen und die Schieflage des österreichischen Gesundheitssystems zu beenden.

Dr. med Martin Sprenger
ist Arzt und Gesundheitswissenschaftler in Graz. Er ist Mitarbeiter am Institut für evidenzbasierte Versorgungsforschung sowie am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der MediUni Graz.
martin.sprenger@medunigraz.at
Quellen und Links:
Sprenger M. Das Gesundheitssystem steht vor ultimativer Belastungsprobe. Österreichische Krankenhauszeitung. 2025; 66(4): 15-15.
Kringos D. The strength of primary care in Europe. Nivel, Utrecht, 2012.
